Ich habe mein Handwerk - das Testen von Computerspielen - auf sehr gründliche Weise gelernt. Mein erster Chefredakteur reichte mir meine Texte gewöhnlich mit einer Reihe von Fragen zurück, die mit rotem Stift an den Rand des Blatts gesetzt waren: Wie funktioniert das Erfahrungssystem? Welche Fahrzeuge besitzt die dritte Kriegspartei? Wie verhält sich der Computergegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad?
Wer fair über Spiele urteilen will, so lernte ich, der muss ihre Funktionsweise gewissenhaft ausleuchten. Ich war ein guter Schüler. Als ich später selbst junge Redakteure anleitete, habe ich diese Akribie an sie weitergegeben. Das ist etwas, das ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren, bereue.
Wir haben das Falsche gelernt.
Videospiele sind auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. Gleichzeitig befindet sich der Fachjournalismus, die professionelle Kritik dieser Spiele, auf dem umgekehrten Pfad. Er bewegt sich aus der Mitte der Gesellschaft an ihren Rand.
Den Spielepublikationen gehen Leser und Käufer verloren
Je mehr Menschen Videospiele zu einem Teil ihres Lebens machen, desto größer sollte der Einfluss der Journalisten sein, die über dieses Medium berichten. In Deutschland ist das Gegenteil der Fall. Die etablierte Spielekritik nimmt ihren Vertretungsanspruch nicht wahr. Zum gesellschaftlichen Diskurs über das Medium hat sie wenig beizutragen. Neuere Spielerschichten, die über Facebook, Browser Games oder Smartphones zum Medium finden, erreicht sie kaum. Und sie verliert ihre klassische Klientel.
Während der Gesamtmarkt für Fachzeitschriften in Deutschland in den letzten fünf Jahren um rund 20 Prozent schrumpfte, hat sich die Auflage der wichtigsten Gaming-Zeitschriften "Computerbild Spiele", "GameStar" und "PC Games" mehr als halbiert. Natürlich boomen im Gegenzug die Web-Seiten, im Schnitt verdreifachten die großen Spielesites in den vergangenen fünf Jahren ihre Besucherzahlen. Aber dieses Wachstum entspricht der Entwicklung des Gesamtmarkts. Unterm Strich gehen den Spielepublikationen Leser - und vor allem Käufer - verloren.
Die Vermutung liegt nah, dass die althergebrachte Art der Berichterstattung für immer weniger Leser Relevanz besitzt. Das sollte niemanden überraschen. Das Angebot der Verlage hat sich überlebt. In den Redaktionsstuben wird eine verknöcherte, selbstzweckhafte und in vielerlei Hinsicht anachronistische Form des Spielejournalismus gepflegt, die diesen Namen nicht verdient.
Kunstwerke für die Spieler, Produkte für die Tester
28 Jahre nachdem sie mit den "Happy Computer"-Zeitschriften ernsthaft begann, ist die deutsche Spielekritik in einem traurigen Zustand, nämlich im Großen und Ganzen im gleichen wie vor 28 Jahren. Als Computerspiele noch eine Domäne von Hobbyisten waren - über viele Systeme zersplittert, experimentierfreudig und häufig von mieser Qualität - leistete die junge Spielekritik mit ihren einordnenden Empfehlungen einen wertvollen Dienst. Solche Kaufberatung sehen die meisten Spieletester bis heute als ihre Hauptaufgabe. In Zeiten, in denen Videospiele als Medium mit gesellschaftlicher Aussagekraft, als Kulturgut und Kunstwerke gelten wollen, behandelt die klassische Spielekritik sie in erster Linie als Produkt.
Die großen Fachmedien haben es - mit meiner engagierten Mitwirkung - zu einiger Meisterschaft darin gebracht, Spiele in ihre funktionalen Bestandteile zu zergliedern, deren Wechselwirkung zu beschreiben und das Ergebnis in detaillierten Prüfprotokollen niederzulegen, samt Endnote mit Nachkommastellen. Aber die Nachfrage nach dieser Dienstleistung sinkt. Heutige Spieler verlassen sich in einem solchen Maß auf das Qualitätsversprechen großer Marken, das Stimmungsbild in der peer group und ihr eigenes Urteilsvermögen, dass Spieletests ihren Servicewert verlieren. Sie müssten durch ein anderes Wertversprechen ersetzt werden.
Unfähigkeit zur Unterscheidung von Wichtig und Unwichtig
Für die deutsche Spielekritik ist der Vollständigkeitsanspruch zu einer Hypothek geworden. Ihr Detailfetisch gaukelt eine Gründlichkeit vor, die weder dem Medium gerecht wird noch dem eigenen Ziel. Wer das Kleinteilige zu seinem Sujet macht, muss dort vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Es ist ein Kniefall von dem Hardcore-Gamer, der Laientum wittert, wenn im Test nicht erwähnt wird, dass die Gegner bei Beschuss mit Glock-Pistolen manchmal nach links umfallen statt nach rechts. Die Redaktionen irren, wenn sie diese Ultras als ihre Kernklientel verstehen. Aber sie lassen sich von ihnen vor sich hertreiben.
Die klassische Spielekritik wird geplagt von einer Angst vor Kürze und der Unfähigkeit zur Unterscheidung von Wichtigem und Unwichtigem.
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