Videospiel "Rust" Wo die Zerstörung zelebriert wird

Sie machen in Minuten kaputt, was andere Spieler in Hunderten Stunden errichtet haben - und werden dafür gefeiert: Die Zunft der virtuellen Sprengmeister organisiert Abriss-Events, die unvergesslich bleiben sollen.

Facepunch Studios/ Dominik Schott

Von Dominik Schott


Ein Knopfdruck von Tylor genügt, um die Großstadt Capetown restlos zu zerstören. Dutzende Sprengkörper, die über Kilometer hinweg zu hören sind, werden die Fundamente der Gebäude nahezu zeitgleich pulverisieren. Wie ein gigantisches Kartenhaus soll die Stadt in sich zusammenfallen.

Aber vorher lässt der junge Mann seinen Blick ein letztes Mal über die Skyline der Metropole wandern: Hochhäuser reihen sich dicht aneinander und bilden tiefe Straßenschluchten. Bars und Büdchen buhlen mit schriller Werbung um die Aufmerksamkeit der Passanten. Ein großes, neu eröffnetes Krankenhaus wartet auf Patienten. Und direkt vor den Toren der Stadt gräbt sich das Meer in einen wunderschönen Sandstrand.

Eigentlich könnte das malerische Capetown an der Spitze der Top-Urlaubsziele 2018 stehen, aber es gibt einen Haken: Die Großstadt existiert nicht in unserer, sondern nur in der virtuellen Welt - und zwar auf den Servern des Videospiels "Rust".

Eine Spiel fast ohne Grenzen - aber mit Haltbarkeitsdatum

In der Welt von "Rust" teilen sich bis zu 400 Spieler eine riesige Insel und dürfen dort tun und lassen, was sie möchten. Es existieren keine Regeln, keine Ziele, keine Aufgaben - nur die Gefahr, zu verhungern oder zu verdursten, wenn man die Suche nach Nahrung vernachlässigt. Es ist ein simples Spielkonzept, das schnell viele Fans finden konnte: Seit der Veröffentlichung im Jahr 2013 lassen sich täglich zwischen 40.000 und 50.000 Menschen auf den Überlebenskampf ein.

Jeder Spieler beginnt sein virtuelles Leben nackt und wehrlos. Um ihre Überlebenschancen zu steigern, schließen sich die "Rust"-Anfänger deswegen gerne in Gruppen zusammen. Überlebt die Gemeinschaft lang genug, steht dem Bau einer Siedlung nichts im Weg. Nicht selten fließen für die Gründung einer Stadt wie Capetown Hunderte Stunden in die Beschaffung von Baumaterialien und die Konstruktion der Gebäude.

Doch keine Stadt in der Welt von "Rust" ist für die Ewigkeit gebaut - und dann werden Spieler wie Tylor um Hilfe gebeten.

Alte Gebäude müssen weichen

Tylor, der eigent

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Spiel "Rust": Kaputt machen, Spaß haben

lich Chef einer kleinen, amerikanischen Tankstellenkette ist und seinen Nachnamen nicht nennen möchte, hat sich in "Rust" einen guten Ruf als Sprengmeister erarbeitet. Der Mittzwanziger wird herbeigerufen, wenn eine der Großstädte abgerissen werden soll. Die Gründe für diesen Wunsch können dabei unterschiedlich ausfallen, wie der Tankstellenchef erklärt: "Manchmal ist die Spielwelt zu eng bebaut und lässt kaum noch Raum für neue Gebäude. Dann soll ich neuen Platz schaffen. Meistens aber werde ich gerufen, wenn ein sogenannter Server Wipe ansteht."

Alle vier bis sechs Wochen kommt es zu einem solchen Server Wipe, der die ältesten Gebäude löscht, um einen stark beanspruchten Server zu entlasten. Dieser Prozess ist vergleichbar mit dem Abriss von Ruinen in einer realen Stadt, um Platz für neue, moderne Häuser zu schaffen. Doch einen großen Unterschied gibt es: In "Rust" ist für den Abriss eigentlich kein Sprengpersonal notwendig. Ein Server Wipe passiert automatisch und ist nach wenigen Minuten abgeschlossen. Trotzdem gibt es einen guten Grund dafür, warum Tylors Arbeit so gefragt ist: "Die Spieler haben teilweise Wochen und Monate ihre Städte gebaut und bewohnt. Deswegen wünschen sie sich oft einen gebührenden Abschied von ihrem Zuhause, ein richtiges, spektakuläres Event!"

Eine schwierige Kunst

Sich dieses Abschiedsevent auszudenken, ist der vielleicht wichtigste Teil von Tylors Job. Ihm stehen einige technische Hilfsmittel zur Verfügung, mit denen er herumspielen kann. Darunter sind verschiedene Plugins und Mods, mit denen er Feuerregen, Staubwolken, Schneestürme oder gigantische Monster erscheinen lassen kann. Viele der Mods können in Online-Datenbanken gratis heruntergeladen werden, andere hat Tylor selbst programmiert.

Für den Abriss von Capetown hat er sich etwas besonderes ausgedacht: Sobald sich alle ehemaligen Bewohner weit genug von der Stadt entfernt und in Sicherheit gebracht haben, wird er zwei Kampfhubschrauber erscheinen lassen, die von einer künstlichen Intelligenz gesteuert werden. Sie überwachen das Abrissgelände aus der Luft, während Tylor überall in der Stadt Schatzkisten platziert.

Diese Kisten enthalten wertvolle Gegenstände, die in der Spielwelt rar und kostbar sind. Sie sollen die Zuschauer in Versuchung führen, trotz der patrouillierenden Hubschrauber doch noch einmal in die Stadt zu sprinten und sich die Beute zu sichern. Eine letzte, große Straßenschlacht in den Häuserschluchten der untergehenden Stadt, das wäre ein Abschied ganz nach Tylors Geschmack.

Zerstörung vertagt

Doch es kommt anders: Die Kampfhubschrauber verhalten sich aggressiver als erwartet und stürzen sich auf die wehrlosen Spieler. Und während die um ihr Leben rennen, häufen sich bei Tylor die Fehlermeldungen: Die virtuelle Zündschnur will einfach nicht anbrennen.

Allmählich beschweren sich immer mehr Zuschauer, die sich eigentlich einen spektakulären Abschied für ihre Heimatstadt gewünscht haben. Schließlich muss Tylor das Event abbrechen und die Zerstörung der Stadt vertagen. Der Sprengmeister nimmt die Enttäuschung der ehemaligen Capetown-Bewohner aber sportlich: "Fehler können passieren. Ich bin es gewohnt, dass nicht jedem gefällt, was ich veranstalte. Trotzdem ist es manchmal frustrierend, wenn kaum jemand deine Arbeit anerkennt, die du in die Eventorganisation steckst."

Bezahlt wird Tylor für die dutzenden Stunden der Planung und Vorbereitung nicht. Und auch seine Kollegen aus der Zunft der virtuellen Sprengmeister erledigen ihre Arbeit ohne Gegenleistung. Ihnen macht die Planung eines Abriss-Events Spaß, bei der die eigentliche Zerstörung der Stadt nur einen Bruchteil des Geschehens ausmacht.

Sprengmeister sind gefragt in der Community

Tylor schätzt, dass etwa hundert erfahrene Sprengmeister in der Community aktiv sind. Ein verschwindend geringer Anteil, doch ihre Arbeit ist gefragt und so sind alle Mitglieder fast immer für ein Event gebucht: "Wenn in der Welt von Rust eine große Stadt abgerissen werden muss, kannst du dir sicher sein, dass einer von uns damit zu tun hat", sagt er. Man bleibt untereinander in Kontakt, vergleicht Eventplanungen und tauscht Ideen für neue Aufträge aus. Vergleichbare Sprengmeister-Organisationen in anderen Spielen gibt es nicht.

Und auch wenn der eine oder andere Abschied von einer virtuellen Großstadt nicht immer wie geplant verläuft, ist die Community der Zunft nie lange böse. Nicht zuletzt, weil die Spieler wissen, dass ihre Werke nicht von Dauer sein können - wohl aber die Erinnerung an ihre Zerstörung.



