Videospiele Mehr Geist bitte, liebe Games-Tester

Aktuelles Spiel "Deus Ex - Human Revolution": Die Kritik muss intelligenter werden

Aktuelles Spiel "Deus Ex - Human Revolution": Die Kritik muss intelligenter werden

2. Teil: Stundenlöhne wie im Reinigungsgewerbe


Während Spielefirmen die Qualität ihrer Öffentlichkeitsarbeit in den vergangenen 15 Jahren stark verbessert haben, ist der Professionalisierungsgrad deutscher Spielemedien rückläufig. Der Konkurrenz durch Enthusiasten-Angebote aus dem Internet begegnen die etablierten Verlage, indem sie sich deren Methoden aneignen. An die Stelle integrierter Fachredaktionen rücken Laiennetzwerke. Der Umbau entspringt dem Gedanken, dass man für die Vielfalt der Spiele - vor allem der unzähligen Online-Rollenspiele - eine Vielfalt von Spezialisten brauche. Das entspricht in etwa der Vorstellung, dass ein großer Garten am besten einen Experten für Rosen, einen für Hibiskus, einen für Flieder benötigt.

Die Aufgabe eines Journalisten schließt ein, sich Detailwissen anzueignen, indem man Spezialisten befragt. Aber Journalisten, die das beherrschen, sind teuer, Laien günstig. Manche Publikationen werden inzwischen zu einem großen Teil von Praktikanten gefüllt. Freie Autoren erreichen bei einem Durchschnittshonorar von 200 Euro für einen Test nicht selten einen Stundensatz, der unter dem Mindestlohn für Reinigungskräfte (8,55 Euro) liegt.

Personal aus Amateuren rekrutiert

Die Verlage lagern Wissen aus, aber integrieren gleichzeitig Enthusiasmus und Fan-Tum. Eine nüchterne Distanz zum Medium macht das zumindest nicht wahrscheinlicher. Wie der deutsche Fachjournalismus einer Milliardenindustrie auf Augenhöhe begegnen will, wenn er sein Personal aus Amateuren rekrutiert, bleibt unklar.

Deutsche Spielekritiker haben sich in einem Biotop eingerichtet, das ihnen minimalen Denkaufwand abverlangt. Ihr journalistisches Niveau ist schwach, der Grad an intelligenter Reflexion erschreckend gering. Man wünschte sich angesichts eines "Modern Warfare 2" auch in Deutschland einen so luziden Kommentar wie den von John Peter Grant in dessen Blog Infinite Lag. Man hätte gehofft, dass das aktuelle "Deus Ex: Human Revolution" nicht nur danach beurteilt wird, wie nah es am ersten "Deus Ex" ist, sondern auch danach, wie glaubhaft seine transhumanistische Zukunftsvision ausfällt und warum. Dass ein so vielversprechender Text wie der von Martin Woger für Eurogamer.de nach dem erkenntnisreichen Einstieg dann doch nicht darum herumkommt, alle Waffentypen des Spiels aufzuzählen, spricht Bände.

Den Blick aufs Ganze richten, Kontext kennen, Einordnung geben

Wenn gute Games-Kritik unbezahlbar geworden ist, dann muss man sich fragen, ob das Geschäftsmodell noch stimmt - oder die Definition dessen, was "gut" bedeutet. Der Gedanke, dass Fachmedien möglichst jedes Spiel möglichst schnell möglichst vollständig zu beurteilen hätten, ist utopisch geworden. Die Verlage klammern sich an das überkommene Konzept der gründlichen Inspektion, doch der Versuch, es aufrechtzuerhalten, wirkt selbstzerstörerisch. In Zeiten, in denen sich die Gestalt von Spielen durch Patches und Zusatzinhalte im Verlauf eines Monats verändern kann und Online-Spiele (MMOs) eine kontinuierliche Evolution durchlaufen, sind statische Bewertungen auf Sand gebaut.

Ist es denkbar, ein Spiel sinnvoll zu beschreiben, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben - und so, dass sich Spieler trotzdem in ihrem Hobby ernst genommen fühlen?

Eine relevante Games-Kritik, die Impulse setzen, Leser ansprechen und den Diskurs um das Medium Videospiel bereichern will, braucht eine neue Ausrichtung.

  • Sie muss aufhören, Spiele als Summe einzelner Teile zu begreifen. Sie muss ihren Blick auf das Ganze richten, den Kontext kennen und Einordnung geben.
  • Sie muss intelligenter werden, sie muss die Funktionsbeschreibung zurückschrauben zugunsten der Interpretation. Sie muss ihre funktionalen Urteile über Spiele ergänzen durch ökonomische, politische, ethische, künstlerische und gesellschaftliche Urteile.
  • Sie muss Plattformdenken ablegen und das Medium Spiel in all seinen Ausprägungen ernst nehmen.
  • Sie muss neue Erzählweisen finden; sie muss Geschichten über Spiele erzählen, nicht nur Geschichten aus Spielen.
  • Sie muss neue Themen aufspüren und journalistisch arbeiten, sie muss Geschehnisse hinterfragen, recherchieren und eigene Gedanken entwickeln. Sie muss sich als Kontrollinstanz für ihre Branche verstehen, nicht als Erfüllungsgehilfe der Industrie.
  • Sie muss, kurzum, der Bedeutung des Mediums Videospiel Rechnung tragen. Dazu gehört, das engagierte Laientum, mit dem sie kokettiert, abzulegen und sich endlich zu professionalisieren.

