Microblogging Passagier twittert sofort nach Flugzeugunglück

Er hatte gerade ein Flugzeugunglück überlebt, war einer brennenden Boeing entkommen: Sofort griff Mike Wilson zum Handy. Allerdings nicht, um seine Frau anzurufen. Zuerst meldete er den Crash per Twitter ins Web.


Es kann schockieren, wie manche Menschen einen Schock überwinden. Mike Wilson ist so ein Mensch. Wilson war einer der Passagiere an Bord von Continental Airlines Flug CO1404, jenem Flugzeug, das am Samstag beim Start in Denver von der Startbahn abkam und in Flammen aufging. Das Unglück ereignete sich um 18.18 Uhr Ortszeit. Nur sieben Minuten später, um 18.25 Uhr, setzte Wilson seine erste Twitter-Meldung ab: "Heilige Scheiße ich war gerade bei einem Flugzeug-Crash dabei!"

Gemeinsam mit 110 weiteren Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern war er gerade einer Katastrophe entkommen. Besonders beeindruckt scheint ihn dieses Erlebnis jedoch nicht zu haben. Schon eine halbe Stunde nach dem Unglück, bei dem 38 Menschen verletzt wurden, beginnt er wieder zu scherzen. "Das war Crash #2 für mich. Vielleicht sollte ich künftig Bus fahren", twittert Wilson um 18.58 Uhr.

Kurz darauf wurden Mike Wilson und die übrigen unverletzten Passagiere in die Business-Lounge der Fluggesellschaft gebracht. Dort angekommen - gerade eine Stunde, nachdem er mit der Boeing 737, in der er saß, knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt war, fängt er schon an zu nörgeln. Man habe die Passagiere in der Lounge quasi eingesperrt, es würden nicht einmal kostenlose Drinks serviert, mäkelt der Twitter-Fan. "Man hat sich zu Tode erschreckt, seinen Arsch gerade noch aus einem brennenden Wrack gerettet, und dann bekommt man noch nicht mal einen Wodka-Tonic. Buh", twittert Wilson fast genau drei Stunden nach dem Crash.

Twittern bis der Akku aufgibt

Und dann herrscht plötzlich Stille im Microblog des Mannes, der eben noch so freimütig von seinen Crash-Erlebnissen berichtete. Schuld ist aber nicht ein plötzlicher Zusammenbruch oder die Erkenntnis, dass er wirklich Schwein gehabt hat, unverletzt aus dem Wrack herausgekommen zu sein. Schuld war schlicht der Akku seines Handys, der irgendwann einfach den Geist aufgegeben hatte.

Erst als er schließlich spätabends zu Hause angekommen ist, meldet er sich wieder. Dann aber, wie sein aufgeladener Akku, wieder mit voller Energie. Von da an, kurz vor Mitternacht in Denver, schickt er eine Nachricht nach der anderen in seinen Twitter-Feed, versucht zu erklären, wie er den Crash erlebt, was er gesehen hat.

Und diese Schilderungen könnten den Ermittlern der amerikanische Flugaufsichtsbehörde vielleicht wirklich helfen, ein wenig besser zu verstehen, was mit der Maschinen passiert ist. Völlig unvermittelt und nach einem bis dahin ganz normalen Beschleunigungsvorgang sei das Flugzeug von der Startbahn abgekommen, sei dann "mit Vierradantrieb weitergefahren."

Gleich ab in den nächsten Flieger

Irgendwann habe es dann einen kräftigen Rumms gegeben, als das ganze Flugzeug plötzlich absackte. Vermutlich war dies der Moment, als das Fahrwerk abgerissen wurde. Als der Jet schließlich zum Halt kam, habe eine Seite schon gebrannt. "Ich konnte die Hitze sogar durch das Fenster spüren." Durch einen Notausgang gelangte er schließlich aus dem brennenden Wrack und rettete sich, so wie viele andere Passagiere, in die nahegelegene Wache der Flughafenfeuerwehr.

Seinen noch kurz nach dem Unglück geäußerten Vorsatz, künftig doch lieber mit dem Bus zu fahren, hat Mike Wilson übrigens trotz dieser üblen Erfahrungen nicht umgesetzt. Den von Continental angebotenen Ersatzflug jedenfalls hat Wilson dankbar in Anspruch genommen. Dieses Mal aber ließ er sich einen Sitzplatz direkt am Notausgang geben. Nicht aus Angst, wie er in seinem Blog twittert, sondern vor allem, weil er dort mehr Platz hat, die Beine auszustrecken.

mak



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