HTC Touch HD Windows Mobile zum Anfassen

Es ist ungefähr so groß und so schick wie das iPhone, und doch kommt es aus einer anderen Welt: Mit dem Touch HD legt HTC ein Touchscreen-Handy vor, dem man kaum mehr ansieht, dass seine Software auf Windows basiert.

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Wenn es darum geht, Windows-Handys zu bauen, denen man ihr Microsoft-Betriebssystem nicht ansieht, liegen die Entwickler von HTC ganz weit vorn. Ihr Meisterstück legten sie vor knapp eineinhalb Jahren mit dem HTC Touch vor. Das war klein, schick, ließ sich leidlich per Finger steuern und verbarg auf den ersten Blick, was wirklich in ihm steckte, nämlich Windows Mobile. Mit dem Touch HD legt das taiwanesische Unternehmen jetzt nach, will die Kritikpunkte ausräumen, denen sich der Vorgänger stellen musste.

Und das gelingt dem schwarzen Schönling erst einmal ganz prächtig. Das neue Modell ist fast genauso groß wie Apples iPhone, hat eine Bildschirmdiagonale von 9,65 Zentimetern. So verschwindet es zwar nicht mehr ganz so dezent in Jacken- oder Hosentaschen, bietet greifenden Fingern dafür reichlich Angriffsfläche. Endlich gelingt, was bisher keinem Windows-Mobile-Handy vergönnt war: Der Touchscreen ist als solcher nutzbar, ein Bedienstift wird kaum mehr benötigt.

Selbst die Windows-Menüs, die Einstellungen und die meisten Auswahlmenüs lassen sich per Fingerzeig bedienen. Das irgendwo im Gehäuse trotzdem noch ein kleiner Stift verborgen ist, den man in kniffligen Situationen als Fingerersatz nutzen kann, darf man als freundliche Geste des guten Willens ansehen, wirklich nötig ist er nicht.

Telefon mit Turbomotor

Die zweite große Verbesserung ist die Geschwindigkeit. Bei HTCs Touch Diamond beispielsweise fühlte sich die Benutzeroberfläche anfangs noch so an, als wäre sie mit Klebstoff überzogen. Nur zäh und widerwillig bewegten sich Menüs und Symbole über das Display, bis ein Software-Update endlich für etwas Beschleunigung sorgte. Beim Touch HD hingegen klappt das von Beginn an flüssig. Tippt man etwas an, erfolgt die Reaktion sofort, will man über eine Seite scrollen oder ein Bild umblättern, funktioniert auch das zügig. Alles andere wäre bei einem Prozessor, der mit 528 Megahertz getaktet, ist aber auch verwunderlich.

HTC Touch HD

Betriebssystem Microsoft Windows Mobile 6.1 Professional
Arbeitsspeicher 288 MB
Bildschirmauflösung 800 x 480
Erweiterungssteckplatz Micro-SD-Card
Prozessor Qualcomm MSM 7201A / 528 MHz
Digitalkamera 5 Megapixel
PC-Anschluss Mini-USB
Gewicht 147 Gramm
Maße 115 x 62.8 x 12 Millimeter
Drahtlose Verbindungen GSM/GPRS/EDGE/HSDPA, Bluetooth, W-LAN
Standby-Zeit* Bis zu 660 Stunden
Sprechzeit* Bis zu 8 Stunden
Besonderheiten: GPS, Beschleunigungssensor, UKW-Radio

* Herstellerangaben

Nicht verwunderlich, sondern schön anzusehen ist das Display. Dessen Auflösung liegt mit 800 x 480 Bildpunkte weit über dem Üblichen, wird nur von wenigen Geräten wie Sony Ericssons Xperia X1 erreicht und übertrumpft das iPhone bei weitem. Dasselbe gilt für die Digicam des HTC-Handys. Mit fünf Megapixel-Auflösung bietet sie schon einigen Spielraum. Wichtiger als dieser Zahlenwert ist aber, dass das Objektiv mit einem Autofokus ausgestattet ist, der sich selbsttätig auf das Motiv scharf stellt. Verbunden mit den vergleichsweise vielfältigen Einstelloptionen kann man damit schon recht brauchbare Schnappschüsse knipsen. Die vorne angebrachte Zweitkamera dagegen ist nur für Videotelefonate geeignet.

