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Abgelehnt: Apple findet Jesus nicht gut

Wer mit kleinen Programmen für das iPhone Geld verdienen will, muss es in Apples App Store schaffen: Nur was dort zentral angeboten wird, hat Chancen, wahrgenommen zu werden. Doch Apple nimmt längst nicht jedes Programm auf - man hat ja Standards. Leicht zu durchschauen sind die aber nicht.

Es ist normal, dass Apple seine Entscheidungen nicht begründet: Machtworte aus Cupertino sind nicht nur dann Gesetz, wenn "Guru" Steve Jobs sie äußert. Das Modell Apple fußt zu einem guten Stück darauf, dass die Firma ihre kleine Warenwelt mit eiserner Hand regiert. Denn die hocheffiziente Business-Welt von Apple lebt davon, nicht etwa nur irgendwelche profanen Märkte mit Waren zu bedienen. Apple macht sich seine Märkte mit Vorliebe selbst - und wenn es dafür das Rad neu erfindet.

Anstößig: Heilige und Humor zu kombinieren, das geht gar nicht, findet Apple

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Nirgendwo ist das bisher so perfekt gelungen wie bei den iPods (vulgo: MP3-Player) und iPhones (vulgo: Handy). Das Geheimnis des exorbitanten Erfolges von Apple mit diesen Produkten liegt nicht zuletzt darin, dass es die den Produkten zuliefernden Branchen und Entwickler eisern im Griff hat. Wer online Musik verkaufen will - dieses Gesetz gilt seit Jahren - muss in Apples iTunes Store vertreten sein und sich Apples Bedingungen diktieren lassen. Wer Programme für das iPhone verkaufen will, muss in Apples App Store vertreten sein. Das aber wird nicht jedem erlaubt.

Abgelehnt wurde ganz aktuell beispielsweise die kleine Software " Me so Holy" des Entwicklers Benjamin Kahle.

Das Programm ist eines der typischen kleinen iPhone-Gimmicks, von denen man einige als nützlich beschreiben kann, einige mehr als pfiffig oder witzig, viele als eher albern und noch mehr als eigentlich völlig überflüssig. Wenn man so will, beerbt das iPhone-Programm Tweety und Co., die bescheuerten kleinen Handy-Applikationen, die schmerzfreie Dienstleister vor Jahren zum Handy-Kult hochjazzten. Heute quäken eben nicht mehr doofe Küken, hysterische Ratten oder enthirnte Frösche auf Handys und in den Musik-Charts. Heute setzt der iPhone-Nutzer das Telefon an die Lippen, um ein virtuelles Bier zu trinken. Sehr witzig ist das - wenn auch nur sehr kurzzeitig originell.

Auch Benjamin Kahle hatte sich etwas Originelles ausgedacht. Dass es funktionieren würde, wusste er - schließlich fußt das Programm auf seiner bereits erfolgreichen iPhone-Software Animalizer: Hier kann man niedliche Tierfotos mit dem Einfügen eines eigenen Porträts, beispielsweise in einen Schafskopf, weiter aufhübschen. Schwein sein ist schön, sozusagen - "Me so holy" variiert die Funktionalität des Tierchen-Programms in einem anderen Themenbereich.

Auch sein neues Werk hätte ein Programm mit Erfolgspotential sein können, denn die Bedienung ist mit wenigen Worten beschrieben. Wer "Me so holy" nutzen will, muss

  • sich eine Religion und Heiligenfigur aussuchen,
  • ein Foto von sich einfügen,
  • eine kleine Textbotschaft eintippen
  • und das Ganze verschicken.

Sekunden später erhält der Adressat der Nachricht eine Art Bildpostkarte, aus der der Absender als Heiliger grüßt.

Doch der Entwickler hat sich die Arbeit, sein Programm vom Tierreich ins Reich der Heiligen zu portieren, wohl umsonst gemacht: Apple lehnte das Programm ab. Und anders als in den meisten Fällen sogar mit Begründung: "Me so holy" verstoße gegen Paragraf 3.3.12 der Nutzungsbedingungen des von Apple kostenlos zur Verfügung gestellten iPhone Software Development Kit (SDK), das die Produktion solcher iPhone-Spielereien und deren Veröffentlichung im Apple-eigenen Shop ermöglicht.

