"Wolfenstein II: The New Colossus" im Test Ab nach Amerika, Nazis plattmachen

Das neue "Wolfenstein" spielt in einem Amerika, das sich in der Hand von Super-Nazis befindet. Der Shooter ist ein derber Kommentar auf die heutige Zeit - und spielerisch äußerst unterhaltsam.

Bethesda

Amerika ist überrannt worden vom Dritten Reich. Es ist voller zerbombter Städte und Landstriche, in denen die Nazis alles bestimmen und Mitläufer von einfachen Bürgern bis zum Ku-Klux-Klan versuchen, den Machthabern zu gefallen. Zeit also für einen Superhelden, der versucht, das Regime - wie die Nazis in der deutschen Version des Spiels genannt werden - rauszuschmeißen. Zeit für B.J. Blaskowicz oder auch Terror Billy, wie er von seinen Gegnern ehrfürchtig genannt wird.

"Wolfenstein II: The New Colossus" ist der neueste Teil einer Serie, die es seit 1981 gibt und die mit dem 1992 erschienenen "Wolfenstein 3D" einen der Überväter der Ego-Shooter hervorgebracht hat. Im Kern geht es in den Spielen immer um eines: Dauer-Protagonist B.J. Blazkowicz schießt sich durch Horden von Nazis, um zum Schluss einen, wenn nicht sogar den Führer zu erledigen.

In Deutschland sieht das Spiel stets ein klein wenig anders aus als im Rest der Welt: Hier dürfen die "Wolfenstein"-Nazis keine Nazis sein und auch keine Hakenkreuze tragen, was aber vor allem strafrechtliche Hintergründe hat und mit dem unklaren Status von Spielen als Kulturgut zusammenhängt.

Kampf gegen das "Regime"

Doch obwohl die Gegner hierzulande zum "Regime" gehören: Es ist klar, worum es geht. Nazis waren für die früheren Entwickler von "Wolfenstein"-Spielen immer die Super-Bösen. Cartoon-Fieslinge, die Namen wie Totenkopf tragen und Panzerhunde an der Leine haben. Und so war "Wolfenstein" auch immer ein B-Movie-Splatterspiel, das man nicht sonderlich ernst nehmen konnte. Brutal, derbe und immer wieder herrlich beknackt.

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Neues "Wolfenstein": So sieht "The New Colossus" aus

Politisch war die Serie nie - das hat sich geändert, seitdem sie das Studio gewechselt hat. Und seitdem es gerade unter amerikanischen Gamern immer mehr gibt, die sich als Nazis hervortun oder zumindest große Sympathien für die Alt-Right-Bewegung haben.

Das vom schwedischen Studio Machine Games entwickelte "Wolfenstein: The New Order" von 2014 hat die Serie revitalisiert. Vor allem weil es die Entwickler geschafft haben, spielerische Retro-Nostalgie und Gegenwart zu einem herausfordernden Ego-Shooter zu vereinen und die überspitzte Gewalt samt Splatter-Effekten in die Neuzeit zu übersetzen. Nachdem sie Gameplay und Grafik aufpoliert haben, setzen die Schweden bei "The New Colossus" auch inhaltlich neue Akzente.

Da weiter, wo der Vorgänger aufhörte

"The New Colossus" setzt da ein, wo "The New Order" aufgehört hat: beim vermeintlichen Tod von B.J. Blazkowicz, dem ewigen Protagonisten der Serie. Natürlich ist er nicht tot, er ist nur ziemlich kaputt. Seine Beine funktionieren nicht mehr, die Eingeweide werden in einer etwas unerfreulichen Szene herausgeschnitten. Und deshalb steht er die ersten Gefechte im Rollstuhl durch, bis er es schafft, sich einen mechanischen Anzug zu besorgen, der ihn stützt.

Woraufhin alles wieder so ist wie früher. Fast zumindest. Während man nämlich an sich herunterschaut, sieht man keine richtigen Füße, sondern Metallprothesen, und auch das Anfangsbild von zwei schlaffen Beinen im Rollstuhl wird im Kopf bleiben, dazwischen phallisch die Schrotflinte liegend.

Blazkowicz ist nicht mehr der strahlende Held der früheren Spiele, der amerikanische blonde Über-Arier, der Nazis plattmacht. Er ist eine gebrochene Gestalt, die immer wieder um ein Ende für sich fleht. Und nebenbei doch wieder Horden von Nazis erledigt.

Unterstützt wird er von einer Crew, die aus Nazi-Opfern besteht: Juden, Schwarze, Polen, geistig Behinderte, dazu gesellt sich bald noch die dickliche Tochter einer Nazi-Generalin. Sie fahren mit einem U-Boot namens "Hammerfaust" nach Nordamerika, um die USA von der Nazi-Besatzung zu befreien.

