Ein Wort macht US-Karriere Call me on my Handy!

"Handy", die deutsche Wortschöpfung mit fragwürdigem Ruf, erfreut sich in den USA zunehmender Beliebtheit. Als "Handy"-Erfinder kommen übrigens Willy Brandt, Funkamateure oder US-Marines in Frage.


Im Gespräch mit englische Muttersprachlern ist das "Handy" vielen Deutschen peinlich: Schließlich hält man sich gerne für weltläufig informiert und bildet sich etwas darauf ein, zu wissen, dass man in den USA "cellphone" und in Großbritannien "mobile" sagt. "Handy" scheint dagegen eine ungelenke Nachahmung englischsprachiger Kultur, die man eigentlich nicht gutheißt, aber leider benutzen muss.

Handlich, praktisch, gut: "Handy" ist ein scheinbar englischer Begriff, mit dem sich auch Amerikaner zunehmend anfreunden
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Handlich, praktisch, gut: "Handy" ist ein scheinbar englischer Begriff, mit dem sich auch Amerikaner zunehmend anfreunden

Dabei ist der Handy-Scham ziemlich unbegründet, zunächst weil fast alle Sprachen permanent Wörter aus anderen übernehmen. Manchmal der landestypischen Laut- und Silbenstruktur angepasst, manchmal auch nicht: So finden Japaner Heidelberg "romanchiku", "Kindergarten" ist das gängigste Beispiel im Englischen. Auf dem gleichen Weg ist das "Handy" derzeit in den USA, womit die vermeintliche Peinlichkeit sich vollends in Luft auflöst.

Kniffelige Doppelbedeutung

Vereinzelt konnte man das "Handy" bereits seit einigen Jahren in der US-Sprache finden, aber die Treffer häufen sich, wie ein Forum auf der Site des Magazin "Business Week" zeigt. Im dazugehörigen Artikel wirft das Wirtschaftsblatt die Frage auf, ob Mobiltelefone ob ihrer neuen Funktionsvielfalt nicht einen neuen Namen brauchen. Die entsprechenden Versuche der Hersteller wie Nokias "multimedia computer" oder Samsungs "mobile informational terminal" dürften es allerdings ähnlich weit bringen, wie hierzulande das "Handfunktelefon" oder der "Funkfernsprecher".

"Handy" hat wenigstens die Chance auf eine US-Karriere, da es als englisches Adjektiv (geschickt, praktisch) zunächst nicht negativ besetzt ist, und sich im Gegensatz zum "cellphone" auch nicht direkt auf die Sprachtelefonie bezieht: Der Muttersprachler versteht das Wort intuitiv nicht als "Telefon", sondern als Bezeichnung für das "kleine Handliche".

Im "Business Week"-Forum wird "Handy" jedenfalls von zahlreichen Lesern als Wortalternative befürwortet, ohne dass die deutsche Kreation im Artikel erwähnt worden wäre. Gegen die Frage "May I use your handy?" spricht allerdings ihre Slang-Verwendung zur Beschreibung einer sexuellen Spielart.

Willy Brandt oder Motorola?

Woher "Handy" wirklich kommt, dürfte unterdessen im Dunklen bleiben, klar ist lediglich, dass das Wort zusammen mit den Mobiltelefonen Anfang der Neunziger Jahre seine Verbreitung fand. Mögliche Ahnen sind schon in den Vierziger Jahren zu finden, als Motorola der US-Armee das "Walkie-Talkie" lieferte und etwas später das "Handie-Talkie" für ein besonders leichtes Modell.

Häufig finden sich auch Hinweise auf "das Händie des Kanzlers", mit dem angeblich ein kompaktes Diktiergerät bezeichnet wurde, das Willy Brandts immer mit sich führte. Fest steht, dass 1985 die "Handycam" von Sony kam, deutsche Funkamateure in den Achtzigern "Handys" kannten, und Phillips nach dem "Porty" ein C-Netz-Autotelefon "Handy" nannte.

Den viel zitierten schwäbischen Ursprung: "Hän die koi Schnur?" kann man allerdings guten Gewissens ausschließen, genau wie das Spülmittel "Handy power concentré" aus der Schweiz - Genauso abwegig wie die Handy-Alternativen "Ohrly" oder Nervi", die die Gesellschaft für deutsche Sprache 1996 mit einem Wettbewerb ermittelte.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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