Handy-Sucht MAIDS - Krankheit oder Mode-Syndrom?

Wenn man sieht, wie zwanghaft einige Zeitgenossen mit ihrem Mobiltelefon umgehen, scheint die Diagnose Handy-Sucht nicht abwegig. Das Phänomen ist wenig erforscht. Klar ist aber bereits, dass Mobiltelefone neue Sucht-Symptome entstehen lassen.


In einer aktuellen Mitteilung warnen Mediziner der University of Florida vor dem Suchtpotential von Mobiltelefonen: "Die Handy-Nutzung wird für einige Menschen zu einem ernsthaften Problem", heißt das alarmierende Fazit. Und zunächst leuchtet der Befund auch ein, schließlich werden viele Menschen schon nervös, wenn sie ihr Handy einmal Zuhause vergessen haben. Andere müssen permanent an ihrem Telefon herumfummeln, und beispielsweise ständig kontrollieren, ob eine neue Nachricht eingegangen ist - auch wenn der entsprechende Warnton eigentlich nicht zu überhören ist.

Therapiegruppe an einem Hospital in Peking: In China sind Neu-Medien-Süchte wie Internet- oder PC-Spielsucht längst als Krankheit anerkannt
DPA

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Handys scheinen also durchaus das Potential für Suchtverhalten mitzubringen. Andererseits ist bei der Entdeckung neuer psychischer Krankheiten in jedem Fall Vorsicht angebracht: Auch Wissenschaftler sind vor Moden und Hypes nicht gefeit, und neu entdeckte Syndrome bringen es manchmal auch ohne gesicherte Erkenntnisse zu großer Popularität, wenn nur der Name und die Story stimmen.

Symptomwandel

Es ist bezeichnend für das Zeitgeist-Leiden Handy-Abhängigkeit, dass es bereits einen wichtig tönenden Namen erhalten hat, aber der Stand der Forschung zum "Mobile and Internet Dependency Syndrome" (MAIDS) ziemlich dürftig ist. Dass unbestritten nicht wenige Menschen eine zwanghafte Beziehung zu ihrer mobilen Kommunikationstechnik pflegen, ist längst noch kein Beweis dafür, dass nur mehr geforscht werden müsste, um die Existenz von MAIDS nachzuweisen.

Möglicherweise könnten die neuesten Erkenntnisse zur etwas früher entdeckten Internet-Sucht analog ja auch für Handy-Junkies gelten: "Unsere Daten sprechen dafür, dass sich hinter pathologischer Internetnutzung bekannte psychische Störungen verbergen, die mit der Übersetzung in die virtuelle Welt einen Symptomwandel erfahren", erklärte unlängst die Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Internet und Handy wären demnach nur neue Spielwiesen für vorhandenes Suchtverhalten, nicht aber die Ursachen für neue Abhängigkeiten.

Neue Ticks

Jenseits der unklaren Absicherung eines vermuteten, eigenständigen Mobilfunk-Suchtsyndroms kann die Handy-Nutzung natürlich trotzdem Suchtmustern folgen, und die neuen Symptome alter Leiden können natürlich auch Eigendynamiken entwickeln, die Betroffene vor wirklich neue Probleme stellt: "Der zwanghafte Drang zum ständigen Telefonieren scheint weniger verbreitet, als das übersteigerte Bedürfnis, jederzeit erreichbar zu sein", beschreibt Lisa Merlo von der medizinischen Fakultät der University of Florida ein Ergebnis ihrer jüngsten Forschungen zum Thema.

Merlo weist zudem darauf hin, dass problematisches Handy-Verhalten schwer zu erkennen sei, da Mobiltelefone für die meisten Menschen längst zum ständigen Begleiter geworden sind - nur weil man permanent eine Armbanduhr trägt, ist man schließlich noch lange kein Uhrzeit-Junkie. Wenn sich automatisch starke Nervosität einstellt, nur weil das Handy im Kino oder im Flugzeug für eine kurze Zeit abgestellt werden muss, könnte laut Merlo allerdings wirklich ein Problem vorliegen. Mobiltelefone "sind in vielen Situationen sehr nützlich, täglich etwas Handy-freie Zeit ist aber auf jeden Fall anzuraten," erklärt Merlo weiter: "Einfach ab und zu abstellen und nicht mehr ans Telefon denken."

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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