Von Matthias Kremp
Der Name Palm ist aus dem neuen Betriebssystem allerdings vollständig getilgt worden. Nirgends wird auf die Wurzeln des Systems hingewiesen. Und das ist auch korrekt so, denn das jetzt als Access Linux Platform 3.0 (ALP 3.0) bezeichnete System wurde von Grund auf neu programmiert, hat mit dem, was einmal das Palm OS war, nicht mehr viel zu tun.
Das liegt auch daran, dass die heutige Firma Palm mit Software-Entwicklung nicht mehr viel zu tun hat. 2003 hatte das Unternehmen sich in zwei Firmen aufgespalten, die sich getrennt voneinander um Hard- beziehungsweise Software-Entwicklung kümmerten. Zwei Jahre später wurde die Software-Sparte vom japanischen Access-Konzern geschluckt und die Bezeichnung Palm komplett gestrichen. Seither warten Palm-Fans auf eine neue, grundlegend überarbeitete und modernisierte Version des Palm-Betriebssystems. Eben die hat Access jetzt angekündigt: ALP 3.0.
Palm-Fans, die sich grämen, dass es seit Jahren keine echten Updates mehr gab, können sich freuen. Das neue Linux-Betriebssystem ist kompatibel zu der letzten, Garnet genannten Inkarnation von Palm OS. Anwender, die Termine und Adressen also immer noch auf einem Palm-Handheld oder -Smartphone herumtragen, können sich Hoffnungen machen, schon relativ bald auf ein wirklich modernes Handy umsteigen zu können, ohne auf liebgewonnene Zusatzprogramme verzichten zu müssen. Und die gibt es reichlich. Mehr als 25.000 Applikationen, so Access, sollen derzeit unter Garnet und damit auch unter ALP 3.0 laufen.
Alles an Bord
Damit nicht genug. Auch Java-Software und natürlich Linux-Programme sollen mit dem neuen System zusammenarbeiten, verspricht der Hersteller. Zudem basiere ALP 3.0 auf den Standards der LiMo-Foundation, einem Industrie-Konsortium, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine offene, von spezieller Hardware unabhängige Linux-Plattform zu schaffen. Geräte wie Motorolas Handschmeichler U9 basieren bereits auf LiMo.
Ansonsten aber hat sich einiges geändert. So bietet ALP 3.0 beispielsweise nicht nur die Möglichkeit, Daten mit einem Windows-PC abzugleichen, sondern verfügt auch über die Fähigkeit, Termine und Adressen über das Mobilfunknetz zu synchronisieren, sofern der Netzbetreiber solche Dienste anbietet. Außerdem ist eine weitgehend komplette Software-Grundausstattung mit an Bord, zu der essentielle Programme wie ein Web-Browser, E-Mail-, Chat- und Multimedia-Anwendungen gehören.
Linux-iPhone für Russland
Einen ersten Eindruck, wie Geräte aussehen können, auf denen das neue Palm-Linux läuft, gibt das israelische Unternehmen Emblaze Mobile. Dessen Mobiltelefon Edelweiss ist nicht nur optisch stark an das iPhone angelehnt. Sein berührungsempfindlicher Bildschirm übertrifft den des Apple-Handys mit einer Auflösung von 854 x 480 Bildpunkten bei weitem.
Zudem soll er entspiegelt und mit einer Beschichtung gegen Fingerabdrücke versehen sein. Für Datenverbindungen und zur Navigation sind UMTS- und HSDPA-Technik, W-Lan, Bluetooth und GPS eingebaut. Der Speicher soll je nach Modell acht oder 16 Gigabyte groß sein, die Digicam eine Auflösung von 3,2 Megapixel haben. Beschleunigungssensoren sollen ähnlich wie beim iPhone die Ausrichtung des Handys feststellen können.
Vor allem aber soll dem Gerät das neue ALP 3.0 als Betriebssystem dienen. Wenn der Hersteller hält, was er verspricht, hat Emblaze mit dem Edelweiss einen potentiellen iPhone-Killer in der Schublade, der nicht nur State-of-the-Art ist, sondern auch noch vom Start weg mit Tausenden, großenteils kostenlosen Zusatzprogrammen aufgewertet werden kann. Einen klitzekleinen Haken hat die Sache dann aber doch noch: Offenbar plant Emblaze bisher, das Edelweiss nur in Russland auf den Markt zu bringen. Das legt zumindest die eigens für das künftige Handy eingerichtete Edelweiss-Web-Seite nah.
Kann Palm das noch?
Wahrscheinlicher ist es ohnehin, dass noch vor diesem Hightech-Multimedia-Spielzeug verschiedene weit schlichter konstruierte Mobiltelefone mit dem neuen Handy-Linux auf den Markt kommen. Extra für solche Geräte hat Access eine "Mini"-Version von ALP entwickelt. Deren Hardware-Aanforderungen sind deutlich bescheidener, sollen es ermöglichen, möglichst günstige Geräte auf Basis des neuen Systems herzustellen.
Die Kombination der beiden neuen Betriebssystemvarianten würde es Palm ermöglichen, endlich wieder im alten Glanz zu erstrahlen, ein breites Produktportfolio von Einsteigergerät bis zum Highend-Boliden anzubieten. So könnte sich das Unternehmen endlich auch wieder von der Masse der Windows-Mobile-Anbieter abheben, in der die Treo-Smartphones trotz teils guter Eigenschaften nur eine Nebenrolle spielen. Abzuwarten bleibt, ob Palm tatsächlich noch in der Lage dazu ist, sich noch einmal neu zu erfinden, einen erfolgreichen Neustart unter Linux hinzulegen. Allzu viel Zeit sollte sich das Unternehmen damit nicht lassen.
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