Zum Tod von M.A.R. Barker Mayas statt Mittelalter

Der US-Linguist M.A.R. Barker hat eine der originellsten Fantasy-Welten geschaffen: Sein Leben lang schuf er Sprachen für sein Tékumel, schrieb die Geschichte der von indischen, südamerikanischen und nahöstlichen Kulturen inspirierten Welt. Nun ist der vergessene Tolkien gestorben.

Jeff Berry

Gut 70 Jahre lang hat der Linguist M.A.R. Barker an seiner Welt Tékumel gearbeitet: Als Jugendlicher spielte mit Zinnsoldaten Ereignisse auf einer Phantasiewelt, die später Tékumel werden sollte. Später entwickelte Barker die Sprachen, die Kulturen, die Geschichte eines der größten und originellsten Fantasy-Universen, einer der ersten Rollenspielwelten überhaupt.

Tékumel ist ganz anders als die vielen, stets von J.R.R. Tolkiens Mittelerde inspirierten europäisch-mittelalterlichen Fantasy-Welten, die zum Standard in Rollenspiel wurden. Die Sprachen, Tempelanlagen und Pyramiden auf Tékumel sind von einer einzigartigen Mischung aus Science-Fiction, indischer, nahöstlicher und Maya-Kultur inspiriert. Auf der Website Tekumel.com geben viele Karten, Kurzgeschichten und Essays einen Einblick. So komplex und detailreich wie Mittelerde ist Tékumel in jedem Fall - aber so berühmt wie der "Herr der Ringe"-Schöpfer wurde Barker nie.

Man merkt dieser Welt an, dass ihr Schöpfer mehr von der Erde gesehen hat als viele Fantasy-Autoren. Barker studierte Altägyptisch und andere Sprachen, reiste 1951 nach Indien (er war damals 21). Er trat dort zum Islam über, aus Philip wurde Muhammad Abd-al-Rahman oder kurz M.A.R. Barker. Das hatte, wie Barker einmal erklärte, "allein theologische Gründe". Ihm sei der Islam "als die logischere Religion" erschienen. Barker promovierte 1959 über die Sprache der Klamath-Indianer, lebte eine Zeit lang in Pakistan, lernte Urdu, Paschtu. Nach einigen Lehraufträgen in Kanada zog er 1972 nach Minneapolis, wo er bis zu seiner Pensionierung 1992 an der Fakultät für Südasienwissenschaften lehrte.

Neben der wissenschaftliche Arbeit hat Barker Jahrzehnte lang Tékumel ausgearbeitet - und sehr viel gespielt. Barker war immer wieder zu Gast im Gesellschaftsspiel-Club der University of Minnesota. Dort wurden damals vor allem Tabletop-Kriegsspiele wie "Napoleonics" und "American Civil War" gespielt. Bald trafen sich in Barkers Haus regelmäßig Spielrunden, um Tékumel-Abenteuer zu spielen.

Eine dieser Runden, die "Thursday Night Group", ist die vielleicht älteste Rollenspielrunde überhaupt. Einige der Spieler, die in den siebziger und achtziger Jahren dazustießen, trafen sich Jahrzehnte lang bei Barker zum Spielen. Viele dieser Spieler gehören zum Vorstand der Tékumel-Stiftung, die Barker 2008 gegründete, um die Rechte an seiner Schöpfung zu verwalten.

M.A.R. Barker ist am Freitag nach langer Krankheit im Alter von 83 Jahren gestorben, in seinem Haus, seine Frau Ambereen war bei ihm. Seine Welt Tékumel kennen zwar nicht so viele Menschen wie die Tolkiens - aber auch dort wird bis heute gespielt.

Hier unser Artikel aus dem Jahr 2009 über Tékumel, Barkers Schöpfung und seine Zusammenarbeit mit dem "Dungeons & Dragons"-Miterfinder Dave Arneson.

Der Autor auf Facebook

lis



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.