Videospiel "Heavy Rain": Der beste Digital-Thriller aller Zeiten

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Mit "Heavy Rain" will Spieleentwickler David Cage das Medium revolutionieren. Tatsächlich ist der interaktive Thriller ein großer Wurf: emotional, verstörend, optisch eindrucksvoll - manchmal aber auch quälend. Ein Meisterwerk mit mangelhafter Steuerung.

Irgendwann schlägt einem der ständige Regen aufs Gemüt - insofern passt "Heavy Rain" hervorragend in die Jahreszeit. Dass es in einem Spiel, das den Niederschlag im Titel trägt, ziemlich viel regnet, ist nicht weiter überraschend. Wie finster, depressiv und verloren die ständig durchnässte Welt aber erscheint, die der Franzose David Cage da erschaffen hat, überrascht dann doch. Nicht nur die düstere Geschichte, die durchweg verzweifelten Charaktere machen das Spiel so deprimierend. Das schlechte Wetter selbst spielt eine zentrale, am Ende auch spielentscheidende Rolle. Denn Regenwasser, so viel kann man verraten, ohne die Story zu ruinieren, ist die Mordwaffe des Serienmörders mit dem Spitznamen "Origami Killer", um dessen Untaten und Opfer es hier geht.

Der Killer fängt, stets im Herbst, kleine Jungs. Wenn sie ein paar Tage später ertrunken aufgefunden werden, haben die Opfer immer eine aus Papier gefaltete Tierfigur in der Hand. Der Spieler übernimmt abwechselnd die Steuerung einer Reihe unterschiedlicher Charaktere in dieser Geschichte: Ein FBI-Agent mit High-Tech-Ausrüstung und einem Drogenproblem, eine neugierige junge Journalistin, ein heruntergekommener Privatdetektiv. Die zentrale Figur aber ist eine echte Hiobsgestalt, der Vater des zuletzt verschwundenen Jungen. Er kann, je nach Spielverlauf, alles verlieren, trägt auf dem Weg dorthin aber in jedem Fall Verletzungen davon, physische wie psychische. Dieser Noir-Held wird dem Spieler zu Beginn in einer Szene von familiärer, sonnendurchfluteter Idylle vorgestellt. Sofort ist klar, dass hier Schreckliches geschehen wird.

In dieser ersten Szene zeigt sich auch, wie perfide Cage die Mittel des Mediums einsetzt: Wenn der Vater mit seinen beiden Söhnen im Garten balgt, wenn seine Frau dann zum Geburtstagsessen ruft, ist die Welt noch in Ordnung. Bliebe man im Garten, würde all das Schlimme nie passieren, die Welt bliebe sonnig, verharrte im Idyll. Aber die Geschichte ginge dann eben nicht weiter. "Heavy Rain" ist von existentialistischer Gemeinheit: Nur, wenn der Spieler handelt, dreht die Welt sich weiter. Tut er es aber, passiert oft nichts Gutes.

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"Heavy Rain": Killer-Thriller in Hochglanzoptik

Das Spiel kann unterschiedlich enden und verlaufen, in Abhängigkeit davon, wie man entscheidet, was man tut. Cage bricht dabei mit einer Videospiel-Grundregel: Ob das Schicksal der Figuren in einer Szene eigentlich längst feststeht, weiß man nie. Cage nimmt sich die Freiheit, den Spieler hin und wieder vor unlösbare Aufgaben zu stellen. Und die Freiheit, ihn auszutricksen: Auch über die Figuren, die man selbst lenkt, weiß man längst nicht alles. Manche mit Mühe vollbrachte Aktion nimmt rückblickend eine ganz andere, sinistre Bedeutung an - und das, obwohl man manchmal sogar die Gedanken seiner Spielfigur belauschen kann.

Geschossen wird bei alledem fast gar nicht: Die erzählerischen Konflikte sind hier in der Regel innere, keine bewaffneten. Es ist erstaunlich, wie gut das gelingt, wie stressauslösend es zum Beispiel sein kann, wenn man in der Rolle des Vaters den Teddy des Sohnes einfach nicht findet, wo der Kleine doch ohne den nicht einschlafen kann.

