Fünf Gaming-Trends Wie wir in Zukunft spielen

Ersetzt Virtual Reality das normale Videospielen? Und wie können Spiele-Blockbuster besser werden? Hier sind fünf Thesen zur Zukunft des Gamings.

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Spielkonsolen sind eine "gefährdete Spezies", meint Don Daglow. Der Kalifornier ist eine Branchenlegende. Mit "Dungeon" entwickelte er Mitte der Siebzigerjahre eines der ersten Computer-Rollenspiele. Warum sollte eine Konsole nicht bald Teil des Smart-TV sein statt einer Extra-Kiste, fragt er auf der Berliner Entwicklerkonferenz Quo Vadis sein Publikum. Bis 2027 rechne er mit einem Aussterben der Konsolen, sagt Daglow und toppt damit seine Ankündigung. Eigentlich wollte er nur einen Ausblick geben, was bis 2022 in der Spielebranche passiert.

Wobei "nur" ein irrer Begriff ist. Wie viel sich binnen fünf Jahren ändern kann, zeigt das Beispiel Virtual Reality (VR): Nach einem Flop in den Neunzigerjahren war die Technologie für Gamer kaum noch ein Thema. Dann wurde 2012 ein Prototyp der Oculus Rift vorgestellt. 2014 kaufte Facebook die Firma dahinter, vergangenes Jahr kam die Brille auf den Markt - an der Seite mehrerer Konkurrenzprodukte. VR war zurück.

Doch so schwer es ist, Gaming-Trends vorherzusehen, so groß sind der Reiz und der Druck, das zu tun: für Spielehersteller, für Hardwarefirmen, für Investoren - auch, weil die Entwicklung von Spielen und den passenden Geräten oft Jahre dauert.

Basierend auf Daglows Vortrag und eigenen Interviews stellen wir fünf Thesen über die nähere Zukunft der Branche auf:

1) VR-Gaming wird das normale Spielen nicht ersetzen.

Der Hype um Virtual Reality ist groß und das zurecht: So intensive Erlebnisse wie mit einer VR-Brille und Hand-Controllern bietet keine andere Art des Spielens. Selten konnte man sich zum Beispiel so sehr als Superheld fühlen wie in "Superhot VR": In Zeitlupe weicht man mit echten Bewegungen tödlichen Kugeln aus, reißt dem Gegner die Pistole aus der Hand, um ihn in letzter Sekunde auszuschalten.

In nächster Zeit dürften die Brillen günstiger werden und das Angebot an dauerhaft motivierenden VR-Spielen wachsen. Trotzdem scheint absehbar, dass das normale Spielen - mit Gamepad, Maus und Tastatur - von VR nicht abgelöst wird.

Denn viele Spieler spielen nicht, um in andere Welten zu entfliehen. Eine Runde "Fifa" oder "Counter-Strike" hilft vielen beim Entspannen, sie schätzen es, das nebenbei machen zu können. VR dagegen fordert stets die volle Aufmerksamkeit. VR-Spiele mit Bewegungssteuerung sind oft körperlich anstrengend. VR ist für Spieler daher eine faszinierende Ergänzung zum normalen Spielen, kein Ersatz.

"Ich halte es für wahrscheinlich, dass VR etwas für besondere Gelegenheiten oder besondere Inhalte wird", meint auch Spieleforscher Jesper Juul aus Kopenhagen. Man werde die Technik in Freizeitparks oder bei Ausstellungen erleben können: "Aber wir werden VR nicht unbedingt jeden Tag nutzen."

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"Circle of Saviors": Spielhallen-Virtual-Reality aus Japan

2) Wir werden fast überall fast alles spielen können.

Spätestens "Pokémon Go" hat gezeigt, wie stark Mobilspiele den Alltag beeinflussen können. Bislang sind die Spiele, die wir unterwegs spielen, allerdings oft anders, simpler als die, die man zuhause auf der Spielkonsole oder am PC spielt. Geräte wie die Anfang 2017 erschienene Nintendo Switch und Begleit-Apps zu Blockbuster-Spielen verwischen diese Grenze jedoch zusehends.

