Mobilfunk-Innovation: Das erst Wimax-Handy geht nach Russland

Unterwegs schöner, schneller Surfen und außerdem billiger telefonieren: Die Mobilfunktechnologie Wimax soll Datenreisenden das Leben leichter machen. Jetzt wurde das erste Handy vorgestellt, das die neuen Netze nutzen kann - in Russland.

Bisher führte die Drahtlos-Technik Wimax ein Nischendasein. In Deutschland wird sie in einigen Regionen und Städten als kabelloser DSL-Ersatz angeboten, im Rest der Welt gibt es Pilotprojekte und lokal begrenzte kommerzielle Angebote. In Russland aber gibt es einen Anbieter, der schon jetzt etliche Millionen Menschen per Wimax versorgen kann. Bisher allerdings nur mit Internet-Diensten. Mobiles Telefonieren war über das schnelle Datennetz bislang nicht möglich, weil es keine passenden Handys gab - das hat sich jetzt geändert.

Der taiwanesische Hersteller HTC bezeichnet sein gestern vorgestelltes Modell Max 4G als "das erste integrierte GSM/Wimax-Handy auf dem Markt". Damit widerlegt der Konzern Gerüchte, wonach das russische Designbüro Art Lebedev womöglich das erste Wimax-Mobiltelefon herausbringen könnte.

Von außen jedenfalls sieht das Max 4G so aus, wie man sich ein modernes Highend-Mobiltelefon vorstellt: Großer Touchscreen, kaum Knöpfe. Die Auflösung des Bildschirms beträgt 800 mal 480 Pixel, das Gewicht wird mit 151 Gramm angegeben. Das sind annähernd iPhone-Maße, und doch ist dieses Gerät ganz anders.

Neun TV-Kanäle auf einmal anschauen

Denn mit normalen Mobilfunknetzen verbindet sich das Max 4G per GSM. Übliche Datenübertragungstechniken wie UMTS, HSDPA oder EDGE beherrscht es nicht. Im Wimax-Netz des russischen Mobilfunkanbieters Scartel aber läuft es zu voller Form auf. Dann nämlich werden Telefonate nicht mehr per GSM, sondern per Web-Telefonie, also VoIP (Voice over IP), geführt. Allerdings nur, wenn beide Gesprächspartner ein Wimax-Telefon benutzen. Das ist neu und das hat es bisher noch nicht gegeben.

Richtig spannend wird es aber erst, wenn man die Datenfunktionen des neuen Handys nutzt. Konkrete Angaben über mögliche Datenübertragungsraten bleiben Hersteller und Netzanbieter zwar schuldig, aber üblicherweise können Wimax-Netze zwischen 1 und 3 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) übertragen. Eine Geschwindigkeit, die durchaus mit DSL mithalten kann.

