Graumarkt: Apple legt iPhone-Wert auf 13.000 Euro fest

Von Dirk Kunde

Berechtigter Anspruch oder maßlose Übertreibung? Mit hohen Forderungen geht Apple gegen eine Elektronik-Handelsagentur vor, die iPhones ohne Vertragsbindung verkaufte. Fraglich ist, ob Apple wirklich ein Interesse daran hat, den Graumarkthandel einzudämmen.

Das iPhone mag nicht gerade billig sein. Aber zwei Millionen Euro für 150 Exemplare, umgerechnet also mehr als 13.000 Euro pro Stück, scheinen etwas hoch gegriffen. Auf diesen Gegenstandswert beziffert Apples Anwaltskanzlei Bird & Bird einen Handel auf dem grauen Markt. Einer auf elektronische Geräte spezialisierten Handelsagentur aus Düsseldorf flatterte jetzt ein Schreiben ins Haus, in dem Apples Anwälte Unterlassung und saftige Gebühren fordern.

US-iPhone in China: Ein guter Teil der bisher verkauften iPhones gelangte über den Graumarkt zu den Kunden
AFP

US-iPhone in China: Ein guter Teil der bisher verkauften iPhones gelangte über den Graumarkt zu den Kunden

Die Originalgeräte wurden der Agentur im Oktober 2007 von einem französischen Händler angeboten. Die Geschäftsführerin witterte einen guten Deal und griff zu. Die iPhones wurden an einen Münchner Telefonshop verkauft. Diesen Monat nun erhielt sie Post von Apples Anwälten. Die werfen ihr "Verletzung der geistigen Eigentumsrechte der Apple Inc." vor, verlangen 13.512,80 Euro Gebühren - eine Summe die nach dem Streitwert berechnet wird.

Doch darauf will sich Anwalt Udo Vetter, der die Elektronik-Handelsagentur vertritt, nicht einlassen. Er gibt sich kampflustig, sagt: "Da ist der Apfel-Aufschlag 'Wir sind etwas Besseres' schon mit drin." Sein Argument: "Das war ein innereuropäischer Warenverkehr, der darf nicht behindert werden."

Rund 1,4 Millionen iPhones im Graumarkt

Sowohl die frei gewählte Summe als auch die Androhung eines noch zu berechnenden Schadensersatzes soll Graumarktimporteure abschrecken. Denn solange der Dollarkurs niedrig bleibt, lohnt sich der iPhone-Import. Das Markenrecht jedoch ist komplex und greift weit. "Es gibt eine Störerhaftung und somit kann das geschädigte Unternehmen Unterlassungsansprüche geltend machen, wenn ein Produkt innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraumes vertrieben wird, für diesen Markt jedoch vom Markeninhaber nicht bestimmt war", sagt Christian Born, Fachanwalt für Gewerblichen Rechtsschutz in Hamburg.

Theoretisch könnte Bird & Bird also noch viele Briefe im Apple-Auftrag verschicken. Schätzungsweise 38 Prozent der bislang verkauften iPhones kamen über den grauen Markt zu ihren Besitzern. Zahlen liegen nur bis Ende 2007 vor. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Apple 3,7 Millionen iPhones ausgeliefert. Rechnet man die Verkaufszahlen der Mobilfunkanbieter AT&T, Orange, O2 und T-Mobile zusammen, kommt man auf 2,3 Millionen mit Mobilfunkvertrag verkaufte iPhones. Somit müssten 1,4 Millionen Geräte ohne Netzbindung funken oder in Regalen liegen.

Genaue Zahlen, in welchem Land und in welchem Netz die freigeschalteten Smartphones ihren Dienst tun, gibt es nicht. Doch geht der amerikanische Marktforscher In-Stat davon aus, dass allein in China 400.000 iPhones in Benutzung sind. Auch bei unseren Nachbarn erfreut sich das vielseitige Handy großer Beliebtheit. In der Schweiz sollen rund 34.000 iPhones in Betrieb sein. In Österreich beschäftigte sich sogar das Parlament mit dem Apfel-Handy. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hatte bereits vor dem offiziellen Marktstart ein iPhone. Eine Oppositionspartei vermutete eine illegale Freischaltung.

