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09.04.2007
 

Fluch der Technik

Ich will doch nur telefonieren

Immer neue, immer mehr, immer komplexere Funktionen, so müssen neue Handys sein - zumindest nach dem Geschmack der Entwickler. Doch eine aktuelle Studie belegt: Viele Anwender scheitern schon daran, eine SMS zu schreiben.

Frankfurt am Main - Nicht nur Nostalgiker erinnern sich gern an die Zeit zurück, als ein Telefon noch ein Telefon war. Heute kann fast jeder mit seinem Handy Fotos machen, Nachrichten verschicken, fernsehen, im Internet surfen und sich an Geburtstage der Freunde erinnern lassen. "Man kann damit alles machen, außer bügeln", sagt Lothar Mühlbach im Scherz. Theoretisch zumindest. Denn der Soziologe untersucht am Fraunhofer Institut für Nachrichtentechnik, ob normale Menschen die Technik auch verstehen. Und seine Ergebnisse fallen meist verheerend aus: "Das meiste ist viel zu komplex."

Samsung Multimedia-Kommunikationsgerät: Viele Anwender fühlen sich von der Funktionsvielfalt moderner Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik überfordert
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REUTERS

Samsung Multimedia-Kommunikationsgerät: Viele Anwender fühlen sich von der Funktionsvielfalt moderner Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik überfordert

Oft scheitert es an den einfachsten Dingen: Der neue DVD-Player will den Film einfach nicht abspielen, das Computerprogramm drängt einem ständig Hilfe auf - nur nicht, wenn man sie braucht, und der Fahrkartenautomat sagt nicht, welcher Tarif für die gewählte Strecke gilt. Vor lauter Knöpfen und Menüpunkten finden viele Nutzer die einfachsten Anwendungen nicht mehr, wie die Studie "HandyERGO" der Fachhochschule Gelsenkirchen belegt. Fast zwei Drittel der Testpersonen scheiterte bei dem Versuch, auf einem fremden Handy eine SMS zu schreiben.

"Das Grundproblem ist, dass die Entwickler versuchen, immer mehr in die Geräte reinzupacken", sagt Mühlbach. "Doch die Masse der Leute will gar nicht so viele Funktionen, die die Bedienung behindern." Und das ist keineswegs nur eine Frage des Alters, betont der Forscher. Zwar sind gerade ältere Menschen von der neuen Technik schnell überfordert. Was aber nicht heißt, dass die Jüngeren alles verstehen. "Die sehen Bedienprobleme nur häufiger als Herausforderung."

Dabei geht es auch anders. Beim Auto zum Beispiel. "Jeder Autofahrer kann im Prinzip mit jedem Wagen losfahren: Das Lenkrad ist immer vor der Nase, das Gas immer rechts und die Gangschaltung in der Mitte", sagt Mühlbach. Autobauer wie Audi, BMW oder DaimlerChrysler haben erkannt, dass es besser ist, die Technik dem Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Auch im Hause Siemens wird seit Jahren daran gearbeitet, wie sich Waschmaschinen oder medizinische Geräte leichter bedienen lassen.

"Wir müssen da hinkommen, dass eine benutzerfreundliche Bedienung von Anfang an ein wichtiges Kriterium bei der Entwicklung eines neuen Produktes ist", sagt Andreas Beu von der Bedienbarkeits-Beratungsfirma User Interface Design. Am Anfang stehen daher für ihn die Fragen, wer der Nutzer ist, was er für Vorkenntnisse hat, und was er mit dem Produkt tun können soll. Nicht immer geht das gut, wie der Flop mit dem Seniorenhandy beweist. Für Beu ein klarer Fall: "Es geht doch keiner in den Laden und verlangt nach einem Handy für Alte oder Dumme." Dabei gäbe es seiner Ansicht nach durchaus einen Markt für einfachere Produkte, die aber trotzdem schick und hochwertig sein müssen.

Benutzerfreundlich darf nämlich nicht heißen, nur Funktionen wegzulassen, warnt Marc Hassenzahl, Präsident des Berufsverbandes der Bedienexperten, der so genannten Usability-Professionals. "Eine Möglichkeit wäre doch, nicht alle Funktionen von Anfang an einzublenden, um es neuen Benutzern am Anfang leichter zu machen", sagt er.

Dabei muss Benutzerfreundlichkeit nicht teurer sein und kann sich für beide Seiten lohnen. Der Computerhersteller IBM schaffte es, durch ein einheitliches Design für Internetseiten seine Online-Umsätze zu verfünffachen. Der australische Versicherer Norwich konnte die Zahl der Anrufe beim technischen Service um zwei Drittel reduzieren, nachdem eine Computeranwendung überarbeitet wurde. Und Apple zeigt mit seinem iPod, dass sich einfache Bedienung und Kultstatus nicht ausschließen. Doch das ist erst der Anfang, sind sich die Experten einig.

Letztlich liegt es aber an den Kunden selbst, mehr auf Bedienkomfort zu achten. "Er muss sich darüber bewusst werden, dass ihm das wichtig ist", sagt Verbandschef Hassenzahl. Die meisten lassen sich noch immer davon verführen, mehr für das gleiche Geld zu kriegen, beobachtet Mühlbach. "Statt dessen solle man den Verkäufer bitten, das Gerät mal vorzuführen", schlägt der Forscher vor. "Wenn der schon Probleme damit hat, ist das ein schlechtes Zeichen."

Katharina Becker/AFP

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