Erst vor wenigen Tagen warnte die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, dass die "verhaltensbezogenen Süchte" in Deutschland immer weiter um sich greifen. Unter anderem auch der zwanghafte Umgang mit Handy und Internet. International hat sich für das Zeitgeist-Syndrom der Technikabhängigen sogar schon der Begriff "Mobile and Internet Dependency Syndrome" (MAIDS) etabliert.
Zum Thema liegen allerdings kaum gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Stattdessen dominieren einzelne Meldungen und Marketingumfragen die öffentliche Meinung: Etwa wenn das News-Portal "Ananova" berichtet, dass ein chinesischer Student in den letzten neun Jahren rund 500 Handys "durchgespielt" hat. Er leidet unter dem Zwang, die Funktionen aller Modelle auszuprobieren, die ihm in die Hände geraten. Oder wenn die Site "Cellular News" kolportiert, dass ein Brite vor Gericht Schadenersatz für seine Handy- und Sex-Sucht zugesprochen bekam. Die Richter sahen es demnach als erwiesen an, dass beide Abhängigkeiten durch einen Motorradunfall ausgelöst wurden.
Japaner vereinsamen
Gegenüber solch obskuren Meldungen erscheint eine japanische Umfrage, von der die Nachrichtenagentur AFP berichtet, richtig seriös: 90 Prozent der Befragten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gaben an, dass "Mobiltelfone ihr Leben verändert" hätten. 16 Prozent beschäftigen sich der Erhebung zufolge mehr als drei Stunden täglich mit ihrem Handy. Immerhin neun Prozent tun dasselbe während mehr als fünf Stunden und vier Prozent sogar mehr als zehn Stunden täglich. Die Umfrage wurde allerdings im Auftrag einer japanischen Firma durchgeführt, die mobile Anwendungen entwickelt. Die Ergebnisse sind daher wohl eher für Marketingzwecke tauglich, und weniger für ernsthafte wissenschaftliche Aussagen.
Der unklare Stand der Dinge wurde denn auch auf der LIFT-Konferenz in Genf deutlich, auf der im Februar über die Auswirkungen neuer Techniken im Alltag diskutiert wurde. Vereinfacht dargestellt gibt es derzeit zwei Positionen zur Handy-Allgegenwart: Abhängige "verbringen mehr Zeit mit ihren Technik-Gadgets, als mit Freunden und Familie," zitiert die "BBC" Nada Kakabadse, Professor an der Northampton Business School. Die entgegengesetzte Position formulierte Fred Mast von der Universität Lausanne: "Wir sollten die Fähigkeiten des Gehirns, sich auf neue Herausforderungen einzustellen, nicht unterschätzen."
Anonyme Handy-Süchtige
Ob man selbst gerade dabei ist, sein Hirn an neue Herausforderungen zu gewöhnen, oder das eigene Verhalten schon Suchtcharakter hat, lässt sich unterdessen mit einem Test herausfinden. Der ist zwar nicht hundertprozentig ernst gemeint, aber auch kein reiner Nonsens - das gleiche gilt für die Gruppe, die den Test online anbietet.
Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler
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