Videospielskandal in den USA Virtuell töten als Taliban

Kriegs-Shooter gehören zu den erfolgreichsten Titeln der Gamesbranche. Im Westen sorgt nun ein Spiel für Aufregung, weil das dem Spieler erlaubt, wahlweise auch die Rolle der Taliban im Kampf gegen das US-Militär einzunehmen - der Anlass für einen höchst scheinheiligen Konflikt.

Von

AFP

Es gab da einen Moment, den einige, mich eingeschlossen, als ziemlich unangenehm empfanden bei Sonys Pressekonferenz zur Spielemesse Gamescom in Köln. Als Stargast hatte man den Musiker Mike Shinoda, Mitglied der NuMetal-Band Linkin Park, auf die Bühne gebeten. Er war gekommen, um eine Runde zu spielen. Und zwar eine Passage aus dem neuesten "Medal of Honor"-Shooter von Electronic Arts, zu dessen Soundtrack auch Linkin Park beigetragen hat.

Shinoda steuerte einen virtuellen Hubschrauber, der irgendwo in den Bergen von Afghanistan einen Stützpunkt von Aufständischen attackierte. Die Leinwand über der Bühne zeigte sandfarbene Felsformationen, einfach gemauerte Flachdachhütten und ein Fadenkreuz. Begleitet von wuchtigen Gitarrenriffs beschoss Shinoda mit der Bordkanone die Menschen da unten. Kleine Gestalten in traditioneller Kleidung, mit den weißen Kopfbedeckungen, die man aus Nachrichtensendungen kennt. Sie liefen um ihr Leben, aber der von Shinoda sehr effektiv gesteuerten 30-Millimeter-Kanone entkamen sie nicht.

Linkin Park galten einmal als die sensiblere, schlauere Alternative zu Limp Bizkit. Shinoda nahm schon als Grundschüler Klavierunterricht und hat Grafikdesign studiert. Die Bilder, die der vermeintliche Rock-Intellektuelle da nun auf der Leinwand produzierte, erinnerten an eine andere Bordkamera-Aufzeichnung, die man in den vergangenen Monaten oft zu sehen bekam: Das von Wikileaks veröffentlichte Video aus einem Helikopter im Irak, das einen Einsatz gegen Zivilisten zeigt, bei dem auch zwei Reuters-Journalisten ums Leben kamen. Verstörend waren nicht nur die Bilder, sondern auch die Dialoge: Die Bordschützen der beteiligten Helikopter sprachen über ihre Opfer, als seien sie auch nicht mehr als Häufchen von Pixeln und Polygonen: "Guter Schuss!"

Viele Kommentatoren schrieben damals, der Krieg sei hier zum Videospiel gemacht worden, worüber ich mich geärgert habe. Weil ich reflexhafte Beschimpfungen des Mediums Videospiel nicht mag, und weil hier ja nun augenscheinlich Männer agierten, die im echten Töten geschult und abgestumpft waren. Um es an dieser Stelle noch einmal deutlich zu sagen: Die immer wieder wiederholte Behauptung, die US-Armee habe Videospiele entwickelt, um ihren Soldaten die Tötungshemmung abzutrainieren, ist nachweislich erfunden. Umgekehrt stimmt die Sache: Die Videospiele von heute sehen so echt aus, dass ihre Bilder denen eines realen Krieges manchmal auf unheimliche Weise gleichen.

Wo das Spiel der Realität zu nahe kommt, hört der Spaß auf

Auch auf der Leinwand in Köln: kleine, verlorene, hoffnungslos unterlegene Menschlein, die vergeblich versuchten, vor den Projektilen einer Maschinenkanone davonzulaufen. Begleitet von hartem Rock. Als Shinodas virtueller Apache endlich von einer simulierten Boden-Luft-Rakete getroffen wurde, war das eine Erleichterung. Der anschließende Applaus war verhalten - auch anderen war die ikonographische Nähe zum Wikileaks-Video aufgefallen.

Nun kann man Electronic Arts im Grunde keinen Vorwurf machen, der über die bereits häufig genug wiederholten Vorwürfe gegen Kriegs-Shooter hinausgeht: Das Spiel soll den Krieg darstellen, und das tut es, möglichst "realistisch", wenn man dem Marketing glaubt. Echte Special-Forces-Soldaten wurden zur Beratung hinzugezogen, heute ein Standard. Das amerikanische Militär kommt mit im eigenen Land großgewordenen Branchengiganten wie Activision ("Call of Duty") und Electronic Arts ("Medal of Honor") und ihren Kriegs-Blockbustern wunderbar klar, schließlich kann es nicht schaden, die eigenen Truppen schon in Jugendzimmern als Helden aufmarschieren zu lassen (in den USA nimmt man es mit dem Jugendschutz weit weniger genau als hierzulande, bei uns sind diese Titel ab 18).

Doch auch in den USA hat "Medal of Honor" in der vergangenen Woche einen kleinen Skandal ausgelöst. Aber nicht, weil man darin mit Maschinengewehren aus der Luft Menschen jagen kann. Sondern, weil man im Online-Multiplayermodus des Spiels wie in den meisten anderen Shootern auch die bösen Jungs wird spielen können. In diesem Fall heißt das: die Taliban.

Kommt es nur darauf an, wer wen virtuell tötet?

Der erzkonservative Murdoch-Sender "Fox News", der stets auf der Seite "der Truppen" steht, machte daraus eine Skandalgeschichte. In einer Sendung zum Thema ließ der News-Corp-Kanal die Mutter eines US-Soldaten auftreten, der im Irak getötet worden ist. Die Tatsache, dass man im Online-Modus die Rolle eines Taliban einnehmen könne, sei "respektlos" gegenüber den Hinterbliebenen, sagte sie: "Krieg ist kein Spiel." Shooter, die im zweiten Weltkrieg spielen, seien dennoch etwas anderes: "Es sterben keine Menschen mehr im zweiten Weltkrieg."

EA reagierte mit einer Stellungnahme. Man gebe den Spielern eben die Chance, beide Seiten zu spielen: "Die meisten von uns machen das schon, seit wir sieben Jahre alt waren. Wenn jemand der Gendarm ist, muss ein anderer der Räuber sein, jemand muss der Pirat sein, das Alien. Im Multiplayer-Modus von 'Medal of Honor' muss jemand der Taliban sein."

Inzwischen zieht die Sache Kreise. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox nannte das Spiel "ekelhaft" und empfahl Händlern in Großbritannien, es nicht ins Sortiment zu nehmen. Er könne sich nicht vorstellen, das irgendein Bürger seines Landes ein so "unbritisches Spiel" würde kaufen wollen. EA reagierte mit einer Stellungnahme, derzufolge britische Soldaten im Spiel nicht vorkommen. Dem "Focus" sagte ein Sprecher des Deutschen Bundeswehrverbandes, es sei "widerwärtig" ein solches Spiel zu veröffentlichen, "während in Afghanistan Menschen sterben".

Ein Skandal mit Ansage ist das Ganze in jedem Fall, und man darf vermuten, dass der Spielekonzern die Aufregung einkalkuliert hat. Der andere große Kriegs-Shooter, der diesen Herbst auf den Markt kommen wird, "Call of Duty: Black Ops" von Activision, kann mit so einem Skandal nicht aufwarten: Er spielt zur Zeit des kalten Krieges. Auch darin wird man gezielte Kopfschüsse platzieren und Gegner lautlos mit dem Messer ausschalten müssen, um voranzukommen. Und auch in diesem Spiel wird man die Gelegenheit bekommen, von einem Hubschrauber aus auf weglaufende Menschen zu schießen. Einen Skandal hat das nicht ausgelöst.

Die US-Videospielseite "Gamrfeed" hat Soldaten aus unterschiedlichen Einheiten des US-Militärs zu der Taliban-Kontroverse befragt. Die Antworten sind differenziert und sehr lesenswert. Der überwiegenden Mehrheit der Kommentatoren ist die Tatsache, dass man nun einen aktuellen Konflikt spielen kann, auch als Taliban, gleichgültig. Ein Marinesoldat namens Clark kommentierte: "Mir ist es egal, welchen Krieg diese Spiele darstellen, aber sie sorgen dafür, dass unsere Jugend viel zu leichtsinnig über Krieg denkt. Wenn ich höre, wie die Kids reden, wenn sie online miteinander spielen, beunruhigt mich das als Veteran. Sie glauben, sie kennen sich aus, aber in Wahrheit haben sie keine Ahnung."

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 121 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
saul7 23.08.2010
1. ++
Zitat von sysopKriegs-Shooter gehören zu den erfolgreichsten Titeln der Gamesbranche. In den USA sorgt nun ein Spiel für Aufregung, weil das dem Spieler erlaubt, wahlweise auch die Rolle der Taliban im Kampf gegen das US-Militär einzunehmen - der Anlass für einen höchst scheinheiligen Konflikt. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,713257,00.html
Früher haben wir mit vertauschten Rollen Cowboy und Indianer gespielt. Heute spielen die Leute Taliban im Kampf gegen die USA et vice versa...Ist schon platt....
blackcyclist2010 23.08.2010
2. Pixeltaliban
Was für ein Schmarrn, seit Jahren gibt es Egoshooter und wenn es einen Multiplayerteil gibt, muss eben auch jemand die "Bösen" spielen. In Battlefield 1942 musste die Hälfte der Spieler auch Wehrmachtssoldaten verkörpern und die haben so manche Runden gewonnen. Ändert das irgendwas an der Geschichte? Und in anderen aktuellen Spielen rennen auch als Araber oder Chinesen verkleidete Pixelhaufen rum und sind so frech und beschießen, die Pixel, die amerikanische SOldaten darstellen. UND? Die Spieler sind doch meistens clever genug, zu erkennen, das ist ein Spiel und gut ist. Wahrscheinlich nur eine clevere Werbekampagne des Herstellers.
ChristianWagner, 23.08.2010
3. Ich war mir nicht sicher ob ich es mir kaufen würde...
weil es einen Vorbericht gab über schlechte Grafik und so, aber jetzt kauf ich es mit 100%ig.
kdshp 23.08.2010
4. aw
Zitat von blackcyclist2010Was für ein Schmarrn, seit Jahren gibt es Egoshooter und wenn es einen Multiplayerteil gibt, muss eben auch jemand die "Bösen" spielen. In Battlefield 1942 musste die Hälfte der Spieler auch Wehrmachtssoldaten verkörpern und die haben so manche Runden gewonnen. Ändert das irgendwas an der Geschichte? Und in anderen aktuellen Spielen rennen auch als Araber oder Chinesen verkleidete Pixelhaufen rum und sind so frech und beschießen, die Pixel, die amerikanische SOldaten darstellen. UND? Die Spieler sind doch meistens clever genug, zu erkennen, das ist ein Spiel und gut ist. Wahrscheinlich nur eine clevere Werbekampagne des Herstellers.
Hallo, nicht nur das! Deutschland ist heute ein partner von den USA und da sollte es dann auch nicht OK sein wenn die deutsche im spiel töten egal ob von gestern oder wie bei den taliban von heute.
Shimodax, 23.08.2010
5. Link
Der Link im letzten Absatz ist in der Tat lesenswert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.