Paragraf 3.3.12 ist eine Art Pornografie-Regelung, die das Anbieten "anstößiger" Inhalte verbietet. Dass sich Nutzer mit "Me so holy" nicht nur ein eigenes Bild von Jesus und Co., sondern sogar ihr eigenes zu Jesus und Co. machen, stößt Apple auf - und das Programm flog aus dem Shop.

Anstandsregeln sind Teil der AGB

Das ist durchaus nicht selten. Dass Apple offenbar meint, es sei anstößig, Jesus-Bildchen mit dem eigenen Konterfei zu verschicken, kann man dabei durchaus noch nachvollziehen: Humor ist nichts, was man mit den meisten Religionen in Verbindung bringt oder bringen sollte, wenn man seine Enkel noch aufwachsen sehen will. Auch dass ein iPhone-Programm, das auf gewalttätigem Schütteln von Säuglingen beruht, nichts ist, womit Apple assoziiert sein möchte, kann man verstehen.

Bei anderen appleigen Entscheidungen mögen sich die Programm-Macher hingegen veräppelt fühlen. Als etwa iBoobs, die kleine Applikation, bei der es um das Nachschwingen geschüttelter Brüste geht, abgelehnt wurde, war man versucht, an moralisch oder ästhetisch motivierte Zensur zu glauben. Doch weit gefehlt: Die Konkurrenz von Wobble Bikini Babes leistet und bietet genau dasselbe - und mehr. Denn hier kann man nicht nur an Brüsten wackeln, sondern auch an Hinterteilen. Sehr witzisch, Alder, ey.

Warum also flog iBoobs aus dem Shop? Weil es der Funktionalität der wackelnden Babes entsprach: Apple behält sich vor, Funktions-Doubletten einfach zu verbieten. Mit dieser Begründung wurden auch E-Mail-Programme, die Apples eigenen iPhone-Mail-Apps hätten Konkurrenz machen können, verboten. Opera Software verzichtete von vornherein auf die Anpassung des Opera-Mini-Browsers (Marktführer auf dem Handy-Markt) für das iPhone, weil Opera damit Apples Safari Konkurrenz gemacht hätte und somit chancenlos gewesen wäre - Apple hätte die Verteilung per App Store wohl abgelehnt.

Unanständig ist offenbar auch Politik, denn auch ein Spiel, bei dem man Schuhe auf George W. Bush werfen konnte und ein Trampolin, mit dem man Barack Obama umherwerfen kann, wurden abgelehnt. Eine South-Park-Applikation flog wegen dreckiger Sprache raus, "Slasher" wegen gewalthaltigen Inhalts: Das Programm zeigte ein Küchenmesser und ließ das Handy schmerzvoll aufschreien, wenn man es schüttelte.

Solchen Blödsinn kann Apple auch mit anderer Begründung aus dem Shop tilgen: Disqualifiziert werden auch Anwendungen, die "keinen Nutzen für den Nutzer" haben. Dazu gehören - im Gegensatz zu virtuellen Bieren und wackelnden Brüsten - die Applikationen "I am rich" und "I am poor", die letztlich nicht viel mehr taten, als genau das klarzumachen.

Regeln? Souveräne Entscheidungen? Willkür?

"I am rich" war dabei zugleich das erste absolut funktionslose Programm für das iPhone: Die Applikation zeigte nicht mehr als ein einfallsloses Bildchen - und demonstrierte den gut ausgestatteten Status des Käufers dadurch, dass es tausend Dollar kosten sollte. "I am poor" konnte man dagegen nicht wegen Nutzlosigkeit ablehnen, hier zog wieder das Argument, das Programm sei anstößig oder unanständig.

"Pull my finger" hingegen fiel erst durch, wurde dann aber zum Glück wieder in den Shop aufgenommen: Seitdem rollt der Rubel richtig, denn natürlich erfreut sich das Spielchen, bei dem man das Handy zum Furzen bringt, indem man einer Cartoon-Figur am Finger zieht, höchster Beliebtheit. Ob das nun geschmackvoll, nicht anstößig, nützlich oder aus sonstigen Gründen nicht überflüssig ist?

Zumindest die Leute, die die Applikation kaufen, gehen anscheinend davon aus. Und dank Apples Umdenken können sie das ganz offiziell im App-Store, über den nur genehmigte, qualitativ für würdig befundene Programme zu finden sind.

pat

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