Nach "Fahrenheit" ist "Heavy Rain" Cages zweiter Versuch, interaktives Erzählen auf eine neue Stufe zu heben. Es ist ein beeindruckender, verstörender Wurf geworden, ein Spiel, das einen nicht mehr loslässt, auch wenn die Konsole längst ausgeschaltet ist. Für Sony ist das Spiel ein Glücksgriff, es erscheint exklusiv für die Playstation 3. Einen so erwachsenen Titel hat die Konkurrenz derzeit nicht zu bieten. Weil Cage ständig und mit voller Absicht die Regeln des Mediums bricht, fasziniert das Spiel aber nicht nur, es nervt gleichzeitig gewaltig: ein Meilenstein mit Makeln.

Auch erfahrene Spieler rennen immer wieder gegen Wände

Negative Emotionen sind seit jeher eine Spezialität von Videospielen - Angst ist das Gefühl, das sie bislang am verlässlichsten auslösen, von "Silent Hill" bis "Resident Evil". Trauer und Verzweiflung erzeugen Spiele bislang eher selten, von wenigen Ausnahmen wie dem einzigartigen "Shadow of the Colossus" abgesehen. Das hat viel damit zu tun, dass Spielfiguren bis heute meist wenig geeignet sind, echte Sympathie hervorzurufen. Tun sie es doch, so wie die Charaktere aus Nintendos "Mario"-Universum, dann sind sie viel zu niedlich, als dass ihre Schöpfer ihnen echtes Leid antun könnten.

Von Mario und Luigi sind die Figuren von "Heavy Rain" so weit entfernt wie Philip Marlowe von Micky Maus. Die meisten leiden wie die Hunde - und der Spieler leidet diesmal mit. Auch weil Cages Unternehmen Quantic Dream einen nie gekannten Aufwand in die Animation der Figuren investiert hat. So ganz wie richtige Menschen sehen sie immer noch nicht aus, aber sie sind nah genug dran, um Empathie zu wecken. Und das, obwohl Cage seine Story nicht ganz ohne Rückgriff auf Genreklischees über die Bühne bringt.

"Heavy Rain" löst negative Empfindungen aber auch noch auf andere Weise aus: Über die fürchterliche Steuerung. Damit die Figur, die der Spieler gerade lenkt, vorwärts läuft, muss er mit dem Zeigefinger eine Taste drücken und gleichzeitig mit dem linken Controller-Joystick die Richtung vorgeben. Die Branchen-Konvention ist aber: Wenn man den Stick in die entsprechende Richtung drückt, läuft die Figur los. Die Entkoppelung von Richtung und Bewegungsimpuls bei "Heavy Rain" soll es ermöglichen, den Kopf der Spielfigur auch im Stehen zu bewegen, sich umzusehen. De facto aber sorgt sie nur dafür, dass auch erfahrene Spieler immer wieder Türen verfehlen, gegen Wände laufen. Zum Realismus trägt das eher nicht bei. Unverständlich, dass Cage an dieser Entscheidung, die schon beim Vorläufer "Fahrenheit" heftig kritisiert wurde, festhielt.

Kein "Citizen Kane", aber trotzdem ein großer Wurf

Ein weiterer Bruch mit der Konvention: Man kann "Heavy Rain" kaum lernen. Zu den Standards des Mediums gehört seit "Pong", dass vermehrtes Spielen mit Fertigkeitserwerb einhergeht. Eine belohnende Lernkurve einzubauen, gilt als Qualität guter Spieldesigner. Cage dagegen lässt den Spieler immer dann, wenn es ernst wird, Kombinationen von Tastendrücken und Joystick-Bewegungen ausführen, die ad hoc vorgegeben werden, durch auf dem Bildschirm aufblitzende Symbole. So bleibt man bis zum Schluss ein Anfänger. "Heavy Rain" misst Reaktionszeiten, nicht motorisches Lernen.

In den dramatischeren Momenten des Spiels - und davon gibt es einige - werden diese Kombinationen so kompliziert, dass man seine Hand gehörig verrenken müsste, um sie auf Anhieb hinzukriegen. Das soll eine Art Pseudo-Realismus erzeugen - einem, der das noch nie gemacht hat, würde es eben auch in Wirklichkeit schwerfallen, in einer fließenden Bewegung eine Waffe zu ziehen und sein Gegenüber zu erschießen. Es führt aber gleichzeitig dazu, dass "Heavy Rain" den Spieler ein ums andere Mal fürchterlich frustriert. Zumal die vergeigten Tastenfolgen sehr ernste Konsequenzen haben können. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich allerdings jederzeit herunterregeln.

