Von Marc Pitzke, New York
Ich liebe mein iPhone. Ich kann mit einem Klick das Wetter in Rio de Janeiro checken. Oder den Dow-Jones-Index samt Grafik. Oder mir selbst mit Google Earth aufs Dach gucken.
Und als Telefon? Bryan schickt mir genüsslich immer neue E-Mails mit negativen Testberichten. Zum Beispiel den vom "PC Magazine": "Bester Media-Player aller Zeiten - schlechte Audio-Qualität bei Telefonaten."
Gut, aber ... schöner lässt es sich nicht telefonieren. Die "optische" Voice-Mail: unschlagbar. Per Fingerklick durch den Anrufbeantworter, ohne minutenfressende Ansagen. Auch die Option, einen anklopfenden Anruf mit dem bereits laufenden zur Konferenzschaltung zu fusionieren und dabei nicht mal den Ohrstecker aus dem Ohr nehmen zu müssen, fasziniert mich. Theoretisch. Ob ich so etwas je praktisch brauche, bezweifle ich.
Auch pausiert die Musik zum Telefonieren, ohne dass ich das Ohr freimachen muss - im Kabel steckt ein mikroskopisch kleines Mikrofon. Das habe ich allerdings erst nach Tagen bemerkt. Denn auch das verschweigen die "Finger Tips" - das magere Begleitheftchen, das Apple anstelle einer Gebrauchsanweisung mitliefert.
Lieber laufen statt fahren
Auch die virtuelle Buchstaben-Tastatur, eine oft lamentierte Neuerung, habe ich längst gemeistert. Wenngleich mir die "Finger Tips" auch dabei wenig geholfen haben. Lang leben die Autodidakten! Mittlerweile tippe ich auf dem iPhone schon fast so schnell wie auf meinem MacBook. Ich liebe mein iPhone.
Ich hasse mein iPhone. Websites bauen sich langsamer auf als bei einer analogen Modemverbindung. Wenn ich es zücke, macht es manchmal von ganz allein ein Foto (es sei denn, es steckt im Etui, das blockiert die Linse). Die Tastatur hat keine Umlaute: "viele Gruesse an die Maedchen". Es gibt keine "Cut-and-Paste"-Funktion, mit der man Informationen in eine SMS oder E-Mail kopieren könnte. Und als ich zum Spaß den Weg zum Kino abfragen will, beharrt es: "Driving directions could not be retrieved."
Die Oberfläche ist so berührungsempfindlich, schon oft habe ich jemanden aus Versehen angerufen, nur weil mein Finger seinem Namen zu nahe kam. Wer beim Telefonieren Zahlen eingeben soll ("für Service, wählen Sie 1"), muss dazu erst mal die virtuelle iPhone-Tastatur aktivieren - ein blöder Umweg, für den man das iPhone vom Ohr nehmen muss.
Mein iPhone ist mein bester Freund
Und aus irgendeinem Grund patzt die "Favorites"-Funktion meines iPhones, mit der man seine Lieblingsnummern als handliche Liste speichern kann. Mein iPhone akzeptiert seit gestern keine neuen "Favorites" mehr. Offenbar hält es 20 Freunde für ausreichend.
Aber ich habe ja mein iPhone - es ist mein neuer bester Freund. Nicht alles, was es macht, gefällt mir, aber wahre Freundschaft übersteht das schon. Oder ist es Hassliebe? Oder gar Sucht? Gestern saß ich auf der Treppe vor meinem Haus und guckte über das iPhone stundenlang alberne YouTube-Videos - etwas, was ich auf meinem Computer selten mache.
Man merke: Es gibt kein Zurück. Das wäre, als würde ich meinen Farbfernseher gegen ein altes, wiewohl verlässliches Schwarzweiß-Gerät austauschen. Inzwischen hat sich ja selbst Bryan ein iPhone bestellt. Heimlich, online.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mobil | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH