"We Happy Few" im Test Entzug macht klug

Das Computerspiel "We Happy Few" ist schön anzusehen und hat viele Einflüsse aus der Popkultur, von "Brave New World" bis "Bioshock". Spielerisch bleibt es hinter den hohen Erwartungen zurück.

Compulsion Games

Von Achim Fehrenbach


"Bist du verdrossen, flugs Soma genossen." In Aldous Huxleys Roman-Klassiker "Schöne Neue Welt" (eng. Brave New World) macht eine autoritäre Regierung die Menschen mit der Droge Soma gefügig. Damit jeder Bürger das Glücksrezept verinnerlicht, erfinden die Oberen Reime wie: "Ein Gramm versuchen ist besser als fluchen."

Ganz ähnlich ist die Ausgangslage im Computerspiel "We Happy Few", das jetzt für PC, PS4 und Xbox One (60 Eur, USK 16) erschienen ist. Im Großbritannien der Sechzigerjahre wird die Droge "Joy" von oben verordnet. Die Konsumenten nehmen die Welt in leuchtenden Regenbogenfarben war, als permanente Party, in der die Vergangenheit nichts gilt und die Zukunft ein ewiges Glücksversprechen ist. Die Abhängigen tigern rastlos über das fiktive britische Eiland Wellington Wells, ihr Dauergrinsen hinter Clownsmasken verborgen.

Drogenkonsument oder "Downer"

Wer "Joy" hingegen ablehnt und sich mit den eigenen Erinnerungen konfrontiert, gilt als "Downer" und wird erbarmungslos gejagt. Das gilt auch für Arthur Hastings, den ersten von drei Protagonisten des Spiels, die der Reihe nach auftreten und neben unterschiedlichen Eigenschaften auch unterschiedliche Sichtweisen bieten.

Eben noch arbeitete Arthur fleißig für die Zensurbehörde von Wellington Wells. Als biederer Schreibtischtäter sorgte er dafür, dass nur die positivsten Zeitungsmeldungen den Weg in die Öffentlichkeit fanden.

Doch dann wird Arthur zusehends von seinen Erinnerungen übermannt: an den verschollenen Bruder Percy und an die Dinge, die in den vergangenen drei Jahrzehnten passierten. In der Alternativwelt von "We Happy Few" haben die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen und Großbritannien besetzt. Was dann geschah, plagt die Bewohner von Wellington Wells bis heute - vorausgesetzt, sie nehmen kein "Joy", so wie Arthur. Der eigentlich kreuzbrave Zeitgenosse will nur noch weg aus dieser zerbröselnden Gesellschaft. Und wird auf seiner Flucht immer mehr zum Kämpfer.

Ein spannenderes Thema hätten sich die Macher vom kanadischen Studio Compulsion Games kaum aussuchen können. In Zeiten vermeintlicher und echter Fake News und allgegenwärtiger -Social Media-Abhängigkeit erhalten Werke wie "Brave New World", "1984" oder auch "Brazil" eine Aktualität, die sie womöglich nie zuvor hatten. Dass Spieler selbst zum Teil dieser Maschinerie werden und sich von ihr emanzipieren müssen, ist eine der besten Ideen von "We Happy Few". Wer nämlich eifrig "Joy" futtert, hat es in vielen Spielsituationen leichter. Auf den knallbunten Straßen von Wellington Wells wird Arthur dann weder von barschen Bobbys noch von Grinsebürgern angegriffen. Allerdings lüftet Arthur nur dann das Geheimnis seiner Vergangenheit, wenn er sich der Droge systematisch entzieht.

Großartige Story, aber kleinteilige Spielmechanik

"We Happy Few" ist also ein spielerischer Balance-Akt. Da kann es schon mal zu Missverständnissen kommen. So verweigerte die australische Regierung dem Spiel zunächst eine Freigabe, mit der Begründung, es würde Drogenkonsum verherrlichen. Letztlich konnte Compulsion Games die australischen Behörden aber davon überzeugen, dass "We Happy Few" das Gegenteil tut.

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Fotostrecke: "We Happy Few": Alles so schön bunt hier

Nicht nur wegen des Settings hätte "We Happy Few" großartig werden können. Auch atmosphärisch überzeugt das Spiel mit Sechziger-Jahre-Schick, retrofuturistischen Waffen und malerisch-morbiden Schauplätzen, die mehr als einmal an den Klassiker "Bioshock" erinnern. Doch leider gelingt es den Machern nicht, die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten. "We Happy Few" lenkt zu häufig von der durchaus packenden Story ab, sei es durch exzessives Sammeln und Basteln, durch die reichlich plumpen Kämpfe oder die schlechte Gegner-KI. Viel zu viele Passagen des Spiels bestehen aus simplen Hol- oder Suchaufgaben. Auch die Gespräche mit den Bürgern von Wellington Wells bleiben seicht und bedeutungsarm.

Wobei man berücksichtigen muss, dass "We Happy Few" kein Blockbuster-Titel wie "Call of Duty" oder "Fifa" ist: Die Firma Compulsion Games hatte ursprünglich nur ein Dutzend Mitarbeiter, ein Großteil des Spiels wurde über Early Access finanziert. Ursprünglich war es auch als virtueller Sandkasten mit viel Crafting, zufallsgenerierten Umgebungen und einem hohem Schwierigkeitsgrad gedacht. Sogar einen Permadeath hatten die Entwickler im Sinn.

Dass "We Happy Few" nun als weitgehend lineares Action-Adventure erscheint, mag an der Early-Access-Community liegen. (Der Sandbox-Modus soll später hinzukommen.)Und womöglich auch am Einfluss der Firma Microsoft, die das Independent-Studio in diesem Jahr aufkaufte. Jedenfalls leidet das Spiel am ständigen Spagat zwischen großartiger Story und allzu kleinteiliger, oft mühsamer Spielmechanik. Für Fans dystopischer Spielwelten ist "We Happy Few" dennoch alles andere als ein Downer.

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