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25.09.2006
 

Tarif-Abzocke

3500 Euro für einen Tag UMTS-Surfen

Von Christian Stöcker

Die Mobilfunk-Konzerne verkaufen das UMTS-Surfen als neuen Wunderdienst. Doch kaum reisen die Kunden ins Ausland, werden sie auf schier unglaubliche Weise abgezockt. Ein SPIEGEL-ONLINE-Report über eine der finstersten Fronten der Mobilfunk-Branche.

Als man ihm die Rechnung vorlegte, war der Kollege reichlich konsterniert. Knapp drei Wochen lang war er in Frankreich gewesen, um über die Tour de France zu berichten. Mit einer UMTS-Karte im Laptop war das in diesem Jahr einfacher als früher - kein Hoffen auf Hotel-Netzwerke, kein Drängeln im Pressezentrum. Das mobile Netz funktionierte einwandfrei - aber alles andere als preiswert. Gut 9000 Euro betrug die Monatsrechnung am Ende - an einem einzigen Tag waren fast 3500 Euro Gebühren angefallen, für ein bisschen Surfen und Archivrecherche.

UMTS-Karte: 14 Euro pro Megabyte?
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DDP

UMTS-Karte: 14 Euro pro Megabyte?

Das Beispiel aus der Redaktion von SPIEGEL ONLINE ist ein extremes - aber kein Einzelfall. Schon die normalen Handykosten sind, sobald man eine europäische Grenze überquert, so exorbitant, dass sogar die EU-Kommission etwas dagegen unternehmen will. Im Vergleich zu dem, was UMTS-Kunden aber im Ausland abgeknöpft wird, sind normale Handygebühren regelrecht kundenfreundlich. Wenn es eine dringende Aufgabe für die die Brüsseler Behörden gibt, dann sind es die Roaming-Kosten beim Mobil-Surfen.

"Wenn Sie mit größeren Datenmengen hantieren, sind sie im Ausland fast mit jedem Tarif übel dran", stellt Josefine Milosevic, Tarifexpertin bei der Zeitschrift "connect", fest. Brancheninsider, die lieber ungenannt bleiben möchten, werden noch deutlicher: Unter vier Augen werden freimütig Begriffe wie "Raubrittertum" und "Abzocke" benutzt.

14 Euro für ein Megabyte ungeschützten Verkehr

Während eine UMTS-Flatrate für Rechner oder Handy innerhalb Deutschlands etwa 40 bis 55 Euro pro Monat kostet, wird im Ausland ein Vielfaches solcher Summen fällig. Vor allem, wenn man nicht das Partner-Netz des eigenen Betreibers, sondern ein anderes erwischt, wird das Surfen noch einmal drastisch teurer: Solch ungeschützter UMTS-Verkehr kommt im Ausland schnell auf einen Preis von 14 bis 15 Euro pro Megabyte - egal, bei welchem Betreiber man in Deutschland seinen Vertrag hat.

Zur Orientierung: Wer einmal die Startseite von SPIEGEL ONLINE aufruft, hat damit schon knapp 500 Kilobyte verbraucht - oder eben vier bis sieben Euro, je nach Land, Anbieter und Tarif. Einmal täglich Nachrichten checken - ohne einen einzigen Artikel zu lesen - kostet im Urlaub für den unvorsichtigen UMTS-Anwender also in zwei Wochen locker mal 100 Euro. Wer viel surft, oder mit großen Dateien wie PDFs oder Videos arbeitet, kommt schnell auf noch viel horrendere Summen.

Wer selbst ähnliche Erfahrungen gemacht hat, kann sie jetzt mit anderen SPIEGEL-ONLINE-Lesern teilen - schicken Sie uns Ihre schlimmsten Datenrechnungen (siehe nebenstehender Kasten).

Zwar gibt es Möglichkeiten, sich vor dem Schock nach Urlaub oder Geschäftsreise zu schützen - aber die sind unzureichend und zudem voller Löcher. Vodafone bietet für Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien Volumentarife an - da kosten dann 20 Megabyte 47 Euro, wer 100 Megabyte zur Verfügung haben will, zahlt 87 Euro. Das ist auch nicht unbedingt preiswert, aber immer noch günstiger als die Tarife der Konkurrenz. Denn die rechnen jenseits der Grenze stets nach GPRS-Tarif ab - als surfe man über sein normales Handy. T-Mobile und E-Plus kalkulieren mit der Einheit 50 Kilobyte, die beim einen 39, beim anderen 59 Cent kostet. Bei E-Plus kosten 20 Megabyte, die in Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich oder Spanien ersurft werden somit 241,66 Euro.

