GPS-Literatur Die Vermessung der Stadt

Autoren führen Spaziergänger an die Orte ihrer Berlin-Romane: Das Projekt Landvermesser.tv bietet Audiotouren samt ausgeklügelten GPS-Routen zum Gratis-Download, Videoclips gibt's auch. So kann man kostenlos im Fiktiven flanieren.

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"Er findet ein Foto, das genau vor diesem Haus aufgenommen worden ist", sagt eine Stimme im Kopfhörer, wenn man vor der blutroten Fassade der Chodowieckistraße 23 im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg steht. "In der Mauer sind die Einschusslöcher aus dem Krieg, fünf Stück", liest die Stimme weiter. "Immer wenn er zu ihr ging, spreizte er die rechte Hand und legte jede Fingerkuppe in eines."

"Landvermesser"-Stolperstein: Kuriose Konglomerate aus Autobatterie, Bewegungsmelder, Bildschirm und Lautsprechern
Anne Haeming

"Landvermesser"-Stolperstein: Kuriose Konglomerate aus Autobatterie, Bewegungsmelder, Bildschirm und Lautsprechern

Es sind Szenen aus Marc Buhls Roman "375", über einen Studenten im Berlin kurz nach dem Mauerfall, die Stasi und seine Spurensuche 20 Jahre später. Auf dieser Spurensuche kann man ihn jetzt quasi begleiten, vor Ort. Aber es ist nicht etwa so etwas Banales wie ein Hörbuch, das einen durch die Straßen führt, sondern der Autor selbst, per GPS.

Marc Buhl ist einer von zehn Schriftstellern, die die Orte ihres fiktiven Geschehens in der Berliner Realität aufgesucht haben. Begleitet von einem Team, ausgestattet mit Mikrofonen, Kameras und einem GPS-Gerät. Jede Regung der Autoren beim Gang durch ihre Berliner Romanwelten wurde aufgezeichnet - jetzt kann man sie sich herunterladen und mitnehmen: Herausgekommen sind zehn Berliner Spaziergänge, unterwegs im Fiktiven.

Das Projekt heißt " Landvermesser.tv", passend zum Jubiläumsjahr, inspiriert von Franz Kafkas Landvermesser-Figur K. Die Initiatoren Tatjana Brode, Mathias Ott und Jens Kriesinger, die diese literarische Vermessung der Stadt vorgenommen haben, kommen alle aus der Multimediabranche. "Wir bewegen uns alle dauernd in diesem super-virtuellen Raum", sagt Tatjana Brode. "Uns war es wichtig, dass unser Vorhaben auch in die Realität hineinragt."

Noch krankt die Seite allerdings an technischen Problemen: Beim Aufruf mit dem Microsoft-Browser Internet Explorer gibt die Site bei manchen Anwendern die unter Flash-Programmierern bekannte Fehlermeldung "ACRunActiveContent.js nicht gefunden" aus und dann erscheint nur ein Google-Maps-Ausschnitt. Im Firefox-Browser bleiben die Felder wie "Autoren," "Aktuelles" und "Stimmen" weiß und leer. Welchen Browser man benötigt, um überhaupt etwas zu sehen, schreiben die Macher der Seite nirgends.

Die Touren mit Autoren wie Jens Sparschuh und Tanja Langer, Tanja Dückers, Ulrich Peltzer oder Kathrin Röggla seien ein wenig wie das "Making of" der Romane, sagt Brode. "Wir wollten die Orte mit Literatur besetzen. Restauranttipps bekommt man anderswo."

Die Idee ist in ihrer stimmigen Schlichtheit bestechend, die Umsetzung aber so vielschichtig, dass man das Gefühl hat, die Macher wussten gar nicht, wohin mit all ihren Plänen. Herzstück des Ganzen ist die Website, auf der alle Elemente gebündelt sind: die Filme über die Touren; die Audiofiles der einzelnen Stationen zum Runterladen; die Routen angezeigt via Googlemaps, und praktisch aufgelistet zum Ausdrucken; Klappentexte zu den Büchern, für alle, die sie noch nicht gelesen haben; und dann noch von den Autoren eigens bearbeitete Transkripte der Rundgänge.