insgesamt 4 Beiträge
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Bürger Icks 06.01.2018
1. Rust...
Ist erstmal ein niemals aus der Early Access phase herauskommendes Early Access/Alpha "Spiel"(Demo wohl eher), welches eine der übelsten "Communities" überhaupt hat. Da geht es tatsächlich nur noch um das sinnlose Töten anderer Spieler und Zerstören derer "mühsam" aufgebauter Gebäude. Ich hab Rust letzte Woche nach knapp zwei Jahren nochmal gespielt, nach 45 Minuten hatte ich praktisch ein mehretagige Festung, Kisten voller Nahrung, Materialien, mehrere Öfen am laufen, jedoch nur weil ich keinem "Mitspieler" begegnet bin und die Hubschrauber woanders sinnlos Spieler killten und Gebäude zerstörten. Ansonsten hätte es wohl anderthalb Stunden und drei Respawns gebraucht, bis das "Spiel" für mich durchgespielt war. Ich hatte nicht nur überlebt, ich lebte in schierem Luxus(wenn man den angeblichen "Survival"-Aspekt im Hinterkopf hat). Kein Grund mehr weiterzuspielen, da ich nicht auf diese sinnlose Killerei und das sinnlose Zerstören stehe. Fühle mich nicht wie Rambo wenn ich, voll ausgerüstet in einer Gruppe von 5-10 "Mann"(eher Männlein, wenn man die Vorstimmbruch-Stimmen hört) einen gerade gespawnten Nackedei, nur mit einem Stein in der Hand "bewaffnet", das Licht mit einem MG auspuste. Das wäre aber alles was mir jetzt noch zu tun bliebe, killen und zerstören. Ich kann mich noch an Rust erinnern, als es dort wirklich noch eine Community gab, man wirklich miteinander etwas geschaffen hat, sich gegenseitig geholfen hat und Spass miteinander haben konnte. Das war als es noch diese dämlichen Zombies gab, ganz am Anfang. Bevor das Spiel dann populärer wurde und von Hackern, Griefern und sogenannten Terrorkiddies gehijacked wurde. Habe heute noch Kontakt zu Leuten, die ich durch das ehemalige Rust kennengelernt habe. Keiner von denen spielt das heutige Rust mehr, schon lange nicht mehr. Die Grafik ist zwar besser, aber der Rest... Da könnte ich auch Call of Duty oder Battlefield spielen, wenn ich drauf stehen würde.
Peter Maller 07.01.2018
2. Beinah hätte ich mir......
......das Spiel nach dem Artikel besorgt. Desahlb vielen Dank für Ihren kundigen Kommentar!
moev 08.01.2018
3.
Zitat von Bürger IcksIst erstmal ein niemals aus der Early Access phase herauskommendes Early Access/Alpha "Spiel"(Demo wohl eher), welches eine der übelsten "Communities" überhaupt hat. Da geht es tatsächlich nur noch um das sinnlose Töten anderer Spieler und Zerstören derer "mühsam" aufgebauter Gebäude. Ich hab Rust letzte Woche nach knapp zwei Jahren nochmal gespielt, nach 45 Minuten hatte ich praktisch ein mehretagige Festung, Kisten voller Nahrung, Materialien, mehrere Öfen am laufen, jedoch nur weil ich keinem "Mitspieler" begegnet bin und die Hubschrauber woanders sinnlos Spieler killten und Gebäude zerstörten. Ansonsten hätte es wohl anderthalb Stunden und drei Respawns gebraucht, bis das "Spiel" für mich durchgespielt war. Ich hatte nicht nur überlebt, ich lebte in schierem Luxus(wenn man den angeblichen "Survival"-Aspekt im Hinterkopf hat). Kein Grund mehr weiterzuspielen, da ich nicht auf diese sinnlose Killerei und das sinnlose Zerstören stehe. Fühle mich nicht wie Rambo wenn ich, voll ausgerüstet in einer Gruppe von 5-10 "Mann"(eher Männlein, wenn man die Vorstimmbruch-Stimmen hört) einen gerade gespawnten Nackedei, nur mit einem Stein in der Hand "bewaffnet", das Licht mit einem MG auspuste. Das wäre aber alles was mir jetzt noch zu tun bliebe, killen und zerstören. Ich kann mich noch an Rust erinnern, als es dort wirklich noch eine Community gab, man wirklich miteinander etwas geschaffen hat, sich gegenseitig geholfen hat und Spass miteinander haben konnte. Das war als es noch diese dämlichen Zombies gab, ganz am Anfang. Bevor das Spiel dann populärer wurde und von Hackern, Griefern und sogenannten Terrorkiddies gehijacked wurde. Habe heute noch Kontakt zu Leuten, die ich durch das ehemalige Rust kennengelernt habe. Keiner von denen spielt das heutige Rust mehr, schon lange nicht mehr. Die Grafik ist zwar besser, aber der Rest... Da könnte ich auch Call of Duty oder Battlefield spielen, wenn ich drauf stehen würde.
Also wenn man da in nicht mal einer Stunde so viel aufgebaut hat, dann klingt das für mich jetzt nicht besonders tragisch wenn andere Spieler das niederreißen
TanjaFladra 08.01.2018
4. so ist es ja im Normalfall eben nicht.
Zitat von moevAlso wenn man da in nicht mal einer Stunde so viel aufgebaut hat, dann klingt das für mich jetzt nicht besonders tragisch wenn andere Spieler das niederreißen
Der Vorposter hatte einfach Glück, dass niemand gestört hat. Wenn man dauernd getötet wird und schon beim Aufbau alles zerstört wird, dann verliert man sehr schnell die Lust am Spiel und kommt auch nicht wirklich dazu was zu bauen. Und wenn doch, dann machen es trotzdem wieder andere Spieler kaputt. Das Spiel habe ich frustriert aufgegeben.
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