Noch knapp vor der Jahrtausendwende sah die Sache recht einfach aus: Wer sich durch Mobiltelefone gestört fühlt, besorgt sich einfach ein ebenfalls handliches und mobiles Störgerät und bestimmt fortan selbst, wann in seiner Umgebung telefoniert wird:
Video-Handy in Schülerhand: Porno- oder Rettungszentrale?
Dass die Geschichte anders ausging, dürfte nicht nur der Tatsache geschuldet sein, dass der Eingriff ins Funknetz mittels Störsender in den meisten Ländern illegal ist: Schwerwiegender ist wohl der Umstand, dass die eben noch verbreitete Handy-Skepsis sich weitgehend in Luft aufgelöst hat - das mobile Telefon hat schlicht die kulturelle Lufthoheit erobert.
Pornozentrale Handy
Wann und wo das Mobiltelefon genutzt werden darf, scheint also weitgehend eine Frage der kulturellen Interpretation zu sein, der Handy-Bann in New Yorker Theatern, Kinos und Museen ist dabei noch ein relativ übersichtlicher Fall, kniffeliger wird es bereits beim Handy-Verbot an bayerischen Schulen, das nach den Sommerferien in Kraft treten wird.
Den Bayern geht es nämlich zunächst nicht um die Verhinderung simpler Telefonate, im Freistaat begreift man Handys bereits als multimediale Allround-Geräte, das Verbot soll vor allem eine Maßnahme im Kampf gegen die Verbreitung von Gewalt- und Pornodarstellungen unter Jugendlichen darstellen.
Feine englische Art
Und wenn die bayerische Logik schon irgendwo zwischen komplex und skurril, smarter Technik-Antizipation und dumpfem Reflex einzuordnen ist, dann sorgt die letzte Episode aus Großbritannien zum Thema endgültig für Verwirrung: Das altehrwürdige Golfturnier British Open ringt derzeit mit der Frage, ob man den Zuschauern das mobile Telefonieren verbieten soll - klare Sache sollte man meinen, wenn Tiger Woods und Co sich beim Putten konzentrieren müssen, sollte Klingelton-Abstinenz Konsens sein.
Aber weit gefehlt: Nachdem ein älterer Zuschauer einen Herzinfarkt erlitt und die Rettungskräfte dank schneller Alarmierung via Handy innerhalb kürzester Zeit zur Stelle waren, mögen die Veranstalter keine voreiligen Schritte unternehmen.
Demnach zeichnet sich ausgerechnet auf dem feinen englischen Rasen ein Präzedenzfall für das Recht auf permanente Mobilkommunikation ab, während bayerischen Schüler die multimediale Zukunft verweigert wird - nur von Störsendern redet schon lange niemand mehr.
Sascha Koesch / Robert Stadler, de-bug.de
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