Zwei Entwicklungen, die sich gegenseitig befeuern, könnten die Grenze weiter einreißen: Einerseits werden die Internetverbindungen besser, die Datenvolumina größer, was es etwa möglich machen wird, aufwendigere Spiele auf Mobilgeräten zu spielen - weil sie nicht direkt auf dem Gerät laufen, sondern gestreamt werden.

Frau mit HoloLens-Brille
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Frau mit HoloLens-Brille

Andererseits tüfteln diverse Firmen an Augmented-Reality-Brillen, die die Realität erweitern und virtuelle Dinge ins normale Sichtfeld einblenden.

Solche Brillen wie die HoloLens von Microsoft wären ein naheliegender Weg, um Spiele wie "Pokémon Go" eindrücklicher und leichter nebenbei spielbar zu machen.

"Apple oder sonstwer wird in den nächsten fünf Jahren eine Endkundenversion solch einer Hardware herausbringen, mit der man Dinge wie Facebook direkt vor den Augen hat", glaubt der Spieleentwickler und Berater Christian Fonnesbech. "Augmented Reality wird meine Kontaktlinsen und deine Brille übernehmen."

Mit einer guten AR-Brille werde man auch ganz normale Spiele überall spielen können, sagt Fonnesbech - auf den Brillengläsern statt auf einem normalen Bildschirm. Und man könnte womöglich mit demselben Gerät jederzeit zwischen VR und AR umschalten. "Man wird sich fragen: Will ich ein Spiel mit halber oder voller Immersion?", sagt Fonnesbech.

Große Fortschritte in Sachen Spiele-Streaming hält auch Sonys Playstation-Spitzenfunktionär Jim Ryan für möglich, der mit Playstation Now in einigen Ländern bereits ein solches Angebot betreibt. Noch sei das Streaming im Bereich Games ein kleines Geschäft, mit komplexeren Hürden als bei Musik oder Filmen, sagt der Sony-Manager, verweist dann aber auf den technischen Fortschritt: "Etwas, das vor fünf Jahren unlösbar war, lässt sich jetzt sehr wohl lösen."

3) Für klassische Solo-Spiele wird es schwerer.

Schon jetzt gibt es viele Spiele, die man ohne Ende spielen könnte - weil sie dank regelmäßiger Updates ständig erweitert werden. Ging Spielen früher noch als Hobby durch, ist der Markt heute so vielfältig, dass man allein "League of Legends" oder "Destiny" als eigene Hobbys ansehen könnte.

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Das waren die E3-Highlights: Die Hits des Spielejahrs 2017

Unter der großen Aufmerksamkeit, die solche Spiele auf sich ziehen, teils auch durch E-Sports-Turniere, leiden andere Bereiche der Branche: So fällt es etwa den Entwicklern klassischer Einzelspieler-Spiele - Adventures beispielsweise - schwerer als früher, von ihren Produkten zu leben - auch, weil sie in der Regel nur einmalig, beim Kauf des Spiels, dafür bezahlt werden. Abomodelle versprechen dagegen jahrelang Einkünfte.

"Viele Spielefirmen hängen daran, Vinyl-Platten zu machen", sagt Berater Fonnesbech, der überzeugt ist, dass Spiele ohne Online-Funktionen zur Nische werden. "Ich will immer noch gute Storys", sagt er. "Aber ich möchte sie mit meinen Freunden erleben. Wir haben erst den Anfang dessen gesehen, was Multiplayer bedeutet."

Leseraufruf zum Thema Spielepreise
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Branchenlegende Daglow meint, dass auch die Spielepreise entscheidend dafür sein werden, was Spieler überhaupt noch ausprobieren. "Free-to-Play- und 99-Cent-Titel schaden den Verkäufen von höherpreisigen Spielen, die keine Fortsetzungen sind oder bekannte Lizenzen haben", sagt er.

4) Neue Ideen sind wichtiger als Grafikeffekte.

Für nicht mehr so wichtig hält Don Daglow neue Entwicklungen bei der grafischen Qualität: Über den Erfolg eines Spiels entscheide nicht, ob es mit 60 Bildern pro Sekunde läuft oder eine gute Beleuchtung hat. "Früher haben wir beim Essen gesagt: Wenn wir 256 Farben hinkriegen, wird sich alles ändern", sagt er. "Heute müssen sich Bilder bewegen, damit wir noch einen Unterschied bei der Qualität bemerken."

