Sonntag, 22. November 2009

Netzwelt



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30.09.2007
 

Afrikanische Handy-Kultur

Der Reichere zahlt

Um Telefongebühren zu sparen, verständigen sich Handy-Besitzer in Afrika über Klingeltöne. Sie machen mit Freunden Codes aus, heben nicht ab, sondern hören bei bestimmten Nummern einfach hin: Ein Klingelzeichen bedeutet "Ruf mich zurück", zwei "Hol mich ab".

In Afrika, Asien und Lateinamerika findet dieser Tage ein Experiment mit weitreichenden Folgen statt: Mehrere hundert Millionen Menschen werden durch den Handy-Boom erstmals in moderne Kommunikationsnetze eingebunden. Dass davon die Ökonomie armer Länder profitiert, gilt inzwischen als sicher. Aber die neuen Massen am Telefon ahmen nicht nur Vorbilder aus den Industrienationen nach, sie eignen sich die Technik auch mit neuen Kommunikationskulturen an.

Handy-Händler: Verkauft in Sudans Hauptstadt Khartum Mobiltelefone
REUTERS

Handy-Händler: Verkauft in Sudans Hauptstadt Khartum Mobiltelefone

Eine Entwicklung treibt vor allem in Afrika ihre Blüten: das "Beeping". In Ruanda versteht man darunter die Bitte um einen Rückruf durch einmaliges Klingeln. Der naheliegende Kniff, um trotz knappem oder ohne Gesprächsguthaben zu telefonieren, ist in Afrika ein echtes Massenphänomen.

Und dieses bereitet einerseits den Netzbereitern ernsthafte Kopfschmerzen, andererseits hat es schon einen regelrechten Beeping-Knigge hervorgebracht.

Laut Uno-Statistik ist die Zahl der Handys in Afrika von 25,3 Millionen im Jahr 2001 auf 192,5 im letzten Jahr angeschwollen. Die meisten Nutzer erwerben dabei ihr Telefon auf dem freien Markt, und nutzen es mit Verträgen ohne Grundgebühr oder Mindestumsatz.

Jeder dritte Anrufer bittet kostenlos um Rückruf

Und ein erklecklicher Teil der afrikanischen Mobiltelefon-Besitzer hat oft überhaupt kein Geld, um das eigene Gesprächsguthaben aufzuladen. In der Folge boomt das "Beeping" oder "Flashing" in Ruanda, das im Sudan "Missed Call" genannt wird, in Äthiopien "Miskin", und in frankophonen Ländern "Bipage".

In Afrika sind inzwischen 20 bis 30 Prozent aller Anrufe "Beeping", berichtet der Soziologe Jonathan Donner in einem Artikel, der demnächst "Journal of Computer-Mediated Communication" publiziert wird. Donner, der für Microsoft Nutzergewohnheiten erkundet, ist dem Phänomen auf dem ganzen Kontinent nachgegangen.

Wie die Nachrichtenagentur "Reuters" berichtet, hat Donner ein fest etabliertes Regelwerk ausgemacht, das er "The Rules of Beeping" nennt. Das erste Gebot lautet dabei, dass "der Reichere zahlt", einen Ärmeren zu "beepen" ist dagegen verpönt. Das gleiche gilt für das "Beepen" der Freundin oder wenn man jemanden um einen Gefallen bitten will. Außerdem sollte man nie mehr als zweimal hintereinander um Rückruf anklingeln.

Plaudern per Klingelton-Folge

Aber "Beeping" kann mehr, als die Bitte um einen Rückruf zu signalisieren: Sowohl Donner als auch eine weitere Studie namens "Africa Calling" ( PDF-Version) beschreiben auch das Morsen mittels Klingelton. Ebenfalls weit verbreitet, wird damit die Kommunikation per Handy in vielen Fällen sogar für beide Teilnehmer kostenlos. Dafür vereinbaren Verwandte oder Paare bestimmte Codes, nach denen dann beispielsweise zweimaliges Klingeln "Hol mich ab" bedeutet.

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Die afrikanischen Netzbetreiber sind über diese Morsekommunikation natürlich nicht besonders erfreut. Sie versuchen daher ihre Kunden per Appell zum mäßigen "Beeping" anzuhalten, oder bieten sogar eigene "Beeping"-Dienste an. Bei Vodafone-Kongo heißt der entsprechende Service "Rappelez-moi SVP" ("Ruf mich bitte an") und kostet mit umgerechnet 0,75 Cent nur ein Fünftel des SMS-Preises.

Beim Anbieter Safaricom, der in einer handvoll Länder aktiv ist, wurde die Funktion "Flashback 130" getauft. Sie ist fünfmal im Monat kostenlos und bietet gegenüber dem normalen "Beeping" den Mehrwert, dass der gewünschte Gesprächspartner eine höflich formulierte SMS mit der Bitte um Rückruf erhält.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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