Autobatterie, Bildschirm, Lautsprecher, Gehwegplatten

Damit auch ganz normale Touristen die Chance haben, zufällig auf die Rundgänge jenseits von Dom, Reichstag und Brandenburger Tor aufmerksam zu werden, kooperieren die Landvermesser mit einer Firma, die kleine GPS-Geräte als Stadtführerersatz verleiht: Außer den typischen Touri-Routen werden auf den "Crusos" in Zukunft auch alle Autorentrips der Landvermesser gespeichert sein. Und dann stehen diesen Sommer auch noch zehn Wochen lang eigens ausgetüftelte Monitore entlang der zehn Routen, jede Woche sind die Stationen eines anderen Autors an der Reihe. Sie sind gedacht zum Drüberstolpern: kuriose Konglomerate aus Autobatterie, Bewegungsmelder, Bildschirm und Lautsprechern, eingelassen in Stapeln aus Gehwegplatten, geparkt auf Sackkarren auf dem Bürgersteig.

In der ersten Woche wird einer davon bei Konnopke's Wurstimbiss unter der Hochbahn an der Eberswalder Straße stehen. Dort also, wo Marc Buhls Held, der Ex-Stasiknast-Häftling Paul Cremer, im Dezember 1989 vom Fall der Mauer erfährt, die Currywurst im Mund, wie man über sein MP3-Gerät hören kann, während die U2 über einen hinwegdonnert. Mit Ulrich Peltzer dagegen verschlägt es einen, Erklärungen zu seinem Überwachungsroman "Teil der Lösung" im Ohr, zum Potsdamer Platz und seinen Sicherheitskameras, die jeden Winkel zwischen den Hochhäusern einfangen, und schafft es bis in die Kreuzberger Cuvrystraße, wo Nele wohnt, Protagonistin der Geschichte. Tanja Langers Tour bringt einen auf der Suche nach den Schauplätzen ihres Romans "Der Morphinist oder die Barbarin und ich" in den stillen, grünen Tiergarten. Man lauscht Szenen aus dem Jahr 1910 und blickt dabei auf das heutige Kanzleramt.

Eine Route kann 48 Kilometer lang sein

Den Blick zwischendurch auf die Karte oder das GPS-Gerät werfend, vermischen sich so unterwegs die verschiedenen Wahrnehmungsebenen, und so ist's auch gedacht: "Man ist beim Gehen hin- und hergerissen", sagt Tatjana Brode. Die Konfusion aus Virtualität, Realität und Fiktionalität ist bis ins Letzte durchdekliniert. Das unterscheidet "Landvermesser" auch von ähnlichen Projekten, etwa " Literatouren": Hier haben sich zwölf Schriftsteller eigens Spaziergänge durch die Hauptstadt ausgedacht und eingesprochen, immer entlang ihrer Lieblingsorte. Mit den Schauplätzen ihrer Fiktionen hat es allerdings nichts zu tun. Und eine Route kann hier auch mal neun Stunden und 48 Kilometer lang sein.

Wichtig war den Machern von Landvermesser.tv, dass die Stationen nicht zu weit auseinanderliegen. Maximal sechs Orte steuert der Flaneur unterwegs an, die einzelnen Routen sollten nicht zerfasern, sondern wirklich spazierbar sein.

"Das Ganze hätte in Städten wie Köln oder München einen ganz anderen Schwerpunkt", sagt Brode. "Das Berliner Thema ist der Wandel. Es eine Plattitüde, klar, aber das ist tatsächlich der rote Faden, der die Touren miteinander verbindet", sagt sie und zeigt wie zum Beweis nach draußen, vor das Café auf der Kastanienallee. Das Haus ist eingerüstet, es wird seit zwei Jahren saniert, eines der letzten hier. Künstler und Fashionistas bevölkern diese Straße seit ein paar Jahren, hier machen die Berufsjugendlichen Sightseeing, wo Anfang der Neunziger noch lauter Hausbesetzer die Straße prägten.

Nur ein paar Meter weiter, wo die Kastanienallee auf die Oderberger Straße stößt, stand Mitte Juni der Lyriker Gerhard Falkner und wurde dabei gefilmt, wie er sein Langgedicht "Gegensprechstadt" erklärte. "Man entschlüsselt ihn besser, wenn man mit seinen Versen im Ohr hier langläuft", findet Brode.

Vielleicht funktioniert es bei den Landvermesser-Flaneuren aber auch andersherum: Und sie haben danach Lust, vielleicht doch noch das Buch zur Tour zu lesen.



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