Mobile Breitbandformate
UMTS
Universal Mobile Telecommunications System - wird oft als Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) bezeichnet, da er deutlich höhere Datenübertragungsraten als sein Vorgänger GSM ermöglicht. Deutsche UMTS-Netze schaffen üblicherweise eine Bandbreite von 384 Kbit/s für die Datenübertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Reguläre DSL-Anschlüsse bieten heute üblicherweise 1024 Kbit/s. (mehr ...)
HSDPA
High Speed Downlink Packet Access - setzt auf UMTS auf, erzielt aber deutlich höhere Übertragungsraten bei der Übertragung vom Mobilfunkmast zum Endgerät. Die praktisch erreichbare Datenrate liegt zurzeit bei 1,4 Mbit/s. Durch technologische Verbesserungen soll sie allmählich auf 5,1 Mbit/s steigen. (mehr ...)
GPRS
General Packet Radio Service - dieser Standard zerlegt Daten beim Sender in einzelne Pakete, überträgt sie gestückelt und setzt sie beim Empfänger wieder zusammen. Durch Bündelung mehrerer Übertragungskanäle ist theoretisch eine Übertragungsrate von bis zu 171,2 Kbit/s möglich. Im praktischen Betrieb sind es meist 55,6 Kbit/s - so langsam waren Modems in den Zeiten vor DSL. (mehr ...)
Edge
Enhanced Data Rates for GSM Evolution - Technik zur Erhöhung der Übertragungsrate von Daten in GSM-Mobilfunknetzen. Durch effizientere Modulationsverfahren sollen in der Summe bis zu 384 Kbit/s erreicht werden - das ist UMTS-Geschwindigkeit. Edge wurde bisher in 75 Ländern eingeführt. (mehr ...)
WiMax
Die WiMax-Technologie umfasst mehrere Standards zu Datenübertragung auf verschiedenen Funkfrequenzen. Manche WiMax-Standards brauchen eine Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger, bei anderen können die Signale auch Mauern durchdringen. Bei Tests soll WiMax schon Datentransferraten von mehr als hundert Mbit/s erreicht haben. Hermann Lipfert, Experte für Drahtlosnetze beim Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT), schätzt, dass in einer regulären WiMax-Funkzelle Tranferraten von 50 Mbit/s realistisch sind - unter idealen Bedingungen und bei Anwendung aller derzeit zur Verfügung stehenden technischen Tricks. Diese Bandbreite müssten sich dann wie bei UMTS alle Nutzer teilen, die in der jeweiligen Funkzelle online sind. (mehr ...)
DVB-T
Der DVB-T-Standard regelt die Verbreitung digitaler Fernsehsignale per Funk. Der DVB-Standard ist zwar auch dafür ausgelegt, Internetinhalte zu übertragen - in den Frequenzbereich eines einzigen analogen Fernsehkanals (etwa sieben MHz) passen aber gerade mal 13 Mbit pro Sekunde hinein. Wenn an einer einzigen Sendestation also 20 Nutzer hängen, die gleichzeitig etwa einen Dateidownload versuchen, wird es schon eng - die Datenrate für jeden Nutzer läge unter einem Mbit/s, also niedriger als die der günstigsten DSL-Verbindungen, die derzeit im Angebot sind. "Die größte Gefahr für diese Technik ist, von der Gegenwart überholt zu werden", sagt Sven Hansen von der Computerzeitschrift "c't". Überträgt man die Inhalte über DVB, geht das auch nur in eine Richtung - wie beim Fernsehen eben. Der Rückkanal muss dann auf anderem Wege hergestellt werden, etwa über eine herkömmliche Telefonleitung. Mausklicks im Browser gingen bei dieser Methode über die Telefonleitung zum Provider, die angeforderten Seiten würden dann von der DVB-Sendestation zurück zum Empfänger gefunkt. Das ist umständlich - und langsam. (mehr ...)
LTE
Long Term Evolution ist der Name, den eine Reihe von Mobilfunkunternehmen einem weiteren Standard der vierten Mobilfunkgeneration gegeben haben. LTE ist im Grunde eine Weiterentwicklung von UMTS - braucht aber gänzlich neue Hardware, einschließlich neuer Sendestationen. LTE konkurriert mit dem WiMax-Standard um die Marktführerschaft im mobilen Internet der Zukunft - zwischen den beiden Standards wird möglicherweise ein neuer Formatkrieg ausbrechen. LTE ist nach Einschätzung von Experten gegenüber WiMax allerdings etwa zwei Jahre im Rückstand, was die technologische Entwicklung angeht. (mehr ...)

Und als genau das, nämlich einen mobilen DSL-Ersatz, positioniert der russische Anbieter sein Netz auch. Mit den Max 4G soll man Online-Spiele nutzen, Stadtpläne laden und Dateien tauschen können. Vor allem aber soll das Gerät als tragbares TV-Terminal dienen. 14 Fernsehsender sind bereits jetzt im Wimax-Netz verfügbar, bis zum Jahresende sollen es 23 werden. Jeweils neun davon zeitgleich soll das Handy als Übersicht darstellen können, aus denen man sich dann jenen aussucht, den man tatsächlich ansehen will. Über einen TV-Ausgang soll das Gerät gar als TV-Tuner für Zuhause taugen.

Eine mögliche Lösung für ländliche Gemeinden

Um das nutzen zu können, muss man sein Zuhause allerdings entweder in Moskau oder in St. Petersburg haben. Diese beiden Städte hat Scartels Wimax-Ableger Yota bereits weitgehend flächendeckend mit Wimax-Netzen überzogen. Immerhin 15 Millionen Menschen werden so erreicht.

Darüber, ob oder wann es das Wimax-Handy auch in Deutschland zu kaufen geben wird, gibt es bisher keine Angaben. Mit 5-Megapixel Digicam, Bluetooth, W-Lan und Windows Mobile 6.1 würde es sicher auch hier, zumindest in per Wimax versorgten Gebieten, einige Freunde finden. Vor allem in ländlichen Gegenden, die nicht mit 3G-Techniken wie UMTS und HSDPA versorgt werden, könnten solche Geräte in Kombination mit Wimax endlich eine mobile Datennutzung ermöglichen. Denn verglichen mit UMTS liegt die Reichweite von Wimax-Netzen weit höher. In Versuchen wurden schon bis zu 50 Kilometer überbrückt.

mak

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