Indien Das Handy macht den Sardinenpreis

Eine Langzeitstudie zu lokalen Fischmärkten in Südindien beschreibt erstmals exakt die ökonomischen Effekte von Handy-Netzen auf Mikroökonomien in Entwicklungsländern. Demnach profitieren die Fischer spürbar vom Mobilfunk.


Die Mobilfunkindustrie weist gerne auf die Tatsache hin, dass ihre Netze in Entwicklungs- und Schwellenländern positive Entwicklungseffekte mit sich bringen. Und es scheint auch unbestreitbar, dass Handys beispielsweise indischen Bauern neue ökonomische Chancen eröffnen: Ähnlich wie die Mikrokredite des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus können Mobiltelefone für Agrar-Produzenten den Abschied vom willkürlichen Tauschhandel und die Initialzündung für echte Marktteilhabe bedeuten.

Indischer Fischer mit Handy: 207 Millionen Inder sind bereits mobil erreichbar, bis 2010 sollen es 50 Prozent der Bevölkerung sein
AP

Indischer Fischer mit Handy: 207 Millionen Inder sind bereits mobil erreichbar, bis 2010 sollen es 50 Prozent der Bevölkerung sein

Der Zusammenhang zwischen Mobilnetzen und lokaler Kleinstwirtschaft ist allerdings noch kaum erforscht. So behauptet die internationale Lobbygruppe GSM Association zwar, dass eine Steigerung der Handy-Penetration von zehn Prozent in Entwicklungsländern eine jährliche Steigerung des Inlandsproduktes um bis zu 0,6 Prozent bedeutet. Aber die Quelle für diese Zahlen, Leonard Waverman von der London Business School, hat seine Aussage unlängst deutlich abgeschwächt, zudem beruht sie auf der Auswertung von Statistiken und nicht auf Beobachtungen vor Ort.

Sardinen-Preise in Südindien

Genauere und aussagekräftigere Zahlen zum Einfluss von Handy-Netzen auf die Mikroökonomie in Entwicklungsländern verspricht jetzt der Havard-Ökonom Robert Jensen. Dessen Studie "The Digital Provide" basiert auf einem sehr konkreten Marktgeschehen, nämlich dem Sardinenhandel in 15 Hafenmärkten im südindischen Bundesstaat Kerala. Zudem bekommt Jensens Arbeit dadurch ein besonderes Gewicht, dass sie die Entwicklung der letzten zehn Jahre beschreibt, also vor, während und nach der Installation der Handy-Netze in der Region.

"The Digital Provide" dreht bereits im Titel den Slogan vom "Digital Divide" ins Positive, die Studie zur "digitalen Versorgung" wird im August im "Quarterly Journal of Economics" erscheinen. Vorab erklärte Jensen gegenüber dem "New Economist" aber bereits, dass er den Kausal-Zusammenhang zwischen Handy-Netzen und wirtschaftlichem Aufschwung jetzt klar belegen könne: Das Standardargument von Mobilfunkskeptikern lautet nämlich, dass der Handy-Boom in armen Ländern schlicht die Folge ökonomischer Erfolge ist, aber nicht deren Ursache.

Information schafft Bewegung bei den Preisen

Nach Jensens Zahlen machen die Fischer von Kerala dank mobiler Kommunikation unter dem Strich acht Prozent mehr Profit, während die Konsumentenpreise für ihre Produkte gleichzeitig um vier Prozent gesunken sind. Dieser doppelte Gewinn erklärt sich mit einem Blick auf den Fischhandel vor zehn Jahren: Mangels Kommunikation mussten die Fischer sich 1997 bei der Wahl des Marktes einfach auf ihr Glück verlassen - sie mussten ihre verderbliche Ware im ersten Hafen, den sie anliefen, losschlagen. In der Folge konnte Jensen beobachten, dass Fischer ihren Fang mangels Nachfrage oft nur zu schlechten Preisen oder gar nicht verkaufen konnten. Gleichzeitig konnte im Nachbarhafen das Angebot knapp und die Preise absurd hoch sein.

Als in Kerala allerdings von 1997 bis 2000 Mobilfunknetze in Betrieb gingen, änderte sich der lokale Fischhandel laut Jensen auf markante Art und Weise. Sobald die Fischer im Empfangsbereich der Handy-Netze sind, also etwa 20 Kilometer vor der Küste, können sie Angebot und Nachfrage in verschiedenen Häfen erkunden, und anschließend den profitabelsten Markt ansteuern. Seitdem gibt es laut Jensen praktisch nie mehr unverkäufliche Fänge, während vor 1997 im Durchschnitt fünf bis acht Prozent mangels Nachfrage im Müll landeten. Zudem sind die zuvor oft erheblichen, willkürlichen Preisunterschiede zwischen benachbarten Häfen inzwischen einem gut austarierten Preis gewichen, der für eine ganze Küstenregion gilt: "Informationen bringen Märkte zum funktionieren, und Märkte schaffen Wohlstand," schlussfolgert Jensen ob dieser Befunde. Ob und wie sich die Beobachtungen aus dem übersichtlichen Sardinenhandel in der indischen Provinz auf komplexere Wirtschaftssysteme übertragen lassen, bleibt allerdings abzuwarten.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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