Mobile Störsignale Handy-Hysterie im Krankenhaus?

Handy-Strahlung stört angeblich medizinische Apparate. Mehrere Studien belegen: Die Funktelefone sind besser als ihr Ruf. Sie ermöglichen schnelle Kommunikation, die in Krisenfällen Leben rettet. Andererseits wird mit Foto-Handys Missbrauch getrieben.


Das Mobilfunkverbot in Krankenhäusern gilt als genauso lästig wie akzeptiert: Nach landläufiger Meinung stören Handys medizinische Apparate. Für derartige Komplikationen will natürlich niemand verantwortlich sein. Doch wie stark ist das mobil gefunkte Störsignal tatsächlich? Inzwischen gibt es eine Reihe ernstzunehmender Studien, nach denen Handy-Strahlung für Elektro-Apparaturen unkritisch, Handy-Bann in Krankenhäusern damit unnötig ist.

Störfaktor Foto-Handy: Kopien von Röntgenbildern geschossen
DPA

Störfaktor Foto-Handy: Kopien von Röntgenbildern geschossen

Eine Untersuchung der renommierten Mayo Clinic in Rochester (US-Bundesstaat Minnesota) konnte keinerlei Effekte von Mobilsignalen auf medizinische Apparate nachweisen. Eine Arbeit aus dem letzten Jahr, die an der Yale School of Medicine durchgeführt wurde, kam sogar zu dem Ergebnis, dass der Schaden, der durch mutmaßliche Störungen entsteht, durch die Vorteile einer schnellen, mobilen Kommunikation mehr als wettgemacht wird.

Handys bei schneller Kommunikation unschlagbar

Würden sich die Erkenntnisse der Yale-Studie bestätigen, könnte der Handy-Bann in Krankenhäusern guten Gewissens aufgehoben werden: 4.000 US-Anästhesisten wurden damals befragt, von diesen berichteten 2,4 Prozent, dass sie bereits Erfahrungen mit Interferenzen zwischen medizinischen Geräten und Mobiltelefonen gemacht haben. Keine dieser Störungen hatte gravierende Folgen. 15 Prozent der Ärzte konnten indes von Fällen berichten, in denen Kommunikations-Verzögerungen, die durch Mobil-Telefonie vermeidbar gewesen wären, zu Fehlern oder zu Schädigungen des Patienten geführt hatten.

Bei der schnellen Koordination medizinischer Maßnahmen sind Handys unschlagbar. Neu ist diese Überlegung übrigens nicht, bereits im Jahr 2004 herrschte laut der BBC unter britischen Medizinern weitgehend Einigkeit darüber, dass die möglichen Gefahren des Handy-Gebrauchs im Krankenhaus überbewertet, der mögliche Nutzen indes unterschätzt sei.

Fatale Foto-Handys

Man könnte also dafür plädieren, den Handy-Bann in Krankenhäusern früher oder später aufzuheben. Doch die mobilen Funktelefone sind nicht nur aufgrund ihrer Strahlung problematisch: In den USA sorgen derzeit eine Reihe von Zwischenfällen mit Kamera-Handys für Furore. Der spektakulärste hat sich im kalifornischen Tri-City Medical Center zugetragen: Hier wurden laut der Nachrichten-Site "10 News" neun Angestellte entlassen, weil sie mit dem Handy Röntgenbilder abfotografiert hatten.

Das IT-Magazin "Wired" berichtet von mindestens drei weiteren Fällen, in denen der Missbrauch von Kamera-Handys durch medizinisches Personal zu Entlassungen geführt hat. Nach dem Bericht haben zahlreiche US-Kliniken mit verschärften Handy-Verboten reagiert - was wiederum den Unmut vieler Ärzte auslöst, die auf ihre Handys weder als Kommunikationsmittel noch als Fotoapparat verzichten möchten.

Die wahren Probleme der Handy-Nutzung in Krankenhäusern sind also offenbar vom Menschen gemacht. Eine (Teil-)Lösung im Klinkalltag könnte die exklusive Nutzung so genannter "Simple-Handys" sein. Mit Geräten, die sich nur zum Telefonieren eignen, könnte der medizinische Informationsfluss optimiert werden. Hobby-Paparazzi hätten indes keine Chance.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.