Massenvernetzung Die Welt drängt ans Handy

In der letzten Dekade ist die Zahl der Telefonanschlüsse dank Handy-Boom von einer auf vier Milliarden geklettert. Die Masse der neuen Handy-Nutzer aus China, Indien und Brasilien soll nach dem Willen der UN-Tochter für Telekomfragen bald auch mobil ins Internet.


Vor nur zehn Jahren gab es weltweit rund eine Milliarde Telefonanschlüsse. Seitdem ist die Zahl geradezu explodiert. Ende 2006 waren es schon fast vier Milliarden Anschlüsse rund um den Globus. Dank dieses rasanten Wachstums gibt sich die UN-Tochter für Telekommunikationsfragen zuversichtlich, dass ihre Ziele zur Vernetzung der Weltbevölkerung realisiert werden können. Das Ziel: Bis 2015 soll die Hälfte der Menschheit online sein. So hat es der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft 2005 vorgegeben.

Hindu mit Mobiltelefon: Eine halbe Million neuer Mobilfunkkunden pro Tag
REUTERS

Hindu mit Mobiltelefon: Eine halbe Million neuer Mobilfunkkunden pro Tag

Nach den gerade präsentierten Zahlen der ITU (International Telecommunication Union) hatten zuletzt aber "nur" eine Milliarde Menschen Zugang zum Internet. Bei einer Weltbevölkerung von derzeit 6,6 Milliarden muss sich bis 2015 also noch einiges bewegen, um die Ziele des Weltgipfels zu erreichen: Fast drei Milliarden Telefonanschlüsse müssen auch zu Internetzugängen werden.

Handy-Massen

Auf Festnetzleitungen wie man sie hierzulande nutzt, kann die UN bei der Vernetzung großer Teile der Menschheit allerdings nicht setzen. Von den vier Milliarden Telefonanschlüssen sind 2,68 Milliarden mobil. Dieser Handy-Anteil wird noch weiter steigen, denn die Zahl der Festnetznutzer ist in der letzten Dekade kaum gewachsen. Die ungeheuere Steigerung der letzten zehn Jahre wurde überwiegend durch Mobiltelefone verursacht.

Die Masse der neuen Handy-Kunden kommt zudem aus Entwicklungs- und Schwellenländern, allen voran Indien, China und Brasilien. Täglich werden jeweils eine halbe Million Chinesen und Inder zu Mobilfunknutzern. Damit wird die Entwicklung von Märkten und Anwendern getragen, für die Sprachtelefonie und SMS im Mittelpunkt stehen. Für Durchschnittskonsumenten ist in diesen Regionen einzig die nötige Hardware für eine mobile Internet-Nutzung unerschwinglich.

Angebunden oder online?

Wie die Milliarden armer Handy-Besitzer ins Internet kommen sollen, erklärt der aktuelle Bericht der Internationalen Fernmeldeunion namens "Trends in Telecommunication Reform" leider nicht im Detail. Die ITU geht aber davon aus, dass Fest- und Mobilnetze nach dem Konzept des "Next Generation Network" (NGN) zukünftig ohnehin zusammenwachsen. Wie das Internet selbst, soll auch dieses neue Einheitsnetz das Internet Protokoll (IP) für den Datenaustausch nutzen.

Aber während diese technischen Aspekte in Telekomkreisen als Konsens gelten, bleiben die zukünftigen Massenanwendungen im Dunklen: "Wir werden noch staunen, was es für Innovation gibt, wenn erst einmal eine Milliarde neuer Internetnutzer aus der Dritten Welt," das Netz der nächsten Generation erobern, erklärte laut einem Bericht von "Heise Online" unlängst der Nokia-Technologe Erkki Ormala. Mit der Möglichkeit, dass ein Großteil der Menschheit mit dem Handy vielleicht nur Telefonieren will, scheint dort niemand mehr zu rechnen.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler



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