Kein Hype in Deutschland: iPhone? I wo!

Von und

War nichts mit dem großen Run: Während in den USA die Fans zum Verkaufsstart des iPhone in Hysterie verfielen, reagierte Deutschland tiefenentspannt. SPIEGEL ONLINE nennt die Gründe, warum der iPhone-Faktor bei uns nicht wirkte.

Brezeln, Hörnchen, Schirme, Kuscheldecken. So hatte sich T-Mobile für den deutschlandweiten iPhone-Verkaufsstart in Köln gerüstet. Um Mitternacht öffneten die Mitarbeiter den T-Punkt, um den Fans die ersten iPhones zu verkaufen.

Eigentlich hatten ja Sonderbusse die Fans aus Berlin, Hamburg und München nach Köln karren sollen. Aus dem Massenevent wurde nichts. In den T-Punkt in der Kölner Schildergasse verirrten sich nur ein paar Hundert Leutchen.

iPhone-Euphorie in Deutschland?

Nein, danke. Wir kaufen später.

Was für ein Unterschied zur Hysterie in Nordamerika!

Der Andrang - in den USA enorm. Als in New York die erste Messe für das iPhone stattfand, kamen die Apple-Gläubigen in Scharen. Lange Schlangen bildeten sich Stunden vor der Verkaufspremiere, sechs Stunden Wartezeit und mehr waren keine Ausnahme. Mehr als 200.000 Handys gingen allein am ersten Verkaufswochenende weg. Der Telekomkonzern AT&T hatte 2000 Extra-Mitarbeiter angeheuert und zusätzliches Sicherheitspersonal eingestellt. Schon vorab hatten sich mehr als eine Million Amerikaner auf der AT&T-Website als iPhone-Interessente registrieren lassen.

Ernüchternder die Worte von T-Mobile-Sprecher Rene Bresgen zum deutschen Verkaufsstart: "Die Idee organisierter Bustouren nach Köln haben wir nicht weiterverfolgt. Die T-Punkte machen ja schon um zehn Uhr auf am nächsten Morgen." Auch T-Mobile bot im Internet Vorbestellungen an. Doch Bresgen konnte keine euphorisierenden Zahlen vermelden wie einst AT&T: "Wie viele Interessenten sich auf unserer iPhone-Seite genau angemeldet haben, können wir jetzt nicht sagen."

Hype in Deutschland? Weit gefehlt. Ganz unaufgeregt gingen die Kunden bei T-Mobile shoppen.
Getty Images

Hype in Deutschland? Weit gefehlt. Ganz unaufgeregt gingen die Kunden bei T-Mobile shoppen.

Der Hype-Faktor - in den USA enorm. Das "Time"-Magazin adelte das iPhone kürzlich mit dem Titel "Erfindung des Jahres". Der "Glamour" des Handys habe den Ausschlag zu dieser Entscheidung gegeben - nicht etwa die technischen Qualitäten. Ja, klar, 2007 habe es rein technisch innovativere Produkte gegeben, aber: Das Verdienst des iPhone sei es, dass es "die Leute zum Reden" bringe. Dito die "New York Times": Vor dem US-Verkaufsstart zog sie das Fazit, das Gerät sei einfach eine Revolution - trotz ein paar kleiner Nachteile. Und wie spaßig das Ding doch zu benutzen sei!

Das "New York Magazine" ging noch einen Schritt weiter - es nannte Apple-Chef Steve Jobs schlicht "iGod".

Fast alle deutschen Medien hatten mit amüsierter Neugier jede Welle des medialen iPhone-Großbebens jenseits des Atlantiks registriert. Kein Wunder also, dass der Hype hierzulande schon verebbte, bevor der Verkauf bei uns überhaupt begonnen hatte. Und kein Wunder, dass die Berichterstattung umso kritisch-pragmatischer wurde, je näher der Termin der Markteinführung hierzulande rückte. Jeder Rausch endet irgendwann. Danach folgt der Kater.

Und als der einsetzte, war in Deutschland sogar schnell vom "iWahn" die Rede - das Wort erfand unlängst die "Zeit" in einem knappen Artikel zum vermeintlichen Gerät des Jahres. Sie konstatierte abschätzig, dass das Handy zwar "wahnsinnig cool" daherkomme. Deutlich faszinierender fand sie aber, wie Apple seinen Kunden damit viel Geld aus der Tasche ziehe.

Die Kulturkritik - in den USA ziemlich unkritisch, siehe "Time" oder "New York Times". Das Gerät gilt als glamourös und sexy! Als ein Schmierstoff sozialer Interaktion, ein Garant von Spaß! Ein Über-Gadget! Quer durch die Medien wurde dem letzten Zweifler eingehämmert, dass es in diesem Jahr nur ein Must-have-Gerät gibt. Sogar die kanadische Muster-Linke und jedem Marken-Groupietum abholde Naomi Klein ("No Logo!") scheint dem Hype erlegen. In der "Neuen Zürcher Zeitung" dementierte sie kürzlich nicht, ein iPhone zu besitzen, sondern druckste herum. Auf die Frage, ob sie eins habe, beschied sie den Interviewer nur knapp, keine Werbung machen zu wollen.

