Fern-Umarmungen T-Shirt mit Fernsteuerung

Mit dem "Hug Shirt", das jetzt auf den Markt kommt, können Umarmungen über beliebige Distanzen ausgetauscht werden: Eingearbeitete Drucksensoren und -aktuatoren machen es möglich. Die Steuerdaten werden per Bluetooth und Handy übermittelt.


Seitdem Computer und Handy sich im Alltag breit gemacht haben, wird der Idee des "Wearable Computing" eine große Zukunft prophezeit: Rechenkapazität, Eingabeelemente und andere Peripheriegeräte sollen nach dieser Vision natürlicher Teil unserer Kleidung werden. Die Textilien, die unter dem Stichwort "Wearables" seit rund einer Dekade angeboten werden, lösen die versprochene Verschmelzung von Technik und Mode allerdings kaum ein.

Lass dich drücken: Auch die sozial Vereinsamten in der mobilen Gesellschaft brauchen auf taktile Reize nicht mehr zu verzichten - zumindest, wenn sie Pullover mit Kreisen mögen
CuteCircuit

Lass dich drücken: Auch die sozial Vereinsamten in der mobilen Gesellschaft brauchen auf taktile Reize nicht mehr zu verzichten - zumindest, wenn sie Pullover mit Kreisen mögen

Statt echtem Mehrwert bieten "intelligente Textilien" jedenfalls bislang meist nur Show-Effekte an, wie ein Blick auf das Angebot der letzten Cebit zeigt. Die Messe hatte zwar eigens eine Plattform namens "smartTextiles" eingerichtet, aber jenseits altbekannter Ideen wie der eingearbeiteten MP3-Player-Steuerung oder dem "Schutz vor elektromagnetischer Strahlung" wurde hier nicht viel geboten - eine Handy-Tasche macht eben noch keine Sci-Fi-Textilie.

Echte Innovationen sind unterdessen rar, Nikes Sportschuhe mit integrierten Schrittsensoren und iPod-Anbindung sind wohl die einzigen ernst zu nehmenden Wearables, die es bereits auf den Massenmarkt geschafft haben.

Von der Idee zum Produkt

Aber auch wenn die Umsetzung des Konzepts der digitalen Kleidung hartnäckig auf sich warten lässt, muss es noch nicht ganz abgeschrieben werden: Die Realisierung dürfte schlicht mehr Zeit benötigen, als angenommen. Wie kniffelig und zeitraubend die Umsetzung einer einleuchtenden Idee sein kann, zeigt jetzt das Beispiel des "Hug Shirt" der Londoner Firma CuteCircuit.

Das Konzept für einen Pullover, mit dem Umarmungen über beliebige Entfernung möglich werden, entstand nämlich bereits im Jahr 2004. Zwei Jahre darauf wurde ein Prototyp unter anderem beim NextFest des US-Magazins "Wired" präsentiert, und das "Times Magazine" kürte das "Hug Shirt" vorauseilend zu einer der wichtigsten Erfindungen des Jahres. Aber erst zum diesjährigen Weihnachtsgeschäft wird die Funktionskleidung auf den Markt kommen, wie die CuteCircuit-Kreativchefin Francesca Rosella gerade gegenüber "Cnet" ankündigte.

Vernetzte T-Shirts

Die "Hug Shirts", die zunächst in den USA für rund 300 Dollar angeboten werden, sollen körperliche Nähe beim Mobiltelefonieren simulieren. Dazu sind an verschiedenen Stellen an den Armen, aber natürlich auch an der Hüfte spezielle Felder in die Pullover eingearbeitet. In diesen Feldern befinden sich Drucksensoren und elektromechanische Aktuatoren, mit denen Druck ausgeübt werden kann. Die Daten aus den Sensorfeldern werden per Bluetooth aufs Handy übertragen, von wo aus sie an das Telefon des Gesprächspartners gehen, um schließlich wieder via Bluetooth ans "Hug Shirt"-Pendant gesendet zu werden.

Die Software zur Verarbeitung der Sensorsignale läuft nach Herstellerangaben auf allen Java-fähigen Handys, daneben ist natürlich auch noch eine Bluetooth-Schnittstelle Voraussetzung für die erfolgreiche Distanzumarmung.

Damit die Nutzer auch wissen, wo sie drücken müssen, sind die entsprechenden Stellen durch aufgedruckte Kreise markiert. Und die Drucksensoren bzw. -aktuatoren sind inzwischen auch so weit entwickelt, dass sie die eingesetzte Kraft differenziert registrieren bzw. erzeugen können.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.