Mobile Film Festival Actionkino auf dem Handy

Aufregende Verfolgungsjagden, liebevolle Animationen und actionlastige Sportfilme: Handyfilme werden zunehmend zur ernstzunehmenden Kunstgattung. In Berlin wurden am Donnerstag die besten Mobiltelefon-Movies des Jahres prämiert.

Von Helmut Merschmann


Lauter junge Menschen strömen in den Roten Salon der Berliner Volksbühne. Die Preisverleihung des Mobile Film Festival 2008 findet hier statt. Brav haben alle ihre Handys ausgeschaltet, kein einziges Klingeln ist während der einstündigen Zeremonie zu hören. 170 Filme wurden bei dem zum dritten Mal ausgerichteten Festival eingereicht – alle hergestellt mit dem Mobiltelefon. Per SMS konnte sich jeder an der Wahl des Publikumspreises beteiligen. Über die drei Hauptpreise, die an diesem Abend verliehen werden, hat eine Jury abgestimmt.

Auf der Bühne bietet sich das Bild einer dezimierten Version des hochkarätig besetzten Preisgerichts. Nur zwei der Juroren sind erschienen: die Schauspielerin Julia Richter ("Die Nacht, in der ganz ehrlich überhaupt niemand Sex hatte") und ihr Kollege Andreas Schmidt ("Sommer vorm Balkon"). Der Rest fehlt. Produzent Oliver Berben hatte seinen Flieger in Cannes verpasst, Ana Maria Mühe ("Was nützt die Liebe in Gedanken") befand sich bei Dreharbeiten, und auch Kameramann Frank Griebe ließ sich entschuldigen.

Etwas improvisiert holpert die Preisverleihung über die Bühne. Besonders engagiert zeigt sich Andreas Schmidt. Dem großgewachsenen Schauspieler hatten viele der eingereichten Handystreifen ausnehmend gut gefallen. "Ich bin glücklich über die Juwelen", sagte er, "hatte mir jedoch gewünscht, dass es noch trashiger und wilder zugeht." Eigenmächtig hat die Jury einige Preiskategorien über Bord geworfen, beispielsweise die der "Plansequenz". So bezeichnet man Filme, die ohne Schnitt am Stück gedreht werden. "Durchgedrehte Filme", scherzte eine Moderatorin und gab damit doppeldeutig Andreas Schmidt recht, "hat es einfach zu wenig gegeben."

Keine Ruckelbilder mehr

Trotzdem: Handyfilme können sich sehen lassen. Erstaunlich, wie gut die kleinen Mobilstreifen, selbst an die Kinoleinwand projiziert, noch aussehen. Offenbar hat die Kameratechnik, denkt man an die Ruckelbilder vergangener Tage zurück, große Fortschritte gemacht. Der Hauptgewinner "0,75 Meter je Sekunde" von Jana Frieß ist beispielsweise mit einem K850i von Sony Ericsson gedreht worden und weist – ganz professionell – Kamerafahrten, Jump Cuts und innere Monologe auf.

Der einminütige Kurzfilm zeigt eine geheimnisvolle Verfolgungsjagd auf menschenleeren Rolltreppen. Bei den Dreharbeiten kam Regisseurin Frieß, die im Hauptberuf Mangafilme untertitelt, der Streik des Berliner Nahverkehrs vor zwei Wochen zu Gute. Dementsprechend kurzfristig hatte sie ihren Film beim Festival eingereicht.

Deutlich länger brauchte Rahel Kraska für die Fertigstellung ihres Animationsfilms "Soundtrack fürs Leben", der den zweiten Preis erhielt. Mit der Kamera auf einem Notenständer hat die rührige Allroundkünstlerin die selbst gezeichneten Bildfolgen ihres groovigen Micromovies abgeknipst. Um eine flüssige Bewegung zu erzielen, nahm sie vier Bilder von jedem Motiv auf. "Soundtrack fürs Leben" lautet auch der Titel des Debutalbums der an der Jazz- und Rockschule Freiburg ausgebildeten Musikerin, das soeben fertiggestellt worden ist.

Aus der Perspektive eines Fußballs zeigt "Footmobile" von Rui Alvans Coelho, wie die beiden Volkssportarten Fußball und Mobilfunk eine perfekte Symbiose eingehen. Man kann nur darüber spekulieren, ob das wild durch die Luft wirbelnde Handy, das zwischendurch auch mal den Torpfosten streift, die Dreharbeiten gut überlebt hat. "1:0 für diesen Film", kommentierte ein begeisterter Andreas Schmidt den portugiesischen Beitrag, der den dritten Preis erhielt.

Mit dieser breiten Palette ganz unterschiedlicher Ausdrucksformen stellt das Mobile Film Festival unter Beweis, welche Möglichkeiten in Handyfilmen stecken. Selbst eine Institution wie die Deutsche Kinemathek, von der man nicht behaupten kann, dass sie jedem Trend hinterherläuft, hat das "Potenzial der Bilder" erkannt, wie es ein Vertreter ausdrückte. Als Festivalpartner will die Kinemathek die Handyfilme dauerhaft archivieren.

Offenbar hat sich die Qualität von Handyfilmen noch nicht bis in die Riege deutscher Jungschauspieler herumgesprochen. Sonst wären zur Preisverleihung sicher mehr erschienen. Zumindest Andreas Schmidt kann sich vorstellen, künftig einmal in einem Handyfilm mitzuspielen, "wenn die Qualität stimmt". Ob nicht Handyfilme von jedermann die Spezialisten entwerten, frage ich ihn. "Umso besser."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.