Wenn ein knappes Dutzend Japaner in Frack und Robe Mozarts "Kleine Nachtmusik" auf ihren Handys nachspielt, klingt das zunächst wie eine weitere Marotte von der Mobilfunk-verrückten Insel. Aber was die Damen und Herren mit übertriebener Gestik auf ihren Handys darbieten, könnte durchaus auch hierzulande zum neuen Freizeittrend werden. Schließlich sind Musikspiele, die auf traditionelle Gamer-Steuerung und -Logik verzichten, gerade weltweit im Trend, wie Hits nach dem Muster von "Guitar Hero" oder "Rock Band" zeigen.
Grundidee aller Rockmusik-Games für die einschlägigen Spielkonsolen XBox, Playstation und Wii ist es, ein Instrument rhythmisch und melodisch korrekt nachzuspielen. Die japanische Orchester-Aufführung basiert auf dem gleichen Prinzip, nur dass es fürs Handy noch einmal drastisch vereinfacht wurde. Statt komplizierte Riffs zu greifen, muss man beim Musik-Spiel "Chokkan Classic" nämlich nur im Rhythmus bleiben, um mitzuspielen.
Kollektives Wedeln
" Chokkan Classic" wurde vom Game-Hersteller Taito entwickelt und wird als kostenpflichtiges Online-Spiel im Netz des größten japanischen Mobilfunkers NTT DoCoMo angeboten. Anders als es die übertriebene Darbietung des Handy-Orchesters glauben macht, muss der Rhythmus nicht einmal mit einer besonderen Technik gehalten werden. Die Handy-Musiker müssen nämlich nur irgendwie vor dem Infrarot-Empfänger ihres Handys wedeln. Ob sie sich ihr Telefon dabei wie eine Querflöte an den Mund halten und mit dem abgespreizten Finger wackeln oder mit einem Bleistift über einem Handy wippen, das auf dem Schreibtisch liegt, spielt keine Rolle.
Der einzige Kniff, der das Handy-Musizieren mit "Chokkan Classic" von einem kollektiven Anfall Hospitalismus unterscheidet, ist die Verteilung der Instrumente auf die verschiedenen Mitspieler. Denn vor der Wackel-Session muss jeder Teilnehmer ein Instrument wählen, dessen Rhythmus er anschließend halten soll. Und so entsteht dann trotz aller Reduktion das Erlebnis des gemeinsamen Musizierens, denn sobald der "Geiger" nicht mehr vor dem Infrarot-Sensor seines Handys wedelt, verstummt die Geigenspur schlicht und einfach.
Rock bereits erfolgreich
Taito will mit "Chokkan Classic" Spieler jenseits des klassischen Gamer-Klischees ansprechen, also Frauen und ältere Konsumenten - auch dies entspricht dem aktuellen Trend in der Spielebranche. Denn mit dem Vorläufer-Spiel "Chokkan Band" konnte die Software-Schmiede bei jungen und vornehmlich männlichen Japanern bereits einen soliden Erfolg erzielen. Band- und Klassik-Version unterscheiden sich nur durch die angebotenen Stücke zum Nachspielen, die Funktionsweise ist identisch.
Die japanische Handybranche steht derzeit unter hohem Druck, neue populäre Anwendungen zu entwickeln, weil der Mobiltelefon-Absatz zuletzt erstmals rückläufig war. Und dabei sind die Zielgruppen jenseits der immer noch sehr Technik-affinen Teenager entscheidend, weil sie das Gros der Handy-Nutzer darstellen. Es ist also kein Zufall, wenn NTT DoCoMo über das Orchester-Spiel Handys mit klassischer Musik verbindet. Der konkurrierende Mobilfunker KDDI hat jedenfalls unlängst mit einem Design-Konzept nach dem gleichen Strickmuster aufhorchen lassen. Die Modelle mit Trompeten-Knöpfen an der Handy-Seite oder ausklappbarer Klaviatur sind allerdings bislang nur Prototypen.
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