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09.07.2008
 

Tastaturinnovation

Das Handy mit dem Haptik-Trick

Ein Mobiltelefon, das die Finger massiert? Gibt es. Auf der spiegelglatten Oberfläche des neuen Musik-Handys Rokr E8 machen kurze Rütteleffekte den Anwender glauben, er würde Tasten drücken, wo gar keine sind. Ob das klappt? Matthias Kremp hat den Selbstversuch gemacht.

Gut sieht es aus, das neue Rock'n'Roll-Handy von Motorola, das Rokr E8. Seine Oberfläche glänzt komplett in Schwarz, Markierungen fehlen, ebenso die Tasten. Sollte das etwa Motorolas erstes Touchscreen-Handy sein, was der Paketbote da angeliefert hat?

Der Formfaktor würde passen. Das Gerät ist fast genauso groß wie Apples iPhone. Aber anders als der iPod-Erfinder übt das US-Unternehmen keinen totalen Tastaturverzicht. Stattdessen hat es dem musikalischen Mobiltelefon eine virtuelle Tastatur eingepflanzt, die sich der jeweils benutzen Anwendung anpasst - und dabei die Finger massiert.

Über echte Tasten verfügt diese Tastatur nicht. Im Ruhezustand bleibt die gesamte Oberfläche des Handys dunkel. Einzig der halbrunde Rahmen des sogenannten FastScroll-Navigationsrads sowie drei Reihen kleiner Hubbel kann ich mehr fühlen als sehen. Sie sind so klein, dass sie nur dann erkennbar werden, wenn ich das Handy schräg zum Licht halte. Ihr eigentlicher Sinn dürfte darin bestehen, den Fingern fühlbare Orientierungspunkte zu geben, wenn man das Handy blind bedienen will - was irgendwie widersinnig ist. Denn, welcher Punkt welche Funktion inne hat, ändert sich je nach Anwendung.

Und genau das ist das Besondere am Rokr E8. Es genügt, dass ich sanft über das Tastenfeld - das ja eigentlich keine Tasten hat - streiche und schon erwacht das Gerät zum Leben. Das der Bildschirm dabei aufleuchtet ist wenig verwunderlich. Umso mehr aber, dass auf dem unteren Teil des Geräts plötzlich deutlich eine Tastatur zu sehen ist. Kleine LED-Lämpchen hinter dem sonst dunklen Tastenfeld beleuchten nur die gerade benötigten Bereiche. Hightech ist das allerdings noch nicht. Schließlich leuchten hier schlicht kleine Lämpchen hinter den gerade gebrauchten Symbolen auf.

Force-Feedback für die Fingerkuppen

Und doch verbirgt sich hinter dem Leuchtspektakel eine technische Innovation, auf die Anwender von Touchscreen-Handys seit langem warten: haptisches Feedback.

Der Fachbegriff beschreibt eine Technik, die den Fingerkuppen selbst auf völlig starren Glasoberflächen das Gefühl vermittelt, sie hätten gerade eine Taste gedrückt. Als "localized haptic feedback" wird das bei Motorola bezeichnet. Bei mir zumindest funktioniert das bestens: Meine Finger lassen sich von den leichten Vibrationen der Pseudotasten derart hinters Licht führen, dass ich mehrmals nachprüfe, ob sich da nicht doch etwas bewegt. Der Effekt erinnert an Force-Feedback-Joysticks, die PC-Rennfahrern durch Rütteln vorgaukeln, sie würden gerade über ruppiges Terrain fahren.

Quittiert wird jeder Tastendruck zudem durch ein leise schmatzendes Klickgeräusch. Das allerdings scheint nicht elektronisch erzeugt zu werden, sondern einfach Bestandteil der Tastensimulation zu sein. Eine Funktion zum Abschalten des Tastenschmatzers habe ich auf jeden Fall nicht gefunden.

Das Rad täuscht

Sehr schnell gefunden habe ich dagegen die, neben dem Telefonieren, wichtigste Funktion des Rokr: den Musik-Player. Schwer war das nicht: Direkt über der Telefoniertaste ist ein Notensymbol zu sehen. Ein Fingerdruck darauf führt nicht nur in die Musikbibliothek, er zeigt auch, wofür so eine virtuelle Tastatur nützlich ist, das sich sofort das gesamte Tastenfeld verändert.