Keiner will's gewesen sein

Auch wer einen Volumentarif fürs Ausland gebucht hat, muss vorsichtig sein: Wer sich ins stärkste Netz am Ort statt dem des Roaming-Partners einloggt, landet beim falschen Betreiber - und zahlt dann wiederum die satten 14 bis 15 Euro pro Megabyte.

Warum die Auslandstarife so horrend sind, kann sich niemand so recht erklären. Denn die Kosten, die da an den Kunden weitergereicht werden, entstehen weder dem ausländischen noch dem eigenen Netzbetreiber. Lediglich ein geringer Aufwand muss betrieben werden, um einen Kunden gewissermaßen vom einen Netz ins andere weiterzureichen, die Kosten dafür sind marginal. Der Rest ist Phantasie - und die kennt beim Thema Datentarife im Augenblick offenbar kaum Grenzen.

Schuld will an den ziemlich immobilen Preisen fürs mobile Netz eigentlich niemand sein. "Das ist ja nicht unser Preis, sondern der des fremden Netzanbieters", heißt es etwa bei Vodafone. Außerdem wählten sich die eigenen Karten automatisch ins jeweilige Partnernetz ein. Bei E-Plus sieht man den Grund für die exorbitanten Auslandsgebühren darin, "dass sehr hohe Einrichtungs-, Verbindungs- und Abrechnungsgebühren anfallen, aber in diesem Bereich das Volumen noch relativ gering ist." Wenn mehr Menschen mobile Datendienste nutzten, würden die Angebote irgendwann auch billiger. Umgekehrt wird ein Schuh daraus, wird da der Konsument einwerfen.

"Das rollt erst an"

Bei E-Plus sieht man sich im internationalen Geschäft eher als Opfer: "Wir gehören beim Roaming zu den Nettozahlern", sagt Unternehmenssprecher Jörg Carsten Müller, "wir wären dankbar, wenn das deutlich günstiger würde, entsprechende Initiativen würden uns sehr nützen." Christine Knoepffler von O2 verweist ebenfalls auf die Preisforderungen der ausländischen Betreiber, verspricht aber: "Die Preise werden sinken, das rollt erst an." Die Nachfrage sei bislang sehr gering. Auch bei T-Mobile plant man, die Preise künftig zu senken, empfiehlt bis dahin aber eher, sich im Ausland einen W-Lan-Hotspot zu suchen.

Keiner will's also gewesen sein - aber natürlich langen die deutschen Betreiber im Inland ähnlich hin, wenn ein italienischer oder spanischer Mobilfunk-Kunde hier per UMTS online geht. Ein aus anderen Konflikten über Mobilfunktarife bekanntes Muster: "Man wartet auf die Regulierung, dann wird man einsichtig", sagt Josefine Milosevic. Mit anderen Worten: Ohne Druck von offizieller Seite bleibt alles, wie es ist.

Das gleiche Phänomen ist aktuell wieder bei den sogenannten Terminierungsentgelten zu beobachten, gewissermaßen den Zusatzgebühren für Anrufe von einem Mobilnetz ins andere: Die Regulierungsbehörde schreitet nun ein, weil die Anbieter sich dort gegenseitig saftige Häppchen zuschieben - und sich gegenseitig nach außen hin die Schuld für die hohen Kosten für den Verbraucher geben.

Mobile Datendienste werden von Privatkunden bislang kaum genutzt - im Jahr 2005 etwa machten solche Dienste beispielsweise gerade mal 2,7 Prozent des Gesamtumsatzes der vier großen deutschen Mobilfunkbetreiber aus, der Großteil entfällt auf Business-Anwender. Analysten prophezeien dem Business-Segment im Mobilmarkt eine Phase der Stagnation - der Markt ist weitgehend aufgeteilt, und zwar vor allem zwischen Vodafone und T-Mobile. E-Plus und O2 fallen mit jeweils unter zehn Prozent Marktanteil in diesem Bereich kaum ins Gewicht. Wachstum ist für die Kleinen nur möglich, indem sie den Großen Kunden abjagen. Und für die Großen nur, indem sie ihren Kunden zusätzliche Dienste für zusätzliches Geld verkaufen.

Eigentlich sollte der Markt in diesem Bereich also besonders hart umkämpft sein - schließlich geht es um ein Wachstumsgebiet für die nächsten Jahre. "Bei Datendiensten ist man in der Branche immer etwas langsamer", sagt "connect"-Redakteurin Josefine Milosevic. Dabei gehören schon die Sprachtarife in Deutschland zu den teuersten der Welt.

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