Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Datenschutzalarm: US-Zöllner durchstöbern Laptops und Handys

Von

Für manche Reisenden wird die Sicherheitskontrolle an US-Flughäfen zum Alptraum: Grenzbeamte schalten Laptops und Handys nicht nur an - sie durchforsten auch die Festplatten, kopieren sogar Dateien. Jetzt haben zwei US-Bürgerrechtsorganisationen Klage eingereicht.

Der deutsche Pass des Journalisten hat einen entscheidenden Nachteil: Sein Name klingt orientalisch. Das hat an Flughäfen schon verschiedentlich für Verzögerungen gesorgt - diesmal aber war der Fall besonders ärgerlich: Ein Beamter am Flughafen in Washington nahm den Mann bei der Einreise beiseite, bat ihn, seinen Laptop einzuschalten, das Passwort einzugeben, dann begann er, sich umzusehen auf der Festplatte des Rechners. Als der Grenzschützer dann auch noch Dateien kopieren wollte, platzte dem Kollegen der Kragen: Er sei Journalist, vertrauliche Daten von seinem Arbeitsgerät abzuziehen, sei nicht zulässig. Der Beamte klickte wortlos weiter, gab den Rechner dann aber zurück.

Laptop-Kontrolle an US-Flughafen: Multimediale Tagebücher voll privater Details
Getty Images

Laptop-Kontrolle an US-Flughafen: Multimediale Tagebücher voll privater Details

Nicht nur für Journalisten können solche Aktionen mehr als nur lästig sein: Vertrauliche Geschäftsdaten, persönliche E-Mails und Fotos, Vertragsunterlagen, Surf-Verhalten - ein Laptop ist heute so etwas wie ein multimediales Tagebuch, das viele, teils höchst intime Details über seinen Besitzer preisgeben kann.

Der beschriebene Fall ist nicht einmalig. Immer wieder gibt es Beschwerden, vor allem von vielreisenden Geschäftsleuten, dass an US-Flughäfen begeistert und hemmungslos digitale Daten ausgeforscht und oft auch kopiert werden. Manchmal werden Laptops auch einfach beschlagnahmt, und mancher Geschäftsreisende sah den Firmenrechner anschließend nie mehr wieder. Nicht nur Computer interessieren die Grenzschützer in den USA - auch Handys und sogar MP3-Player nehmen sie sich vor, auf der Suche nach verdächtigem Material. Die Bürgerrechtsorganisationen Electronic Frontier Foundation (EFF) und Asian Law Caucus (ALC) haben nun Klage eingereicht.

Auswahl aufgrund von Hautfarbe oder Herkunft

In dem Prozess wird es nicht um die Praxis an sich gehen - sie wird bereits von US-Bundesgerichten überprüft. EFF und ALC geht es um die Begründungen. Die Regierung soll offenlegen, nach welchen Kriterien die Durchsuchungen durchgeführt werden. Denn es sieht aus, als ob bestimmte Gruppen besonders häufig zum Ziel solcher Maßnahmen werden, während andere Reisende fast nie betroffen sind.

Die "Washington Post" berichtet, die Klage basiere auf insgesamt etwa zwei Dutzend Fällen. In 15 davon wurden Mobiltelefone, Laptops, MP3-Player oder andere elektronische Geräte durchsucht. Fast alle Betroffenen hätten einen muslimischen, nahöstlichen oder südasiatischen Hintergrund gehabt. EFF und ALC sehen Anzeichen für eine "auf Rasse basierende Auswahl". Eine Sprecherin der US-Zollbehörde widersprach umgehend - "racial profiling", also die gezielte Auswahl aufgrund von Kriterien wie Hautfarbe oder Herkunft, werde von ihren Beamten "in keiner Form" betrieben. Im Dienste der Sicherheit müssten eben gelegentlich Unannehmlichkeiten in Kauf genommen werden.

"Nur das nötigste Minimum an Daten"

Die Association of Corporate Travel Executives (ACTE) hat bereits im vergangenen Jahr eine Anfrage an die US-Regierung gestellt, um zu erfahren, was mit beschlagnahmten Daten und Rechnern eigentlich geschieht. Manche ACTE-Mitglieder mussten ihren Laptop abgeben und bekamen ihn nie zurück - katastrophal, wenn darauf wertvolle Daten oder auch nur Bank-Unterlagen hinterlegt waren. Doch bis heute sei die - wenn auch geringe - Möglichkeit, dass einem Geschäftsreisenden etwas Derartiges zustößt, vielen nicht bekannt.

Man rate seinen Mitgliedern nicht, vor Behördenvertretern Daten zu verstecken, so ACTE-Direktorin Susan Gurley, und Besitzer von Kinderpornografie beispielsweise verdienten eine gerechte Strafe. Es sei aber wichtig, USA-Reisende auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass ihnen ihr Rechner jederzeit abgenommen werden könnte - auch wenn das selten geschehe. Sie sollten daher "nur das nötigste Minimum an Daten auf ihren Laptops transportieren".

"Hack-Risiken" niedriger als "Durchsuchungrisiken"

Eine Umfrage unter den eigenen Mitgliedern habe ergeben, dass bereits jetzt zwei Drittel der befragten Unternehmen Regeln dafür aufgestellt hätten, welche Art von Informationen auf Reise-Laptops transportiert werden dürften. Diese Regeln seien aber vor allem wegen der Möglichkeit eines Diebstahls in Kraft. Die "Washington Post" berichtet von mehreren Unternehmen, die ihre Mitarbeiter bereits angewiesen hätten, keine vertraulichen Daten mehr auf Flugreisen in die USA mitzunehmen. Eine Anwaltskanzlei aus Kanada lasse ihre Partner nur noch mit leeren Rechnern reisen, mit denen sie dann vor Ort über das Firmennetzwerk an ihre Daten kommen könnten, weil "die Hack-Risiken" geringer seien, als die "Durchsuchungsrisiken".

Um ein weitverbreitetes Problem handelt es sich bei den Rechnerdurchsuchungen offenbar nicht. Jürgen Faust, bei der Lufthansa für Luftsicherheit zuständig, sagte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Bei Lufthansa sind Beschwerden in dieser Form nicht bekannt." Es handele sich bei den bekanntgewordenen Fällen wohl um "Einzelfallmaßnahmen". Auch Gerd Otto-Rieke vom Verband Deutsches Reisemanagement (VDR) sagt, derartige Fälle seien dem Verband, der auf Geschäftsreisen spezialisiert ist, nicht bekannt. Risiken für vertrauliche Daten sehe man weniger bei Reisen in die USA als bei anderen Zielen: "Wir warnen Geschäftsreisende in Staaten wie die GUS und China, vorsichtig mit ihren Daten umzugehen."

Wenn es einen an einer US-Grenze trifft, ist das allerdings um nichts weniger ärgerlich. Ein ACTE-Mitglied musste schon im Jahr 2006 bei der Ausreise nach England an einem US-Flughafen ihren Laptop abgeben - die "Washington Post" berichtet, die Britin warte bis heute darauf, ihn zurückzubekommen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: