Bankgeschäfte mit dem Mobiltelefon abzuwickeln, ist hierzulande immer noch ein exotisches Nischenphänomen. Richtig erfolgreich sind Handys als Brieftasche und Konto wohl nur in Hightech-Nationen wie Japan und Südkorea sowie in Schwellenländern. Dabei ersetzt das Mobiltelefon im reichen Japan zunehmend Bargeld bei Einkäufen des täglichen Bedarfs, während in Ländern wie Indien das Handy-Guthaben inzwischen zum ersten Girokonto für Abermillionen armer Menschen geworden ist.
Weniger bekannt ist eine weitere Form von Handy-Geldgeschäften, obwohl diese im Norden Europas weit verbreitet ist: Spontan-Kredite per SMS. In dieser speziellen Spielart des mobilen Bankgeschäfts versprechen Firmen besonders schnell und unkompliziert Geld auf Pump. Dabei halten sich die Anbieter nicht mit altmodischen Gepflogenheiten wie der Überprüfung der Kreditwürdigkeit auf, dafür verlangen sie allerdings leider auch Jahreszinsen von bis zu tausend Prozent.
Den meist jugendlichen Kreditnehmern sind diese horrenden Zinssätze aber meist gar nicht bewusst, weil die Kredite in der Regel nur für wenige Wochen vergeben werden.
Estland verschuldet sich mobil
Derzeit boomt das SMS-Kreditgeschäft vor allem in Estland, wo nicht weniger als zehn Firmen das fragwürdige Geschäftsmodell betreiben. Insgesamt sollen die Unternehmen dabei jährlich ein Kreditvolumen von einer halben bis zu einer Milliarde Estnischen Kronen (32 bis 64 Millionen Euro) vergeben - exakte Zahlen sind offensichtlich nicht zu ermitteln, da die Kreditfirmen ihre Umsätze in der Regel nicht veröffentlichen.
Unangefochtener Marktführer der SMS-Kreditbranche in Estland ist SMS Laen, das Unternehmen soll etwa für die Hälfte der Umsätze verantwortlich sein. In einer Pressemeldung erklärte SMS Laen im vergangenen November, dass etwa zehn Prozent seiner Kunden ernsthafte Probleme mit der Rückzahlung hätten. Dem steht entgegen, dass bereits im April ein Vertreter der Inkassofirma Julianus von der guten Auftragslage seiner Branche durch die SMS-Kreditfalle geschwärmt hatte.
Demnach geht es bei den meisten zahlungsunfähigen Schuldnern um Beträge zwischen 1400 und 1600 Euro. Und nicht einmal die weltweite Finanzkrise, die auch durch faule Kredite für US-Hauskäufer ausgelöst wurde, scheint die fragwürdigen Kreditgeschäfte in Estland zu beeinträchtigen. Konsumentenkredite ohne Sicherheiten hätten ihre Berechtigung, erklärte SMS-Laen-CEO Aare Sosaar noch Ende vergangenen Jahres, weil sie es ermöglichen, "unvorgesehene Engpässe" zu überbrücken.
Die erste Welle
Ihren ersten großen Boom erlebte die SMS-Kreditwelle vor zwei Jahren in den skandinavischen Ländern. Und nachdem sich immer mehr jugendliche Kreditnehmer kopflos in die Kreditfalle gestürzt hatten, wurde das Phänomen auch entsprechend kritisch wahrgenommen. So kam die finnische Finanzaufsicht FIN-FSA bereits 2006 in einer Studie zu dem Schluss, dass mit den SMS-Krediten ein neuartiges Problem entstanden sei.
In den skandinavischen Ländern haben die Aufsichtsbehörden inzwischen aber auf das Problem reagiert. In Schweden gilt beispielsweise seit Anfang 2008 eine Regelung, nach der die Kredite nicht mehr innerhalb weniger Minuten vermittelt werden dürfen. Auf die Auszahlung muss man in Schweden seitdem bis zum nächsten Tag warten, womit die SMS-Kredite sich nicht mehr für spontane Shopping-Abenteuer eignen, die anschließend sofort bereut werden.
Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler
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