Die Chefredaktionen der maßgeblichen Medien stellen sich seit Jahren nicht ausreichend der Frage, welche Aufgabe die Spielekritik heutzutage erfüllen kann und wo ihr Publikum liegt. Es ist höchste Zeit, diese Debatte nachzuholen.

Wer alte Konventionen in Frage stellt und journalistische Kreativität erneuert, der weckt Interesse über bewährte Zielgruppen hinaus. "11 Freunde" kann man auch (und gerade!) dann mit Gewinn lesen, wenn man Fußball im Großen und Ganzen für Zeitverschwendung hält. Über Videospiele soll es ja ähnliche Ansichten geben.

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insgesamt 278 Beiträge
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Seite 1
Putzer, 05.09.2011
1. nö
Wenn angebliche Fachredakteure solcher Zeitschriften das Lesen eines umfangreicheren Benutzerhandbuches als "wenig Einsteigerfreundlich" kritisieren sollte man sich nicht wundern, dass die eigene Leserschaft irgendwann auch das Lesen eines Fachmagazins als zu anstrengend ablehnt.
freibier0815 06.09.2011
2.
Toller Artikel, der genau meine Meinung wiedergibt. Die Fachwelt echauffiert sich darüber, dass Videospiele nicht als Kunst anerkannt werden, entromantisiert aber Meisterwerke, indem sie sie bis zur Belanglosigkeit in Einzelteile zerpflückt. Man denke nur an Tests von ComputerBild Spiele, in denen tatsächlich jedes winzige Detail mit einer Einzelnote versehen wird und daraus am Schluss ein Durchschnitt ermittelt wird, als hielte es sich um ein Abiturzeugnis. Wird bei einem Van Gogh separat bewertet, wie viele Farben er gewählt hat und wie viele Pinselstriche er (vermutlich) gemacht hat? Wie dem auch sei, großes Lob an den Verfasser.
andy1977 06.09.2011
3. Bravo
Der Artikel schreibt viel Wahres. Ich bezeichne mich selbst bereits seit Jahren viel lieber als Spielekritiker anstatt -tester. Meine Vorbilder waren früher mal Heinrich Lenhardrt, Boris Schneider und Anatol Locker... heute ist es einzig und allein Roger Ebert. Ich möchte ungern über meine Kollegen wettern, aber es spricht Bände, wenn ich nirgends sonst als bei den Filmkritikern das Gefühl habe, etwas dazu lernen zu können. Die von Christian Schmidt aufgeführten Forderungen möchte ich allesamt unterstreichen, auch wenn ich selbst diesem Anspruch sicherlich nicht gerecht werde - allerdings werde ich mir die Punkte merken und verstärkt darauf achten. Auch ich sehe das Aufzählen von Waffengattungen oder das Beschreiben der Benutzerführung als fragwürdig,außer man möchte damit einen konkreten Störpunkt benennen, der einem wirklich wichtig erscheint. Auch das Nacherzählen der Geschichte ist stets ein Ärgernis, weil eben so viele Geschichten 08/15 sind - wieso also dann groß darüber schreiben? Und den Aspekt "Anspruch auf Vollständigkeit" verteidigte ich ebenfalls bis gut vor fünf Jahren, um dann endlich einzusehen: Lass es, das geht einfach nicht. Vom Pseudo-Objektiven-Gelaber mal ganz zu schweigen... Eine meiner liebsten Arbeiten derzeit ist das Schreiben von Artikeln speziell für Eltern, die einen Ratgeber für ihre Kinder suchen. Dort bin ich gezwungen, eben nicht bis ins Detail zu gehen, sondern ganz gezielt zu sagen: Ist das Spiel für Kinder geeignet, wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht? Punkt.
Taramsis 06.09.2011
4. Er hat recht
Als Gamestar Leser der ersten Stunde ist es schade, dass gute Redakteure wie Christian Schmidt immer seltener werden. Zwar ist das Niveau von der Gamestar noch immer besser als die anderen, dennoch ist festzustellen, dass immer neue Praktikanten auftauchen und wieder gehen. Weiter so Herr Schmidt ...
TangoGolf 06.09.2011
5. PC im doppelten Sinn
Gesellschaftliche, politische und ethische Bewertungskriterien? Also political correctness? Wie um alles soll das die Branche retten?
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