Halbherzige Maßnahmen gegen iPhone-Hacker

Vielleicht war das Gerät von Penny. Der Discounter hatte kurz vor Weihnachten 2007 in einigen österreichischen Filialen iPhones im Angebot. Danach tauchte in Blogs der Hinweis auf, dass es sich vermutlich um Graumarktimporte aus den USA handele. Die Geräte hatten ein AT&T-Logo auf der Verpackung. Zudem lag ein Hinweiszettel bei, dass man keinerlei Software-Updates vornehmen solle. Entsperrte iPhones sind nach einem Update nämlich nur noch Elektroschrott - müssen erneut per Softwaretrick freigeschaltet werden.

Eigentlich sollte Apple-Boss Steve Jobs nichts gegen den grauen Markt haben. Ohne ihn wird er seine ehrgeizigen Absatzziele kaum erreichen. Zehn Millionen iPhones will Apple bis Ende 2008 weltweit verkaufen. Bisher sind keine weiteren Maßnahmen bekannt, mit denen Apple den Graumarkthandel ernsthaft unterbinden will.

Auch mit der Softwaresperre im iPhone scheint es der Hersteller nicht allzu ernst zu meinen. Bereits Stunden oder nur wenige Tage nach jedem Software-Update präsentieren Hacker neue Software-Tools, mit denen sich die Bindung des Handys an bestimmte Netzbetreiber umgehen lässt. Im Internet annoncieren diverse Anbieter sogenannte Jailbreaks für rund 20 Euro. Absurder Höhepunkt dieses Katz-und-Maus-Spiels war Mitte März die Meldung, Hacker hätten die erst im Juni erscheinende Software 2.0 bereits von ihren Fesseln befreit.

Gibt Apple die Provider-Bindung auf?

Zwar verliert Apple mit jedem iPhone, das nicht in einem der exklusiven Partnernetze betrieben wird, seine monatliche Umsatzbeteiligung. Doch die Verkäufe in Europa laufen enttäuschend. Branchenexperten hatten mit bis zu 600.000 Geräten gerechnet. Bis Ende 2007 wurden aber nur 330.000 verkauft. Die Provider T-Mobile und O2 in Großbritannien versuchen derzeit mit Preissenkungen die restlichen iPhones aus dem Bestand loszuwerden. Für Ende Juni wird ein Nachfolgemodell mit schnellem UMTS-Chip erwartet.

Weil Steve Jobs mit der exklusiven Netzbindung nicht den gewünschten Erfolg hat, könnte er schon bald einlenken. Die auf Apple spezialisierte Analystin Kathryn Huberty von der Investmentbank Morgan Stanley wird in der "Times Online" mit dem Gedankenspiel zitiert, dass Jobs schon im kommenden Jahr die exklusive Bindung des Handys an bestimmte Provider aufgeben könnte. Ihrer Meinung nach besteht Apples Hauptinteresse in einer möglichst großen Verbreitung der iPhones.

Neue Einnahmen aus dem Softwareverkauf

Ein Bericht der italienischen Tageszeitung " La Repubblica" stützt diese These. Demnach soll das iPhone in Italien mit dem für Sommer erwarteten UMTS-Modell seinen Einstand geben. Auf eine Kopplung mit einem Mobilfunkvertrag soll dabei verzichtet werden. Stattdessen werde das Gerät zu einem etwas höheren Preis als bisher angeboten. Zudem soll es drei Monate lang exklusiv über Telecom Italia zu beziehen sein und erst danach auch von anderen Providern angeboten werden.

Verluste aus der dann hinfälligen Umsatzbeteiligung bei den Mobilfunkprovidern könnte Apple aus dem künftigen Verkauf von iPhone-Anwendungen kompensieren. Ab Ende Juni dürfen freie Softwareentwickler ihre Programme über die Apple-Plattform vertreiben - und müssen Apple 30 Prozent ihrer Umsätze überlassen.

Das könnte ein einträgliches Geschäft werden. Doch Geld aus Düsseldorf soll Jobs nicht bekommen. Vetters Mandantin wird dieser Tage eine modifizierte Unterlassungserklärung abgeben. Darin wird sie bestätigen, zukünftig auf den Handel mit iPhones zu verzichten. Die Zahlung der Anwaltsgebühren von über 13.000 Euro wird sie allerdings ablehnen.

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