Irrsinn überall

Die kurze Zusammenfassung macht klar, dass "Wolfenstein" keine sonderlich tiefschürfende Story bekommen hat. Doch was in all dem Irrsinn des durch New York, Texas, New Orleans und dem Weltraum taumelnden Spiels immer wieder auffällt: Allein die Darstellung des Widerstands ist ein wunderbarer Kommentar auf die Menschlichkeit. Die angepassten Bewohner der besetzten Gegenden hingegen sind Mitläufer eines Regimes, das sich dem Rassenhass und der Vernichtung alles minderwertigen Lebens verschrieben hat.

"Wolfenstein II: The New Colossus" schießt nicht nur mit Waffen auf Nazis, sondern provoziert mit Menschlichkeit. Schon der Untertitel des Spiels verweist auf das an der Freiheitsstatue angebrachte Gedicht von Emma Lazarus. Es ruft die unterdrückten, die gequälten Massen nach Amerika. Eine Grundfeste des amerikanischen Traums, der in Washington und den Schlachtfeldern des Internets von den Neurechten gerade zertrümmert wird. Bei "Wolfenstein II" ist man schon einen Schritt weiter: Da ist das Erste, was man von New York sieht, die ins Meer gestoßene Freiheitsstatue.

Vielleicht muss das einfach mal wieder so deutlich gemacht werden wie hier. Vielleicht muss es die Schienbeintritte Richtung einer Alt-Right-Bewegung, Richtung Neonazis einfach geben. Dass die Provokationen angekommen sind, merkt man deutlich. Es einen gibt großen Aufschrei unter neurechten Gruppen in den USA, die sich gegen "Wolfenstein II" wehren, weil sie ihre hehre Bewegung durch den Kakao gezogen sehen. Ziel erreicht - und das mit einem guten Ego-Shooter.


"Wolfenstein II: The New Colossus" von Bethesda, für Playstation 4, Xbox One und PC, ca. 60 Euro; USK: Ab 18 Jahren

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Seite 1
Oberleerer 30.10.2017
1.
Zu Wolfenstein sollte man noch erwähnen, daß die Exekutionsszene aus dem ersten Teil (wo man sich zwischen einem der 2 Kameraden entscheiden muß) nun mehreren Szenen gewichen ist, wo man einer Enthauptung, einer Haustiererschießung und einer Prügelattacke gegen die Mutter beiwohnen muß. Ein unbeschwerter Ballerspaß sieht dann doch anders aus. Ansonsten spielt man nur in Schlauchleveln, manchmal in größeren Hallen. Meist im engen U-Boot, in U-Bahntunneln, Hausruien und Eisenbahnen. Viel Platz für Strategie bleibt also nicht. Trotzdem ist es spannend und man will immer weiterspielen.
Zaunsfeld 30.10.2017
2.
Im Übrigen wäre es durchaus möglich, Computerspiele auch in Deutschland unzensiert zu veröffentlichen. In Filmen geht es ja beispielsweise auch. In Filmen ist es deshalb erlaubt, da Filme ganz allgemein als Medium als Kunst anerkannt sind und Kunst in Deutschland gemäß Grundgesetz nicht zensiert werden darf. Dabei geht es nicht um einzelne Filme, die Kunst sind oder nicht, sondern das Medium Film an sich gilt schon als Kunst, unabhängig von den Inhalten. Nun ist es zweifelsohne mittlerweile so, dass Computerspiele ebenfalls seit vielen Jahren den Status von Kunstwerken erfüllen. Man denke da nur an die Fallout-Reihe, die Bioshock-Reihe oder andere hochwertige Spiele. Der einzige Grund, warum Computerspiele immer noch zensiert werden, besteht darin, dass bisher einfach noch kein Spiele-Publisher vor das Bundesverfassungsgericht gezogen ist, um dort PC-Spiele als Kunst einstufen zu lassen. Man kann wohl mit 99%iger Wahrscheinlichkeit ausgehen, dass der Kläger die Klage gewinnen würde. Wenn selbst die grottigste DailySoap allgemein als Kunst anerkannt ist, dann werden auch story-basierte Computerspiele wie die Bioshock-Reihe usw. diese Hürde locker nehmen. Es gibt nur einen Grund, warum das bisher nicht passiert ist. Es ist einfach für einen Publisher unpopulär finanziell uninteressant, diesen juristischen Weg durch die Instanzen zu beschreiten. Erst mal müsste ein Publisher ein entsprechendes Spiel mit Hakenkreuzen oder ähnlichem haben. Das muss dann vom Staat indiziert werden, d.h. der Publisher verdient dann damit kein Geld, da es nicht beworben und nicht verkauft werden darf. Dann muss der Publisher Geld in die Hand nehmen, um sich jahrelang durch die Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht zu klagen. Dort wird der Publisher zwar wahrscheinlich Recht bekommen, aber bis es so weit ist, ist das Spiel einige Jahre alt und verkauft wird es dann auch nicht mehr werden. Noch dazu muss der Publisher sich dann vorwerfen lassen, den Nationalsozialismus zu verherrlichen. Gibt also schlechte Presse. Komischerweise macht aber niemand den gleichen Publishern diese Vorwürfe, wenn sie die gleichen unzensierten Spiele im rest der Welt außer in Deutschland zu verkaufen. Eine Möglichkeit, ein solches Grundsatzurteil zu erwirken, wäre eine Art Kickstarter-Kampagne. Man müsste für genau diesen Zweck, nämlich den Weg durch die Instanzen Geld sammeln. Dann muss man ein kleines Studio beauftragen und auch mit dem gesammelten Geld dafür bezahlen, ein betroffenes künstlerisch anspruchsvolles Spiel zu entwickeln, was dann indexiert wird. Dann kann der Klageweg bis zum BVG beschritten werden. Wenn dann erst mal ein Grundsatzurteil gefällt ist, braucht es keine weiteren Klagen mehr.
leander_hausmann 30.10.2017
3. Mega geiles Spiel
Ich zocke es gerade. Und ich finde es super. Das Szenario ist durchgeknallt und dazu passt auch das mit dem "Regime".+ Sind zwar nazis und man sieht auch mal hitler (eine der besten Szenen des Spiels ^^), aber der Fun faktor ist mega. absolute Empfehlung
Zaunsfeld 30.10.2017
4.
Zitat von OberleererZu Wolfenstein sollte man noch erwähnen, daß die Exekutionsszene aus dem ersten Teil (wo man sich zwischen einem der 2 Kameraden entscheiden muß) nun mehreren Szenen gewichen ist, wo man einer Enthauptung, einer Haustiererschießung und einer Prügelattacke gegen die Mutter beiwohnen muß. Ein unbeschwerter Ballerspaß sieht dann doch anders aus. Ansonsten spielt man nur in Schlauchleveln, manchmal in größeren Hallen. Meist im engen U-Boot, in U-Bahntunneln, Hausruien und Eisenbahnen. Viel Platz für Strategie bleibt also nicht. Trotzdem ist es spannend und man will immer weiterspielen.
Es ist ja auch ein eher klassischer Shooter und kein Open-World-Rollenspiel.
sebastianschneider 30.10.2017
5. Egoshooter und Pseudomoral, geht das?
Wenn ich mein Hintergrundwissen auffrischen will über die Mechanismen, die den Nationalsozialismus an die Macht gebracht haben, brauche ich keinen Egoshooter. Bei Sebastian Haffner kann ich etwas über Hitler lernen. Wenn ich wissen will, wie sich Intellektuelle die Massenerschießungen zu etwas Sinnhaftem zurechtgebogen haben, lese ich „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Litell. Über die Psychologie von Massen klären Le Bon und Elias Canetti auf. Der direkte Vorgänger des vom Rezensenten gelobten „Colossus“, „The New Order“, war für mich erstmals eine große Enttäuschung im Wolfenstein-Universum. Wegen seiner völligen Humorlosigkeit. Entgegen dem witzigen Trailer triefte das Spiel von Pseudomoral. Hinfort das „Hüpaho“ und „Eine kleine Amerikaner“ des allerersten Spiels, fort die geheimnisvolle Atmosphäre des zweiten, nichts vom Indiana Jones Feeling des Dritten. Stattdessen muss ich den verzückten Tonbandaufzeichnungen einer Frau lauschen, die im Zivilleben Beziehungen zu Soldaten aufbaut, um sie sodann hinterrücks zu ermorden. Wer hierin einen Akt politischer Aufklärung oder ein Wachrütteln gegenüber aktuellen politischen Verhältnissen sieht, hat den Schuss nicht mehr gehört. "The New Order" war für mich der erste Shooter, bei dem mir die Gewalt im Spiel bedenklich erschien: ich sah mich den gleichen Propaganda-Mechanismen ausgesetzt, mit denen im realen Leben Menschen gegeneinander aufgehetzt werden: mit fiktionalen Gräueln wird erst einmal die Bösartigkeit des Gegners vor Augen geführt, sodann wird mir von allen Seiten eingeflüstert, dass die anderen noch viel böser seien als gedacht; und endlich bin ich legitimiert, massenhaft Morde zu begehen. Die alten Wolfensteinvorgänger bedurften dieses primitiven psychologischen Mechanismus nicht. Da wurde „ehrlich“ nach Herzenslust geballert. Und jeder wusste, es ist Unsinn, was ich gerade mache, losgelöst vom echten Leben. Die psychologische Inszenierung, die pseudoauthentische Rechtfertigung für das Gemetzel nervt enorm. Schlimmer noch: das Spiel kommt mit einer Botschaft daher: wenn der andere nur böse genug ist, darf man all jene, die seine Insignien tragen, ohne nachzufragen umlegen. Und dies vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse. Gerade weil es das Spiel so ernst meint mit seiner politischen Korrektheit, verwandelt es die Grauen des Nationalsozialismus in eine Räuberpistole. Was für John Rambo in Teil 3 die bösen Sowjets („FBW-Prädikat: wertvoll“), sind diesem schwedischen Blaskowitz die Nazis. Nur dass bei Rambo das Augenzwinkern deutlich größer war.
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