Eine digitale Wasserwaage

Dass MP3- und Videoplayer ebenso an Bord sind wie E-Mail-Software und Operas Webbrowser, versteht sich fast von selbst. Ins Internet geht das große Schwarze auf jedem derzeit denkbaren Weg: unterwegs per GPRS, EDGE oder HSDPA, im Büro und Zuhause via W-Lan.

Neben all dem Netzwerkzeugs stecken im Touch HD auch zwei Sensoren, die es dem Handy ermöglichen, sich seiner Position im Raum gewahr zu werden. Das ist zum einen ein GPS-Empfänger, der per Google Maps anzeigt, wo man gerade ist.

Zusätzlich hat das Mobiltelefon einen Beschleunigungssensor eingebaut, ganz wie das iPhone. Ähnlich wie das Apple-Handy macht das Touch HD von dessen Möglichkeiten nur eingeschränkt Gebrauch. Der Bildschirminhalt verändert seine Ausrichtung nur beim Websurfen und Bilder betrachen. Heimwerker können sich über diesen Sensor trotzdem freuen. In der Windows-Software versteckt findet man ein kleines Progrämmchen, das mit Hilfe des Sensors aus dem Hightech-Handy eine digitale Wasserwaage macht.

Wunsch-Handy für Windows-User?

Der Illusion, das Touch HD könne mit der Benutzerfreundlichkeit des Apple-Handys mithalten, sollte man sich sowieso nicht hingeben. Technisch ist es dem Kultgerät überlegen, keine Frage, mit dessen Leichtigkeit aber kann es sich nicht messen. So fehlen Multitouch-Funktionen völlig. Man kann zwar mehrere Finger auf das Display legen, eine Reaktion löst man damit nicht aus. Auch deshalb lässt sich das Touch HD nicht so intuitiv "begreifen" wie das iPhone. Allemal besser als Standard-Windows-Mobile-Handys ist es trotzdem.

Und das ist vielleicht das Killerargument: Wer gerne ein Mobiltelefon haben möchte, das sich nahtlos per Activesync in das Windows seines Heim- oder Büro-PCs einbinden lässt, findet derzeit kaum etwas Vergleichbares. Sony Ericssons Xperia X1 bietet zwar ähnlich viel Komfort und Funktionen, peilt mit seiner integrierten Tastatur aber eine ganz andere Kundschaft an.