Weltweiter Überraschungserfolg "Minecraft"
TeamMojang

Weltweiter Überraschungserfolg "Minecraft"

Tatsächlich war der größte Überraschungserfolg der letzten Jahren "Minecraft" - ein Spiel, dass durch seine Möglichkeiten überzeugte, nicht durch seine Optik - wenngleich es im unverwechselbaren Klötzchen-Look daherkam. Jesper Juul aus Kopenhagen sagt: "Wir erwarten nicht, dass die meisten Spiele 'fotorealistisch' sind, aber dass sie dafür einen Sinn für Stil haben."

Johanna Pirker, Games-Forscherin an der TU Graz, erhofft sich vor allem von VR neue Impulse. Eins zu eins könne man die meisten klassischen Spielkonzepte nicht umsetzen, sagt sie, insofern seien die Entwickler gefordert, Neues zu probieren. "In Sachen Kreativität sind die größten Sprünge möglich", sagt Pirker. "Allein dadurch, dass die Branche zunehmend bunter wird, dass sich Menschen leichter einbringen können, werden wir Innovationen erleben - etwa in Form neuer Genres."

5. Kleine Frustmomente in Spielen werden selten.

Auch bekannte Spielekonzepte wie Open-World-Spiele werden wohl noch Qualitätssprünge machen - dank der Wissenschaft. "Es gibt ein Forschungsfeld, wo es darum geht, kleine Erfahrungen zu optimieren", sagt Johanna Pirker: "Games User Research".

Fanden viele frustrierend: Inventarsystem aus "Resident Evil Zero"
Capcom

Fanden viele frustrierend: Inventarsystem aus "Resident Evil Zero"

Größere Hersteller wie Electronic Arts oder Ubisoft würden mit entsprechenden Abteilungen und Testpersonen bereits versuchen, störende Kleinigkeiten in Spielen zu identifizieren und loszuwerden - etwa nervige Inventarsysteme. "Meine Hoffnung ist, dass sich demnächst auch kleinere Studios so etwas leisten können", sagt Pirker.

Wissenschaftlich verbessert könnten die Spiele der Zukunft also weniger Frustmomente bieten, allgemein runder laufen - egal, ob man sie nun in VR, in AR oder wie bisher mit dem Gamepad von der Couch aus erlebt.

Playstation-Manager Jim Ryan sagt zu Daglows Prognose zum Konsolen-Aussterben übrigens, schon 2013 - beim Launch von Playstation 4 und Xbox One - habe es eine Menge Leute gegeben, die den Konsolen ein Scheitern voraussagten - weil die Ära der Geräte fürs Gaming vorbei sei. "Die Leute lagen daneben", meint Ryan, "ganz klar."


Hörtipp zum Thema: In Folge 4 des Netzwelt-Podcasts "Netzteil" spricht Moderatorin Teresa Sickert mit dem Redakteur Markus Böhm über aktuelle Gaming-Trends und wo sie hinführen könnten:

Tech-Podcast Netzteil #4 zu Gaming der Zukunft: Wie sich das Spielen verändert

Wie Sie die Folge über die Podcast-App Ihrer Wahl finden, erfahren Sie hier.



