Handyfilme Knutschen statt knüppeln

Wehrlose verprügeln, die Tat mit dem Handy filmen und das Video dann in alle Welt verbreiten: "Happy Slapping" heißt diese Jugendkultur - in Frankreich ist jetzt Schluss damit. Künftig wird geküsst statt geprügelt.


Nach dem altbekannten Prinzip der Gags mit versteckter Kamera in Kombination mit dem Filmchen-Prinzip des Web 2.0 haben britische Jugendliche vor einigen Jahren das "Happy Slapping" erfunden. Beim "fröhlichen Schlagen" ist außer dem zynischen Namen allerdings nichts lustig, stattdessen werden unschuldige Opfer verprügelt, teilweise von ganzen Schlägerbanden.

Kuss: Zärtliche Antwort auf die britische Erfindung "Happy Slapping"
DDP

Kuss: Zärtliche Antwort auf die britische Erfindung "Happy Slapping"

Den Schlägern geht es dabei nicht nur um Aggression, elementarer Bestandteil des "Happy Slapping" ist auch die Video-Dokumentation der Überfälle, in der Regel mit der Handy-Kamera, ohne deren Allgegenwart das Phänomen wohl gar nicht entstanden wäre. Die Filme werden anschließend als Trophäen auf dem Schulhof gezeigt, von Handy zu Handy verbreitet und oft auch ins Internet gestellt.

"Happy Slapping" brachte es in Großbritannien schnell zu einer fragwürdigen Popularität. Zeitverzögert kam das Phänomen unterdessen auch an deutschen Schulen an, einer breiteren Öffentlichkeit wurde es durch das Mobiltelefon-Verbot an bayerischen Schulen bekannt, das unter anderem "Happy Slapping" verhindern soll.

Ausgerechnet aus Frankreich kommt jetzt die Antwort auf die britische "Erfindung", die schlicht aber wirkungsvoll die Gewalt durch ein Küsschen ersetzt. Das "Street Kissing" funktioniert ansonsten nach dem gleichen Schema, die Kussaktivisten suchen sich ebenfalls "Opfer" auf der Straße, nur dass diese eben nicht aus heiterem Himmel geschlagen sondern geküsst werden.

Zärtliche Überfälle

Hinter dem "Street Kissing" stecken zwei junge Franzosen, die ihr Treiben als "Straßenkunst" verstehen. Nachdem die ersten Videos auf MySpace und YouTube auf positive Reaktionen stießen, agieren sie inzwischen als Gruppe unter dem Namen "Street Kiss". "Street Kiss" geht es mit ihren Aktionen darum "Stadtzärtlichkeit" zu verbreiten, die "die Verdrossenheit des durchschnittlichen Großstädters" bekämpfen soll. Ob wirklich jeder Großstädter gerne von Fremden geküsst werden möchte, sei allerdings dahingestellt.

Die Straßenknutscher bezeichnen sich recht poetisch als "Buddhisten des neuen Millenniums", die aus den "Zuneigungsgezeiten" die "Liebe in der Stadt" destillieren. Inzwischen ist man übrigens auch in Großbritannien auf das Kussphänomen aufmerksam geworden, wobei kulturelle Unterschiede ganz anderer Art zum Tragen kommen: "Es kommt aus Frankreich, daher dürfen Männer auch Männer küssen", warnt eine britische Bloggerin ihre Landsleute schon einmal vor.

Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler



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