Wenn man die Geschichte einmal beendet hat, kann man aber einzelne Kapitel noch einmal beginnen, sich anders entscheiden, oder die vermaledeite Tastenkombination eben doch noch hinkriegen. Profi-Spieletester berichten vom "narrativen Stress" den das auslöst: Diesmal muss es klappen, sonst nimmt die Geschichte wieder den gleichen Verlauf wie beim letzten Mal. Und weil "Heavy Rain" ein Spiel mit langen Dialogen und gemächlich inszenierten Filmsequenzen ist, kann so ein Fehlversuch ziemlich viel Lebenszeit kosten.

Trotz allem kommt man, wenn man sich fürs interaktive Erzählen, für die Entwicklung des Mediums interessiert, um "Heavy Rain" kaum herum. Das "Citizen Kane" der Videospiele ist auch Cages zweiter Versuch nicht geworden, dazu wirft er zu viel über Bord, was schon erreicht war. Trotzdem ist "Heavy Rain" der beste interaktive Thriller, den es je gab.


"Heavy Rain", für Playstation 3, USK-Freigabe: Ab 16. Preis: Ca. 65,- Euro

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
frubi 25.02.2010
Zitat von sysopMit "Heavy Rain" will Spieleentwickler David Cage das Medium revolutionieren. Tatsächlich ist der interaktive Thriller ein großer Wurf: emotional, verstörend, optisch eindrucksvoll - manchmal aber auch quälend. Ein Meisterwerk mit mangelhafter Steuerung. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,680010,00.html
An diesem Spiel kann man aber gut sehen, dass die Videospielbranche im Gegensatz zur Musikbranche noch Raum für kreative Innovationen hat. Videospiele sind nicht mehr Pacman, Mario und Co.
2. Heavy Rain - endlich mal was Neues
testpott.de 25.02.2010
Zitat von sysopMit "Heavy Rain" will Spieleentwickler David Cage das Medium revolutionieren. Tatsächlich ist der interaktive Thriller ein großer Wurf: emotional, verstörend, optisch eindrucksvoll - manchmal aber auch quälend. Ein Meisterwerk mit mangelhafter Steuerung. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,680010,00.html
Ich finds ebenfalls klasse, besonders die Möglichkeit "Fehler" nachdem Durchspielen nochmal zu korrigieren. Am Anfang dachte ich auch - was für 'ne Steuerung - aber letztendlich erhöht sich dadurch die Dramatik im Spiel ungemeinm. Wer meinen Test mal hören mag: www.testpott.de
3. Genau!
termin8r 25.02.2010
...und es ist wirklich immersiv, zieht den Spieler also in die Spielwelt hinein. Meine Kopie ist noch im Versand aus UK, aber die Demo und natürlich der Vorgänger Fahrenheit waren wirklich sehr vielsprechend. Egal ob glaubhafte Charaktere, faszinierend düsteres Setting, Splitscreens oder das hervorragende Sounddesign plus filmreifer Soundtrack: Ich freu mich riesig, nass zu werden! Und ein weiterer, eindrucksvoller Beweis, dass Videogames anspruchsvolle Unterhaltung, auch für Erwachsene sein können!
4. ...
freqnasty 25.02.2010
wirklich zu blöd, daß ich morgen nach berlin muß, ansonsten wüßte ich, was zu tun wäre. ich werde mich arg beherrschen müssen, heute nicht nach feierabend noch bei gamestop zu halten, dieses spiel zu kaufen, und mir meine nachtruhe zu verderben :-)
5. Ewig hack and slay
tallinn1960 25.02.2010
Zitat von frubiAn diesem Spiel kann man aber gut sehen, dass die Videospielbranche im Gegensatz zur Musikbranche noch Raum für kreative Innovationen hat. Videospiele sind nicht mehr Pacman, Mario und Co.
Hmmh, da möchte ich einwenden, wenn ich so regelmäßig in die "Was ist neu?"-Trailer auf XBox Live sehe, dann sehe ich da immer wieder das ewig gleiche Hack and Slay. Die Setups varieren hinsichtlich der Epoche, der Waffen, und etlicher anderer sekundärer Aspekte, aber nie in ihrer Depressivität. Wenn man die Neuerscheinungen regelmäßig spielt, dann ist man doch kurz oder lang reif für den Therapeuten. Dass in Computerspielen immer düstere Gruselgeschichten erzählt werden, wo es doch eigentlich um Spass geht, stört mich, insbesondere wegen der Vorstellung, dass dies für einen guten Teil der Jugend tägliches Erleben darstellt. Früher hat man die Kinder mit Märchen in der Originalfassung und dem Struwwelpeter verkorkst und mit Ängsten vollgestopft. Heute machen das Computerspiele.
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