insgesamt 17 Beiträge
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Shelumia 24.06.2017
1. E-Sports
Ich denke eine der wichtigsten Bereiche zukünftiger Videospiele wir der E-Sports Bereich sein. Schon heute is Leauge of Legende oder wie es seine Spieler nennen "LoL" das erfolgreichste Online Spiel überhaupt. Weltmeisterschaften werden auf Fernsehsendern wie Sport 1 übertragen und ganze Stadien gefüllt. Große Fußballvereine wie PSG oder Schalke 04 besitzen bereits eigene LoL Teams.
vitalik 24.06.2017
2.
1.) Gerade das Spiel Superhot VR zeigt die Krankheit von VR-Spielen. Das Spiel gibt es nämlich auch für den PC und dort bietet das Spiel viel mehr Möglichkeiten und auch Spielelemente. In der VR Version bleibt man nur an einem Punkt stehen und kann sich nicht weiter bewegen. Wie bei den meisten VR Titeln handelt es sich um eine kleine Demo, welche nur für ein paar Stunden für Spaß sorgt, aber leider keinerlei Langzeitmotivation bietet. Weiterhin ist es immer noch so, dass die Bewegungskonzepte bei VR eher schlecht sind und bestehen in den meisten Fällen aus Sprüngen, somit sind eben kein First-Person Games möglich. Gaming am Fernseher ist Blödsinn. Wer sich ein wenig mit Fernsehern beschäftigt hat, wird wissen, dass selbst die aktuellsten Topmodelle für 8000 Euro Hardware enthalten, die nicht mal mit einem 200 Euro Smartphone mithalten können. 2.) Die Mobilegames bleiben weiterhin Mobilegames, da hier schlicht die Steuerungsmöglichkeiten fehlen. Es werden weiterhin einfache Spiele sein, welche geringe Entwicklungskosten haben und voll auf die Masse setzen. Es sind dann wieterhin Free-2-Play Titel, die sich über Werbung finanzieren. Ein Vollpreistitel für Smartphone für 60 Euro würde sich kaum einer kaufen wollen. 3.) Solche Perlen, wie Witcher oder die fünfte HD Version von Skyrim zeigen, dass die Nachfrage nach Singleplayer Spielen da ist. Sicherlich locken die Multiplayerspiele (LoL, Dota2, CS GO) viele Spieler, aber das tut Counterstrike bereits sein Jahrzehnten und trotzdem gibt es viele andere Spiele. Übrigens, solche Monster wie WoW verschwinden auch langsam. 4.) Mutige Aussage. Sicherlich gibt es Hype-Games, wie Minecraft, die auf das Gameplay setzen, aber der Markt zeigt doch deutlich, dass die AAA-Titel immer mit der Grafik beworben werden, sie Forza, GT und Co. 5.) Man braucht keine Wissenschaft für solche Information. Man sollte einfach, wie bei StarCitizen, die Community besser einbinden. Was passiert, wenn man auf die Community nicht hört und nur auf Hype setzt hat man bei NomansSky gesehen. Übrigens, Tester und Previewspieler haben die großen Hersteller auch bereits seit Jahren.
LeifPetersen 24.06.2017
3.
www.hologate.com Virtual Reality Multiplayer. Zusammen spielen in einer neuen Dimension. Das ist die Zukunft. Fehlt in diesem Artikel. Gibts jetzt in München!
vitalik 24.06.2017
4.
Zitat von LeifPetersenwww.hologate.com Virtual Reality Multiplayer. Zusammen spielen in einer neuen Dimension. Das ist die Zukunft. Fehlt in diesem Artikel. Gibts jetzt in München!
Die Zukunft sieht also so aus, dass man nur in entsprechenden Lokalitäten spielen kann? Wie oft soll man das machen? Täglich wird es wohl niemand machen, da es einfach zu teuer ist. Für mich sieht es nicht nach einem Massenmarkt aus, wie kann es die Zukunft sein. Ich sehe es eher als eine zusätzliche Möglichkeit neben Bowling, Paintball, Laserteck und Co. Wie oft schafft man es seine Freunde (Altergruppe 25-35 mit Kleinkindern) zu versammeln und davon zu überzeugen, dass man jetzt Computerspielen geht?
großwolke 24.06.2017
5. AR wirklich die Zukunft?
Ich frage mich, wo die Phantasien über Augmented Reality herkommen. Erinnert sich noch irgendjemand an die google glass? Ist noch gar nicht so lange her, wurde mit großem Gebrüll abgelehnt. Nicht etwa, weil die Technik nicht ausgereift gewesen wäre, es war wegen Datenschutz-Bedenken. Warum die auf einmal verschwunden sein sollten, ist mir nicht so ganz klar. AR-Spiele mit Blicksteuerung und dergleichen fände ich zwar ganz nett, aber so eine Brille müsste ein geschlossenes Gaming-System sein, ohne Möglichkeiten, externe Apps laufen zu lassen. Ansonsten kommt der nächste Shitstorm über die Technologie.
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