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Google-Handy: Das GPhone ist nur Software

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iPhone-Killer, Dritte-Welt-Handy oder Billig-Blackberry? Seit Monaten wird über Googles Ambitionen im Mobilfunksektor spekuliert. Jetzt scheint sich der Nebel zu lichten: Das "GPhone" ist gar kein Handy - sondern ein Betriebssystem, das mit Werbung Geld verdienen soll.

Ja, wir arbeiten an einem eigenen Handy. Das ließ Googles Chefin für Spanien und Portugal, Isabel Aguilera, im März verlauten - eine offizielle Bestätigung aus dem kalifornischen Hauptquartier gab es damals allerdings nicht. Gerüchte über ein "GPhone" kursierten bereits einen Monat zuvor. Der Suchmaschinen-Primus arbeite gemeinsam mit Samsung an einer Art "Über-Blackberry". Sogar Screenshots der Benutzeroberfläche und Bilder angeblicher Prototypen kursierten. Seither ist es still geworden um Googles Mobiltelefon, das einige Beobachter als "iPhone-Killer" bezeichneten.

Nun jedoch tauchen neue Informationen auf, die Googles Engagement in einer gänzlich anderen Richtung sehen. So berichtet die " New York Times", Google wolle nicht etwa selbst Handys produzieren. Stattdessen arbeite die Firma an einer Art Google-Betriebssystem für Handys. Das wolle der Suchmaschinen-Gigant Handy-Herstellern als Alternative zu bisherigen Systemen, wie etwa dem von Nokia favorisierten Symbian OS oder dem von Microsoft entwickelten Windows Mobile, anbieten. Als Quelle nennt die Zeitung etwas nebulös "mit dem Projekt vertraute Leute".

Werbung ist der Schlüssel

Der Trick bei der Sache: Googles Handy-Betriebssystem soll für die Übermittlung von Werbung optimiert sein. Auf diesem Gebiet kennt sich die Firma aus, schließlich führt sie den Werbemarkt im Internet mit deutlichem Abstand an. Nun will das Unternehmen offenbar versuchen, sein Online-Know-how auf den Mobilfunksektor zu übertragen, dem gute Wachstumschancen zugeschrieben werden.

Zudem, so die "New York Times", sei geplant, die mobile Werbung einzusetzen, um die Mobilfunkkosten zumindest teilweise zu kompensieren. Wer sich also beispielsweise vor jedem Anruf eine kurze Werbebotschaft anhört oder seine per GPhone verschickten E-Mails mit Werbung garnieren lässt, wird mit einer günstigen Telefonrechnung belohnt.

Linux als Grundlage

Handy-Hersteller hingegen sollen zum Einsatz der Google-Software verführt werden, indem sie diese kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Ein geradezu unverschämt attraktives Angebot, zumal Google angeblich plant, seine bisherigen mobilen Dienste um weitere Anwendungen zu erweitern. Sogar von einem Google-Webbrowser für Handys ist die Rede. Vorteil für Mobiltelefon-Produzenten: Sie können sich ganz auf die Entwicklung der Hardware und das Design konzentrieren, bekommen die Software als Komplettpaket frei Haus geliefert.

Für Netzanbieter wiederum könnten werbefinanzierte Google-Handys eine Möglichkeit bieten, Kunden an sich zu binden, die ansonsten zu Billiganbietern abwandern würden. Dies allerdings verbunden mit der Gefahr, dass solche Kunden anstelle der hauseigenen Webdienste ausschließlich Google-Angebote nutzen. Hier müsste Google Firmen wie Vodafone oder T-Mobile Möglichkeiten bieten, ihre eigenen Portale einzubinden.

Die Grundlage des Systems soll ein Linux-Kernel bilden. Damit liegt Google voll im Trend. So haben sich unter anderem NEC, Panasonic, Samsung und Vodafone zur LiMo-Foundation zusammengeschlossen, einer Entwicklungsgemeinschaft, die gemeinsam ein offenes Linux-System für mobile Anwendungen erstellen will. Motorola hat angekündigt, künftig 60 Prozent seiner Handys mit Linux betreiben zu wollen und das Projekt OpenMoko will in Kürze mit dem Verkauf des Linux-Smartphones "Neo 1973" beginnen. Selbst PDA-Veteran Palm hat beschlossen, sein berühmtes aber in die Jahre gekommenes Betriebssystem Palm OS komplett auf Linux-Basis neu zu programmieren.

Kein iPhone-Killer

Untermauert werden die Gerüchte um das GPhone von verschiedenen Seiten. So wurden auf verschiedenen Webseiten Informationen über Handy-Entwickler zusammengetragen, die in jüngster Zeit zu Google wechselten. Die zentrale Figur scheint dabei Andy Rubin zu sein, ein ehemaliger Apple-Mitarbeiter, der mit seiner Firma Danger das "Sidekick"-E-Mail-Handy entwickelte. Unter seiner Führung sollen angeblich bis zu 100 Entwickler an Googles Handyprojekt werkeln.

Daran, dass Google mit dem GPhone-Betriebssystem tatsächlich einen iPhone-Killer im Köcher hat, hegen Branchenbeobachter allerdings Zweifel. Zu verschieden sind die Konzepte der beiden Firmen. Wo Apple sein Edel-Handy mit Design und innovativen Bedienkonzepten an die zahlungskräftige Kundschaft zu bringen versucht, könnte sich das GPhone-Konzept gerade dadurch auszeichnen, dass es sich eher an finanzschwache Kunden wendet. Kein Wunder, dass gemutmaßt wird, das Google-Handy könnte seinen Einstand zuerst in Indien geben.

"Wir investieren viel in Mobiltelefone"

Das würde durchaus passen. Denn dass die großen Handy-Firmen wie Nokia oder Sony Ericsson sich des Google-Systems annehmen, ist eher unwahrscheinlich. Diese Unternehmen investieren selbst Millionenbeträge in die Entwicklung maßgeschneiderter Software für ihre Produkte. Sie dürften sich eher darauf beschränken, weiterhin einzelne Komponenten aus dem Google-Angebot auf ihren Geräten vorinstalliert anzubieten, also etwa die Websuche oder Googles-E-Mail-Programm.

Dass an den Gerüchten um das GPhone - oder viel mehr: die GPhone-Software - etwas Wahres dran ist, legt Google-Chef Eric E. Schmidt selbst nahe. Er hatte bereits im April klargestellt: "Wir investieren viel in Mobiltelefone und Plattformen für Mobiltelefonanwendungen." Und das macht absolut Sinn, denn, so Schmidt: "das größte Wachstum wird eindeutig im mobilen Bereich stattfinden".

Man darf also gespannt sein, was da von Google kommen wird. Der iPhone-Killer wird es sicher nicht werden. Aber vielleicht die mobile Internet-Plattform für den Rest von uns. Gewissheit soll es noch in diesem Jahr geben, wenn Google den Schleier um seine Mobilfunkpläne lüftet. Erste Handys, auf denen die neue Google-Software läuft, könnten dann schon Anfang kommenden Jahres auf den Markt kommen - der Mobile World Congress 2008, Mitte Februar in Barcelona, wäre wohl der richtige Zeitpunkt dafür.

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