Zweigeteilte Kritik dagegen in Deutschland: die urbane Latte-Machiatto-Bohème würde zwar gerne, kann aber nicht. Man hat kein Geld, wie der Autor der "taz", Stefan Kuzmany, stellvertretend für das Kreativ-Prekariat klagte. Also ein bisschen Genörgel an der Einkommensverteilung. Und selbst wenn Naomi Klein ein iPhone hätte. In China gebaut? Pfui.

Ansonsten: Theodor W. Adorno reloaded. Der intellektuelle Säulenheilige der deutschen 68er hatte einst die "rätselhafte Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen" gegeißelt, sich totalitären Ideologien zu unterwerfen. Von diesem tiefen Misstrauen gegenüber Technologie scheint eine bohrende Frage im kollektiven Bewusstsein geblieben zu sein: Wozu genau ist das jetzt gut? Eine sehr deutsche Frage, frei von Faszination - getrieben von Grundskepsis. Und je stärker Technik mit einem kollektiven Coolness-Faktor belegt wird, umso größere Zweifel hält man für angesagt.

Sexy alleine reicht einfach nicht. Sexy alleine ist suspekt.

Die Blogger - in den USA überschlugen sich die meisten mit Lobpreisungen und kreativen Wortschöpfungen, um das iPhone in allerhöchste Sphären zu heben. Einige luden das neue Gadget sogar mit quasireligiöser Heilserwartung auf. Sie tauften es "Jesus-Phone" oder "God Machine".

Auch deutsche Tech-Blogger widmen sich seit Wochen dem iPhone als Lieblingsthema - allerdings durchdrungen von technischem Pragmatismus. Countdowns zum deutschen iDay? Anreisepläne nach Köln? Dazu war kaum etwas zu finden auf den Seiten der deutschen Tech-Szene. Stattdessen etliche Fragen: Kann ein T-Mobile-Kunde einfach in den iPhone-Tarif wechseln? Nein, recherchierte ein Blogger ("tatsächlich keine Vertragsumstellung für Bestandskunden!"). Und: Wird die Bandbreite beim Datenabruf beschränkt, sobald eine bestimmte Schwelle überschritten ist?

Und vor allem: Wieso ist das Ding so teuer? Einer schimpft: "Dagegen waren die Wegelagerer im Mittelalter wohltätige Vereine!"

Die haben allerdings keine Brezeln, Hörnchen, Schirme und Kuscheldecken angeboten.

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Forum - Apples Multi-Handy - Schmu oder "iPhorie?"
insgesamt 204 Beiträge
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1.
theunknown 04.07.2007
Ja - funktioniert bei mir problemlos. Auch ohne Telefonfunktion ein grandioses Spielzeug ;)
2.
M. Michaelis 04.07.2007
Zitat von sysopJon Lech Johansen behauptet, das iPhone gehackt zu haben. Halten Sie das für realistisch? Haben Sie bereits ein iPhone und erste Erfahrungen damit? Schildern Sie Ihre Eindrücke!
Alles kann gehackt werden. Die frage ist welchen Sinn das macht.
3.
SaesuBibbs 04.07.2007
Naja, in Amerika kann man den AT&T-Vertrag innerhlab von 30 Tagen ohne Extrakosten kündigen. Wenn das in Deutschland auch ginge und das iPhone dann so gehackt wäre, dass man auch eine andere SIM einlegen kann, wäre das doch was. Ich hätte ja gerne ein iPhone mit Simyo. Eine Datenflatrate brauche ich nicht und bin auch nicht bereit für mobiles Internet mehr 5-10 Euro auszugeben.
4.
stonie 04.07.2007
Zitat von sysopJon Lech Johansen behauptet, das iPhone gehackt zu haben. Halten Sie das für realistisch? Haben Sie bereits ein iPhone und erste Erfahrungen damit? Schildern Sie Ihre Eindrücke!
Nein, werde auch keines erwerben, 450,- für die Hardware sowie als Provider nur T-Mobile als quasi Monopolist für Deutschland.... ...wers brauch...
5. Warum..
Wappenträger 04.07.2007
wird um dieses Telefon eigentlich so ein Hype gemacht? Könnte mich vlt. ja mal jemand drüber aufklären? Kein UMTS, keine MMS, 2!?! Megapixel Kamera. Hört sich für mich nicht grade verlockend an. Auf WLAN und Touchscreen kann ich bei einem Handy gerne verzichten. Hier wird doch einfach der IPOD Hype benutzt und ein Wunderhandy angepriesen was keines ist. In Deutschland nur mit Telekom Vertrag zu bekommen. Never nicht mit mir, da kaufe ich mir lieber nen guten, günstigen MP3 Player und ne simkarte bei Tchibo.
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