Boykott Heute ist fotografiefreier Tag

Die Medienrevolution findet heute täglich auf dem Handy statt. Mit dem fotografiefreien Tag tritt den britischen Revolutionären des "Citizen Journalism", die wichtige Ereignisse mit dem Telefon ablichten, jetzt sogar die Konterrevolution entgegen.


Dass möglichst viele Menschen möglichst immer eine Kamera mit sich führen, ist die Grundlage der "Nokia Citizen Journalism Awards", die letzte Woche erstmals in Großbritannien verliehen wurden. Mit den Preisen würdigen Nokia und die Zeitung "Press Gazette" die Rolle aller Nicht-Journalisten, die zufällig wichtige Ereignisse fotografisch dokumentieren.

Digitalkamera: Bitte heute nicht abdrücken
DDP

Digitalkamera: Bitte heute nicht abdrücken

Das diesjährige Gewinnerfoto zeigt - wie erwartet - einen schwer beschädigten Londoner Linienbus kurz nach der Bombenserie vom 7. Juli 2005. Laut der Jury sorgen vor allem Handys mit Fotofunktion dafür, dass der "Durchschnittsbürger-Journalismus" für die Berichterstattung der etablierten Medien immer wichtiger wird.

Die Allgegenwart der Kameras ruft in Großbritannien, dem Land mit der höchsten Überwachungskamera-Dichte, allerdings nicht nur Preisrichter, sondern auch Opposition hervor: Schon während der industriellen Revolution war das Land nicht nur in der Adaption neuer Techniken führend, sondern hat auch die entsprechenden Fortschrittsskeptiker hervorgebracht: Die nach ihrem Anführer Ned Ludd "Ludditen" genannten Maschinenstürmer zerstörten im 19. Jahrhundert aus Protest gegen die Rationalisierung dampfgetriebene Webstühle.

Und diese spezielle Protestkultur in Ludditen-Tradition ist nach wie vor lebendig, so wurden die inzwischen international etablierten Datenschutz-Negativpreise "Big Brother Awards" 1998 in London ins Leben gerufen und die Idee, den heutigen Tag zum "Non Photography Day" zu erklären, kommt ebenfalls von der Insel.

Erleben statt Dokumentieren

Becca Bland, von Beruf passenderweise Fotografin, will den 17. Juli als fotografierfreien Tag etablieren, weil sie meint, dass zu viele Zeitgenossen ihre Umgebung nur noch als potentielles Fotomotiv wahrnehmen. Statt des Blicks durchs Kameraobjektiv soll daher heute das direkte Erlebnis im Vordergrund stehen.

Derzeit kommt die Website des Boykott-Tages noch etwas mager daher, aber die Idee hat laut Bland in Großbritannien schon beachtliche Resonanz erfahren, und sogar in Australien und Japan will sie bereits Mitstreiter gefunden haben. Demnach könnte die "Anti-Foto-Polizei" in den nächsten Jahren nicht nur in Blands Heimatstadt Brighton die Einhaltung des Fotobanns kontrollieren.

Damit die Medien-Revolution nicht gewalttätig wird, sollte man den 17. Juli vielleicht nicht nur zum fotografierfreien sondern auch gleich noch zum ereignislosen Tag erklären.

Sascha Koesch / Robert Stadler, de-bug.de



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