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17.11.2006
 

Bürger-Reporter als Kulturfrage

Briten begeistert, Deutsche konsterniert

Das Phänomen des Leser-Reporters genießt hierzulande einen zwiespältigen Ruf, die Hobby-Journalisten gelten als aufdringliche Voyeure, Niveau- und Jobkiller. Im Herkunftsland Großbritannien wird das Konzept unterdessen gefeiert und munter weitergesponnen.

Die Idee, mit Foto-Handys ausgestatte Leser zu allgegenwärtigen und willigen Lieferanten der etablierten Massenmedien zu machen, wurde zuerst in Großbritannien populär. Und während das Phänomen in Deutschland bereits als überbewerteter Hype gilt, wird die Idee auf der Insel stetig weiterentwickelt - auch die seriöse BBC experimentiert mit den neuen Materialquellen, aber treibende Kraft ist weiterhin die Boulevardpresse.

Bürger-Reporter-Aktion der "Sun": Kommerzialisierung des Spannertums oder Inputs für eine neue Medienwelt?
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Bürger-Reporter-Aktion der "Sun": Kommerzialisierung des Spannertums oder Inputs für eine neue Medienwelt?

So hat das führende britische Revolverblatt "The Sun" kürzlich den Fluss der Inhalte, den eifrige Leser produzieren, in neue, noch reibungslosere Bahnen geleitet. Die "Citizen Reporter" genannten Lieferanten können jetzt über die Kurzwahlnummer 630000 aus allen mobilen Netzen ihr Material bei der Zeitung abliefern, das System nimmt gleichermaßen Texte, Fotos, Videos und Anrufe an.

Die zentrale Boulevard-Nummer wird mit dem Spruch "Send My Story" beworben, und die Zeitung unterstreicht, dass durchaus auch reine Textbeiträge per SMS willkommen sind. Die Erfindung des rasenden Reporters mit Neuigkeiten in 160-Zeichen scheint dabei zunächst als Rückschritt, bei genauerer Betrachtung aber als konsequente Zuspitzung der Leserberichterstattung.

Direkter Draht zur Redaktion

Das System hinter dem "Unified Short Code" wurde von der Firma MX Telecom entwickelt. SMS, MMS, Videos und Anrufe werden automatisch erkannt und an entsprechende Server beziehungsweise direkt "in den Newsroom" weitergeleitet: Wie lange das Telefonpersonal der "Sun" diese Praxis durchhält, bleibt natürlich abzuwarten.

Die "Sun" erhofft sich jedenfalls durch die vereinfachte Erreichbarkeit noch mehr Fotos, Geschichten und vielleicht sogar ganze TV-Beiträge von ihren Lesern - wer einem Promi begegnet oder einen Unfall beobachtet, soll sich in dieser Logik auf das Filmen konzentrieren und nicht in seinem Telefonbuch blättern (oder Hilfe leisten?).

Kameras und Meinungsfreiheit

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Man kann zwar davon ausgehen, dass die britische Entwicklung auch hierzulande weiterhin Nachahmer findet, die Resonanz dürfte aber wiederum durchwachsen ausfallen, weil die "Bürger-Reporter" in Großbritannien das Produkt einer speziellen Konstellation sind: Die angelsächsische Tradition der strikten Meinungsfreiheit trifft hier auf eine ausgeprägte Begeisterung für Handy-Dienste und einen ohnehin großflächig von Überwachungskameras kontrollierten öffentlichen Raum.

Den knipsenden Lesern vorgebliche Presseausweise auszustellen, wie es die "Bild"-Zeitung getan hat, wäre wiederum in Großbritannien, das keine Ausweispflicht kennt, undenkbar. Für eine größere Akzeptanz der Leser-Reporter im deutschsprachigen Raum muss das Konzept aber wohl noch über die Presseausweise hinaus an kontinentaleuropäische Gepflogenheiten angepasst werden.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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