Technische Daten: Motorola Rokr E8
Maße 115 x 53 x 10,4 cm
Gewicht 107 Gramm
Standby (lt. Hersteller) 300 Stunden
Sprechzeit (lt. Hersteller) bis zu 350 Minuten
Datenfunktionen GRPS, EDGE
GSM Quadband
Bluetooth Ja
USB Ja
W-Lan nein
Digtalkamera 2-Megapixel
Eingebauter Speicher 2 GB
Audioformate MIDI, MP3, AAC, AAC+, eAAC+, WMA, WAV, Real Audio v10
Preis* ab 227 Euro
* lt. guenstiger.de, Stand 08.07.2008

Sämtliche Zifferntasten werden ausgeblendet. Stattdessen erscheint eine Player-Steuerung mit Schaltern für Play/Pause, Vorlauf, Rücklauf, Zufallsfunktion und Endloswiedergabe. Das zentrale Bedienelement ist das Navigationsrad. Von dem lasse ich mich erst mal in die Irre führen, interpretiere den inneren Kreis als Rad, so wie beim iPod. Doch weit gefehlt: Nur ein kleiner, weiß markierter Dreiviertelring dient zum Scrollen. Was ich für einen inneren Ring hielt, sind eigentlich vier Richtungstasten für oben, unten, links und rechts.

Musik auch im Flug

Trotz dieser Eigenheit kann mich der Musik-Player durchaus von seinen Vorzügen überzeugen. Das liegt weniger an den vielen Musikformaten, die er unterstützt, als vielmehr an seinem guten Klang. Sogar die mitgelieferten Kopfhörer, sonst meist ein Grund zum Jammern, gehören zu den besseren ihrer Art. Selbst an einen Flugzeugmodus haben die Entwickler gedacht: Die Handy-Funktionen lassen sich deaktivieren, übrig bleibt ein MP3-Player - und den beanstandet keine Stewardess. Einzig das klobige quadratische Kästchen, in dem das Freisprechmikrofon untergebracht ist, stört, ist für meinen Geschmack viel zu weit oben am Kabel angebracht, verheddert sich deshalb leicht mit Hemdknöpfen.

Dass das Rokr auch in der Lage ist, Filme wiederzugeben, merke ich erst, als ich mich auf einen Streifzug durch die Tiefen des eingebauten Zwei-Gigabyte-Speichers mache und dabei auf zwei Kurzfilme stoße. Beim Betrachten der Videos wird mir dann auch klar, wie brillant das Display eigentlich ist. Schade nur, dass es so mickrig geraten ist.

Mickrig ist auch die technische Ausstattung, zumindest in einigen Punkten. Zwar kann man filmen und auch fotografieren, aber mit ihrem Zwei-Megapixel-Chip taugt die Kamera bestenfalls für Schnappschüsse. Und auch als Surfbrett ist es nur eingeschränkt zu gebrauchen. Statt UMTS oder HSDPA versteht es sich nur auf EDGE und GPRS. Das reicht gerade für E-Mail, bremst aber Versuche, das Web zu erkunden, eher aus.

Mobile Breitbandformate

UMTS

Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)

HSDPA

GPRS

Edge

WiMax

DVB-T

LTE

Versuche, das Handy an sich zu erkunden, hat mir dagegen die frickelige Benutzeroberfläche verleidet. Das liegt nicht einmal daran, dass man Motorolas Version eines Handy-Betriebssystems eigentlich nur entweder lieben oder hassen kann. Vielmehr ist daran das Navigationsrad schuld. Offenbar ist Motorolas Version der Einhandbedienung komplett inkompatibel zum meinem Daumen. Insbesondere den winzigen Mittelknopf, mit der Enter-Taste am PC vergleichbar, wollten meine Finger nie zuverlässig treffen. Stattdessen habe ich beim Versuch, einen Menüpunkt auszuwählen, mit steter Regelmäßigkeit gleichzeitig die "runter"-Taste des Mittelrads gedrückt und damit etwas ganz anderes ausgelöst. Nur mit spitzem Fingernagel war es mir möglich, die Enter-Taste halbwegs zielsicher auszulösen.

Und dann sind da noch die kleinen Merkwürdigkeiten, über die ich beim Testen immer mal wieder stolperte. Zum Beispiel, dass die Funktion "Bassanhebung" automatisch deaktiviert wird, wenn man eine der Equalizer-Voreinstellungen aufruft. Von den teils mehrere Sekunden langen Wartezeiten zwischen dem Aufruf einer Funktion und deren Ausführung ganz zu schweigen. Tagelang dachte ich, der Abruf des Speicherfüllstands sei nicht möglich, bis ich mich endlich in Geduld übte, einige Sekunden wartete und tatsächlich die gewünschten Angaben zu sehen bekam.

Doch so viel Geduld will ich nicht aufbringen müssen. Mein Handy soll schnell und intuitiv funktionieren, einfach zu bedienen sein und es mir leicht machen, die wenigen Funktionen, die ich wirklich brauche, aufzurufen. Motorolas Rokr E8, so schön die virtuelle Tastatur auch ist, schafft das leider nicht.

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