Virtual-Reality-Spiel "Wilson's Heart" Im Krankenhaus des Grauens

"Wilson's Heart" ist wie ein Gang durchs Gruselkabinett. Dank virtueller Realität fühlt sich das Spiel berauschend echt an. Einige Horrorfilm-Klischees hätten sich die Entwickler aber sparen können.

Twisted Pixel

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Der Blick in den virtuellen Spiegel ist ein Schock. Ich sehe aus wie das Monster aus "Frankenstein". Genauer gesagt: Mein Avatar in der virtuellen Realität (VR) sieht so aus, per Oculus-Rift-Brille wird er raumfüllend in meinem Sichtfeld platziert. Mein Gesicht ist abgemagert, in meinen Schläfen stecken Elektroden, groß wie Flaschenkorken.

Das Beste an der Spielwelt von "Wilson's Heart" ist das realistische Raumgefühl. Wenn ich den Kopf nach links neige, neigt sich auch mein virtuelles Spiegelbild. Halte ich meine Hände mit den Touch-Controllern vors Gesicht, sehe ich die virtuellen Hände meines Avatars.

"Wilson's Heart" spielt in einem verlassenen Krankenhaus der Vierzigerjahre. Blutiges Verbandszeug klebt an den Fliesen. Regen strömt durch die zertrümmerten Fenster. In den Fluren werfen Blitze zuckende Schatten. Das komplett in Schwarzweiß gehaltene Spiel erinnert an das Film-Noir-Genre und an alte Gruselfilme.

In der Rolle der Hauptfigur Wilson irre ich durch die einsamen Flure - und versuche herauszufinden, warum ich überhaupt hier bin. Offenbar hat jemand mein Herz entfernt und durch eine Maschine ersetzt, so viel verraten die Entwickler in der Spielebeschreibung.

Wie im Point-and-Click-Adventure

Der Spaziergang durchs Krankenhaus zeigt die technische Schwäche von "Wilson's Heart". So realistisch sich meine virtuellen Hände bewegen, so schwierig lässt es sich in den virtuellen Räumen laufen.

Voran geht es ausschließlich per Teleport, mögliche Standorte im Spiel sind durch weiße Silhouetten markiert. Schaue ich in ihre Richtung und drücke den Teleport-Knopf, verschwimmt die Spielwelt, und ich werde an den neuen Standort gebeamt. Das Raumgefühl geht für einen Moment verloren.

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Der Spielverlauf erinnert derweil an klassische Point-and-Click-Adventures. In einem blutigen Krankenbett muss ich eine Patientenakte finden, in einem Medikamentenschrank versteckt sich ein Schlüssel. Alles kann sich später als nützlich erweisen. Bei dieser Schnitzeljagd komme ich vor lauter Staunen über die virtuelle Realität nur langsam voran. Doch auch das Monster aus "Frankenstein" gilt ja als eher träge.

Nichts für schwache Nerven

Im Spielverlauf wird sich "Wilson's Heart" noch reichlich an Horrorfilm-Klischees bedienen. Die feinsinnige Mystery-Stimmung der ersten Spielminuten wandelt sich zum Effektkino mit knallharten Kampfszenen. Wer keine Filme mit Monstern und Schockmomenten mag, wird an dieser Stelle wohl aussteigen.

Es gibt ein Tentakelwesen aus der Badewanne, einen wütenden Mann mit Gasmaske, wie etwa im Horrorfilm "My Bloody Valentine" - und einen Teddybär, der sich als zähnefletschendes Biest entpuppt, wie ein Gremlin aus dem gleichnamigen Film.

Stilistisch ist das überladen. Aber es führt eindrucksvoll vor Augen, was Virtual Reality mittlerweile kann, und schon das macht "Wilson's Heart" spielenswert. Als ich nach einer halben Stunde die Oculus Rift das erste Mal absetze, bin ich überrascht, wie klein das Büro um mich herum ist. Kleiner jedenfalls als das verwunschene Krankenhaus.


"Wilson's Heart" von Twisted Pixel, für Oculus Rift (Oculus Touch erforderlich), circa 40 Euro; USK: Ab 16 Jahren

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