Mobile Breitbandformate
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)
HSDPA
High Speed Downlink Packet Access - setzt auf UMTS auf, erzielt aber deutlich höhere Übertragungsraten bei der Übertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Die praktisch erreichbare Datenrate liegt zurzeit bei 1,4 Mbit/s. Durch technologische Verbesserungen soll sie allmählich auf 5,1 Mbit/s steigen. (mehr ...)
GPRS
General Packet Radio Service - dieser Standard zerlegt Daten beim Sender in einzelne Pakete, überträgt sie gestückelt und setzt sie beim Empfänger wieder zusammen. Durch Bündelung mehrerer Übertragungskanäle ist theoretisch eine Übertragungsrate von bis zu 171,2 Kbit/s möglich. Im praktischen Betrieb sind es meist 55,6 Kbit/s - so langsam waren Modems in den Zeiten vor DSL. (mehr ...)
Edge
Enhanced Data Rates for GSM Evolution - Technik zur Erhöhung der Übertragungsrate von Daten in GSM-Mobilfunknetzen. Durch effizientere Modulationsverfahren sollen in der Summe bis zu 384 Kbit/s erreicht werden - das ist UMTS-Geschwindigkeit. Edge wurde bisher in 75 Ländern eingeführt. (mehr ...)
WiMax
Die WiMax-Technologie umfasst mehrere Standards zu Datenübertragung auf verschiedenen Funkfrequenzen. Manche WiMax-Standards brauchen eine Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger, bei anderen können die Signale auch Mauern durchdringen. Bei Tests soll WiMax schon Datentransferraten von mehr als hundert Mbit/s erreicht haben. Hermann Lipfert, Experte für Drahtlosnetze beim Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT), schätzt, dass in einer regulären WiMax-Funkzelle Tranferraten von 50 Mbit/s realistisch sind - unter idealen Bedingungen und bei Anwendung aller derzeit zur Verfügung stehenden technischen Tricks. Diese Bandbreite müssten sich dann wie bei UMTS alle Nutzer teilen, die in der jeweiligen Funkzelle online sind. (mehr ...)
DVB-T
Der DVB-T-Standard regelt die Verbreitung digitaler Fernsehsignale per Funk. Der DVB-Standard ist zwar auch dafür ausgelegt, Internetinhalte zu übertragen - in den Frequenzbereich eines einzigen analogen Fernsehkanals (etwa sieben MHz) passen aber gerade mal 13 Mbit pro Sekunde hinein. Wenn an einer einzigen Sendestation also 20 Nutzer hängen, die gleichzeitig etwa einen Dateidownload versuchen, wird es schon eng - die Datenrate für jeden Nutzer läge unter einem Mbit/s, also niedriger als die der günstigsten DSL-Verbindungen, die derzeit im Angebot sind. "Die größte Gefahr für diese Technik ist, von der Gegenwart überholt zu werden", sagt Sven Hansen von der Computerzeitschrift "c't". Überträgt man die Inhalte über DVB, geht das auch nur in eine Richtung - wie beim Fernsehen eben. Der Rückkanal muss dann auf anderem Wege hergestellt werden, etwa über eine herkömmliche Telefonleitung. Mausklicks im Browser gingen bei dieser Methode über die Telefonleitung zum Provider, die angeforderten Seiten würden dann von der DVB-Sendestation zurück zum Empfänger gefunkt. Das ist umständlich - und langsam. (mehr ...)
LTE
Long Term Evolution ist der Name, den eine Reihe von Mobilfunkunternehmen einem weiteren Standard der vierten Mobilfunkgeneration gegeben haben. LTE ist im Grunde eine Weiterentwicklung von UMTS - braucht aber gänzlich neue Hardware, einschließlich neuer Sendestationen. LTE konkurriert mit dem WiMax-Standard um die Marktführerschaft im mobilen Internet der Zukunft - zwischen den beiden Standards wird möglicherweise ein neuer Formatkrieg ausbrechen. LTE ist nach Einschätzung von Experten gegenüber WiMax allerdings etwa zwei Jahre im Rückstand, was die technologische Entwicklung angeht. (mehr ...)

Die Kundschaft des Touch HD allerdings sollte über ein stattliches Mobilfunk-Budget verfügen, denn den Verkaufspreis gibt HTC mit 659 Euro an. Billiger wird es natürlich, wenn man es im Pakt mit einem Mobilfunkvertrag kauft. Bis etwa Jahresende wird es solche Kombipakete ausschließlich bei O2 geben. Im Tarif Genion-L-mit-Handy soll es dann 290 Euro kosten - bei zweijähriger Vertragsbindung.

Günstig gerechnet wird man damit über die gesamte Vertragslaufzeit 915 Euro los. Damit kostet es knapp 50 Euro mehr als das iPhone in der 8-GB-Variante mit dem günstigsten Complete-Tarif von T-Mobile. Die Entscheidung für das eine oder andere wird damit nurmehr zur Geschmacksfrage. Die Preise gleichen sich immer mehr aneinander an.



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