Auch im dünn besiedelten Kanada gibt es inzwischen kaum noch bewohnte Gegenden, die nicht durch Mobilfunknetze abgedeckt sind. Einen der letzten weißen Flecke auf der Handy-Landkarte stellt das beschauliche Slocan Valley in British Columbia dar. Das soll sich allerdings bald ändern: Der Mobilnetzbetreiber Telus Corp hat seine Planungen für einen Mobilfunkmast im Ort New Denver bereits abgeschlossen.
Doch während der Telus Corp Zeit und Energie in die Vernetzung der winzigen Ortschaft investiert, haben sich die 600 ständigen Einwohner der ehemaligen Goldgräbergründung New Denvers die Sache noch einmal gründlich überlegt - und sind dabei zu dem Schluss gekommen, dass sie lieber doch keinen Handy-Empfang in ihrem Tal haben wollen.
"Die Tatsache, dass wir ohne Mobilfunk leben, bedeutet, dass wir nicht permanent von piependen Handys belästigt werden, und von gebrüllten Gesprächen fremder Leute ebenso", erklärte Bill Roberts von der örtlichen Handelskammer jetzt gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Neue Tourismusattraktion
Sollte Telus Corp der Bitte der Talbewohner nachkommen, könnte der Status Handy-freie Zone durchaus zur neuen Touristenattraktion werden. Touristen, die die Einsamkeit der unberührten Natur schätzen, sind für die Region ohnehin die einzige Hoffnung auf wirtschaftliche Weiterentwicklung.
Das Votum gegen den Mobilfunk will Handelskammer-Vertreter Roberts aber auf keinen Fall als prinzipielle Fortschrittsfeindlichkeit des Tals verstanden wissen. Er habe sogar selbst ein Handy. Für die Nutzung außerhalb des Tals. Genau deshab wisse er den wohltuenden Effekt der empfangsfreien Zone so sehr zu schätzen.
Roberts, der Hinterwäldler aus Überzeugung, liegt mit seinem Funk-Boykott sogar im Einklang mit der Forschung: Dass Mobiltelefone den Stresslevel erhöhen, ist inzwischen medizinisch belegt Ganz im Gegensatz zu anderen immer wieder vermuteten Risiken, wie einer erhöhten Krebsgefahr durch elektromagnetische Wellen.
Handys in der Mogelpackung
Der Wunsch der Talbewohner nach gut vermarktbarer Stille weist allerdings einen gravierenden Schönheitsfehler auf: Das Tal wird nämlich noch in diesem Jahr fast flächendeckend mit drahtlosem Internet versorgt. Das Tal bemüht sich offensichtlich bereits seit Jahren um ein Infrastruktur-Förderprogramm, das schnelles Internet per Funk in abgelegene Gebiete bringt. Laut der Website des Tals, machten sich die Bewohner bereits 2005 Hoffnungen, den Netz-Anschluss im Jahr 2006 unter Dach und Fach zu bringen.
Ein flächendeckendes W-Lan heißt aber auch, dass man im Slocan Valley bald mittels Internet-Telefonie mobil telefonieren kann. Die entsprechenden Telefone sind vielleicht keine Handys im Wortsinn, aber sie werden praktisch die gleichen Funktionen und Effekte haben.
So gesehen wird das Slocan Valley für den angestrebten Image-Gewinn auf nichts verzichten müssen. Vielleicht ist sogar Telus Corp froh über die Notbremse in letzter Sekunde: Denn wer wird noch das Handy-Netz verwenden, wenn er mit dem mobilen Internet-Zugang schneller und günstiger fährt? Höchstens Touristen.
Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mobil | RSS |
| alles zum Thema Mobilkommunikation | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH