Dritte-Welt-PC 100-Dollar-Laptop läuft mit Jojo-Antrieb

Hochauflösender Bildschirm, Mini-Stromverbrauch, originelle Vernetzung: Noch ist der 100-Dollar-Laptop im Projektstatus, doch der letzte Stand der Entwicklung verheißt einiges. SPIEGEL ONLINE schildert, was der viel diskutierte Schüler-Rechner wirklich bietet.

Von


Wenn er über "das Ding" reden darf, kommt Bert Freudenberg ins Schwärmen: "Unter Volllast braucht das Gerät gerade mal drei Watt. Das ist ungefähr so viel, wie mein Notebook im Standby-Modus benötigt - oder ein Netzteil, sobald man es in die Steckdose steckt."

"Das Ding", so nennt Freudenberg den 100-Dollar-Laptop, eines der am meisten diskutierten Entwicklungshilfe-Projekte der Gegenwart.

Die Idee zu dem günstigen Gerät stammt ursprünglich von dem Computerpionier Alan Kay. Der amerikanische Computer-Pionier entwickelte bereits in den siebziger Jahren die Idee vom "Dynabook", einem Computer für Kinder. Der sollte so einfach zu bedienen sein, dass selbst Sechsjährige damit umgehen und sogar eigene Programme entwickeln können sollten. Damals war das eine noch nicht zu verwirklichende Vision.

Unter Führung des MIT-Media-Lab-Mitbegründers Nicholas Negroponte wird die Idee des Dynabook nun tatsächlich realisiert, als 100-Dollar-Laptop im Rahmen des One-Laptop-Per-Child-Projekts (OLPC).

Das OLPC soll in Millionen-Stückzahlen in die Dritte Welt geliefert werden und den dortigen Kindern eine moderne Schulbildung ermöglichen - so der Plan. Noch befindet sich das Gerät jedoch in der Entwicklungsphase. Die Massenproduktion soll in einigen Monaten anlaufen. An der Entwicklung sind Techniker, Ingenieure, Programmierer und Grafiker aus aller Welt beteiligt, darunter unter anderem ein Deutscher: der Magdeburger Softwareingenieur Bert Freudenberg.

Falltests für ein langes Leben

Der kann auch erklären, wieso das Gerät ausgerechnet 100 Dollar kosten soll: "Pro Kind müssen in Entwicklungsländern jährlich rund 20 Dollar für Schulbücher ausgegeben werden. Die Lebensdauer des OLPC ist auf fünf Jahre ausgelegt. Damit das Gerät tatsächlich als Ersatz für die Schulbücher gekauft wird, darf es nicht teurer sein als die Schulbücher, die in dieser Zeit angeschafft werden müssten."

Noch ist man von diesem Preis-Ziel ein ganzes Stück weit entfernt. Derzeit werden die Kosten auf etwa 176 Dollar pro Gerät geschätzt. Die Massenproduktion soll diesen Preis noch senken helfen: Mindestens fünf Millionen Geräte sollen abgesetzt werden.

Die beiden OLPCs, die Freudenberg in Potsdam bei sich hatte, gehören zur zweiten Testserie, von der etwa 2000 gebaut wurden. Etliche Dutzend davon fielen allerdings Falltests zum Opfer. Die seien nötig, weil Kinder eben nicht besonders sorgsam mit ihren Sachen umgehen und die Geräte deshalb besonders stabil sein müssen, erklärt der Softwareingenieur.

Die dabei zerstörten Laptops starben für einen guten Zweck. Die Erfahrungen aus den Falltests fließen in die dritte Prototypen-Baureihe ein. So werden die bunten Plastikanbauteile und auch die Antennen künftig aus Gummi hergestellt, um Stürze und Rempeleien besser abzupuffern. Ohnehin ist das Plastikgehäuse eineinhalbmal dicker als sonst üblich.

Sonnenlicht-tauglich

Das Kronjuwel des Kinder-Laptops ist allerdings sein innovativer Bildschirm. "Über das Display ist viel Unsinn geschrieben worden", sagt Freudenberg. Oft werde behauptet, der für das OLPC vollkommen neu entwickelte Bildschirm hätte unterschiedliche Auflösungen, je nachdem ob er im Schwarzweiß- oder im Farbmodus betrieben werde.

"Das ist falsch", sagt der Softwareingenieur und erklärt, dass das Display mit seinen 1200 mal 900 Pixeln stets die gleiche hohe Auflösung von 200 Punkten pro Zoll (dpi) bietet. Zum Vergleich: Standard-Notebooks mit hochauflösenden Displays erreichen selten mehr als 110 bis 120 dpi.

Um nun vom Farbmodus in den monochromen Modus zu wechseln, ist keine Umschaltung nötig. Der Aufbau des Displays wurde schlicht so verändert, dass einfallendes Sonnenlicht hinter den Pixeln reflektiert wird, also wie eine Hintergrundbeleuchtung funktioniert. Deshalb ist der Bildschirm auch unter voller Sonneneinstrahlung, anders als herkömmliche Displays, bestens ablesbar. Und das ist besonders wichtig, so Freudenberg, weil Schulen in Entwicklungsländern eben oft einfach aus "einer Fläche um einen Baum herum" bestehen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.