Von Michael Röhrs-Sperber
Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt man, doch Dauerkonkurrenz inkompatibler technischer Standards kann das Geschäft auch behindern. Kunden, die mit einem teils erheblichen Investment in Vorlage gehen müssen, um eine neue Technik zu nutzen, wüssten vorher gern, ob es diese Technik in ein paar Jahren auch noch gibt.
Was aber, wenn sich in einem neuen Tech-Markt kein Standard durchsetzen kann? Dann, hat nun offenbar die EU-Kommission beschlossen, muss man mitunter Tatsachen schaffen. EU-Medienkommissarin Viviane Reding nutzte ihren Besuch der Cebit am Donnerstag morgen nicht nur, niedrigere Roaminggebühren für Handys einzufordern, sondern auch, um auf einen einheitlichen Standard für das Handy-TV zu drängen.
"Aus der Industrie", sagte Reding in Hannover, "bekomme ich immer zwei Sachen zu hören. Erstens: Wir brauchen einen gemeinsamen Standard, um von Größeneffekten profitieren zu können. Zweitens: Wir können uns aber auf keinen gemeinsamen Standard einigen. Jemand muss es in die Hand nehmen. Und wenn ich es sein muss, werde ich es tun."
Tatsächlich flimmert das Handy-TV in Europa bisher weitgehend erfolgfrei. Auch Versuche, das Prinzip TV am Handy mit Hilfe der Fußball-WM 2006 populär zu machen, scheiterten weitgehend. Dabei hat Handy-TV weit mehr Sex-Appeal, als noch vor ein paar Jahren gedacht.
"Ich war beim Fernsehen noch nie von so vielen Jugendlichen umringt, die mitschauen wollten", sagt etwa Johannes Ippach. Er ist so zu sagen von Beruf begeistert vom neuen Handy-TV - das muss er auch sein, denn immerhin ist Ippach Pressesprecher von Debitel. "Man kann Fernsehen konsumieren, wenn man Zeit hat - beim Warten auf die Bahn oder bei einem Arzt. Man verpasst nichts mehr", sagt er.
Ob man beim DMB (Digital Multimedia Broadcasting) von Debitel allerdings wirklich nichts mehr verpasst, ist fraglich. Das Angebot umfasst magere vier TV-Kanäle: ZDF, MTV, Sat1 und N24. Zusätzlich kann man zwei Radiosender (BigFM und Digital Radio) empfangen. Das ist natürlich kein Vergleich zu einem normalen Fernsehanschluss mit einer Vielzahl von Kanälen. Bisher haben auch noch nicht viele Kunden das neue Angebot genutzt - Debitel spricht von Verkaufszahlen im fünfstelligen Bereich.
Pressesprecher Ippach sieht diese Zahlen gelassen: "Den Leuten muss erst klar werden, dass es das Angebot gibt. Es ist kein Substitutionsgeschäft, sondern ein neuer Markt - und zwar für alle Beteiligten. Da sind geringen Stückzahlen am Anfang völlig normal."
DMB bekommt Konkurrenz
Das in Korea entwickelte Übertragungssystem DMB wird aber demnächst Konkurrenz bekommen. DVB-H (Digital Video Broadcasting-Handhelds) soll ihm das Wasser und damit auch die Kunden abgraben - und das nun mit höchst prominenter Unterstützung, denn natürlich ist es das in Europa entwickelte DVB-H, auf das die EU-Kommission als technischen Standard drängt.
DVB-H funktioniert ähnlich wie DVB-T (Digital Video Broadcasting-Terrestrial), der Übertragungsstandard für das digitale Fernsehen über Antenne. Ein Angebot für DVB-H gibt es jedoch noch nicht - bisher gibt es keinen bundesweiten Betreiber für dieses Netz. Dieser wird zur Zeit per Ausschreibung bei der Bundesnetzagentur ermittelt.
Der Leiter der Pressestelle der Bundesnetzagentur, Rudolf Boll, rechnet damit, dass das Vergabeverfahren im Sommer 2007 abgeschlossen ist. Der oder die Gewinner der Ausschreibung können dann anfangen, eine Sendeinfrastruktur aufzubauen. Das macht den Start von DVB-H zum Weihnachtsgeschäft eher unwahrscheinlich.
"Die Einführung ist aus unserer Sicht im Frühjahr 2008 erforderlich, um die dann anstehenden Großereignisse wie Fußballeuropameisterschaft und Olympiade abzudecken", sagt Heiko Witzke, Sprecher von Vodafone. Man kann also gespannt sein, ob der oder die Betreiber das schaffen. Wenn die gleiche Geschwindigkeit wie beim UMTS-Ausbau angenommen wird, kommen im Frühjahr wohl nur einige wenige Städte in den Genuss von DVB-H.
Strategiepapiere für weitere TV-Inhalte
Allerdings kann man heute schon die Frage stellen, ob es überhaupt ein Genuss wird. Denn das ist natürlich davon abhängig, was es mit DVB-H auf dem Handy zu sehen gibt. Rein technisch taugt der Standard für 40 Programme. Bei einem Feldversuch in vier deutschen Städten bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 konnten die Teilnehmer immerhin schon 13 Programme empfangen. Zusätzlich zu den bekannten TV-Sendern wird es noch weitere Angebote geben.
Vodafone plant beispielsweise, Mitschnitte von Sportereignissen zu zeigen. "Beim Fußball werden Sie bei uns sogar ein ähnliches Programm wie bei Arena zu sehen bekommen", sagt Vodafone-Sprecher Witzke. Für weitere Inhalte existieren schon Strategiepapiere. Bei den Telcos werden schon Gespräche mit Content-Lieferanten geführt. Genaueres wird man aber erst erfahren, wenn der oder die Betreiber feststehen.
Wer nicht so lange warten will, kann sich bei Vodafone Fernsehbilder über das UMTS-Angebot auf sein Handy holen. Im Angebot sind derzeit 32 TV-Programme für 0 bis 15 Euro pro Monat - je nach gebuchtem Paket.
Spätestens im Vorfeld zur Fußball-Europameisterschaft 2008 dürften die Anbieter noch einmal ordentlich aufdrehen - hier sieht EU-Kommissarin Reding auch die größte Chance, dem Handy-TV zum Erfolg zu verhelfen: "Bis dahin müssen wir Nägel mit Köpfen machen." Immerhin gehe es um einen wichtigen Markt. Schon in den nächsten drei Jahren soll der ein Volumen von zwölf Milliarden Euro erreichen.
Reding: "Wir haben keine Zeit, abzuwarten." In einer Umfrage der Kommission hätten sich bereits 17 Länder für DVB-H als technischen Standard ausgesprochen, fünf würden auch DMB unterstützen.
Auch auf der Cebit werden bei verschiedenen Mobilfunkanbietern TV-taugliche Geräte zu sehen sein, und natürlich spiegelt das Angebot nach wie vor die Konkurrenz der Standards: Bei O2 wird im Showcase wahrscheinlich das "Nokia N92" ausgestellt. Ein Promotorenteam wird bei T-Mobile verschiedene DVB-H-Geräte live zeigen und Vodafone wird das "Sagem MyMobileTV", das "Samsung P910" und das "Nokia N77" vorführen. Man kann sich auf der Messe also schon alle DVB-H-Handys anschauen.
Bei den DMB-Handys gibt es derzeit das "LG V9000" und das "Samsung SGH-P900 TV" - wahrscheinlich zu sehen an den Ständen von Debitel und Mobilcom.
mit Frank Patalong/dpa
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