Handys und RFIDs im Krankenhaus Risiko oder Lebensretter?

Im modernen Krankenhausbetrieb führen Kommunikationslücken immer wieder zu fatalen Behandlungsfehlern. Pflaster mit integrierten Funkchips, die per Handy abgefragt werden, könnten Patienten zukünftig automatisch mit ihren Krankenakten verbinden. Doch Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen.


Krankenhausärzte stehen derzeit vor einem Entscheidungsdilemma: Auch hier drängt mobile Kommunikationstechnik in immer neue Einsatzbereiche vor. Nach den vollmundigen Versprechungen der Hersteller kann der Einsatz von schlauen Handys oder Funkchips Behandlungsfehler vermeiden und damit im Extremfall sogar Leben retten. Gleichzeitig bestehen aber nicht weniger gewichtige Gefahren, die mit der neuen Technik einhergehen könnten.

Vor dem Eingriff: Check per RFID und Handy, dass es auch den richtigen Patienten trifft?
DPA

Vor dem Eingriff: Check per RFID und Handy, dass es auch den richtigen Patienten trifft?

Solange es keine wirklich hieb- und stichfesten Fakten zu den Risiken der digitalen Gadgets gibt, neigen die Krankenhausverantwortlichen dazu, Neuerungen abzulehnen, schließlich wollen sie die Patienten keinen unabwägbaren Risiken aussetzen. Dem steht entgegen, dass moderne Krankenhäuser schon durch ihre Größe und ihre Organisationskomplexität Fehler produzieren: Einfache Verwechselungen führen immer wieder zu Operationen auf der falschen Körperseite, und mangelnde Dokumentation zieht regelmäßig unsachgemäße Medikamentation nach sich.

Funkchips im Pflaster

Angesichts der Fehler durch mangelnde Kommunikation werden immer wieder Stimmen laut, die die Aufhebung des Mobilfunkverbots in Krankenhäusern fordern. So berichteten in einer Studie der Yale School of Medicine aus dem Jahr 2006 rund 15 Prozent der 4000 befragten US-Anästhesisten von Fällen, in denen Behandlungsfehler vermeidbar gewesen wären, wenn es denn die Möglichkeit zur Rückfrage per Handy gegeben hätte.

Neben Handys gelten unterdessen auch die RFID genannten Funkchips (Radio Frequency Identification), die derzeit im Logistikbereich eine rasante Verbreitung erfahren, als potentielle Lebensretter im Krankenhaus. Mediziner der Stanford University loten beispielsweise gerade aus, ob mit RFIDs das Problem vergessener Tupfer in Operationswunden vermieden werden können. Beim neuesten Vorstoß der Funkchips in Krankenhäusern sollen dagegen die Patienten gekennzeichnet werden. Der RFID-Spezialist Gentag und das Medizinunternehmen Frank Sammeroff haben dazu gemeinsam Pflaster entwickelt, in die RFID-Chips integriert sind. Und nach der Vorstellung der beiden Firmen sollen ausgerechnet Handys zum Auslesen der Informationen verwendet werden: "Wir glauben, das die Kombination der RFID-Pflaster mit Mobiltelefonen die Fehlerrate in Krankenhäusern signifikant senken kann", erklärte Gentag-Chef John Peeters in einer Presseaussendung.

Interferenzen und Krebsgefahr

Laut Herstellerangaben widerstehen die Funkchip-Pflaster auch wiederholtem Waschen, durch ihre flexible Gestaltung sollen sie hohen Tragekomfort bieten. Außerdem eignet sich die Oberfläche zur Beschriftung durch Schwestern oder Ärzte. Von Gentag kommt zudem Software, mit der die High-Tech-Pflaster, die Handys des Klinikpersonals und Server mit den Patientenakten vernetzt werden können. Das Programm ist unter anderem darauf ausgelegt, falsche oder doppelte Medikamentation durch Handy-Warntöne anzuzeigen.

Der schönen neuen Krankenhauswelt stehen allerdings Risiken gegenüber, die den Einsatz von Mobiltelefonen und RFIDs zur kniffeligen Abwägungsfrage machen: So kamen niederländische Forscher unlängst zu dem Ergebnis, dass die Handy-Nutzung fatale Folgen haben kann, wenn man mit ihnen drei Zentimeter neben einem lebenswichtigen technischen Gerät online geht. Und ein US-Pathologe erinnerte vor kurzem an eine Versuchsreihe von 1996, nach der implantierte RFID-Chips Krebs auslösen könnten.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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