Nahost-Konflikt Nachrichtenmedium in der Hosentasche

Als Handy-verrückt galten Libanesen wie Israelis schon vor dem aktuellen Konflikt. In den letzten Wochen aber mauserte sich das mobile Telefon für viele zu einem erstrangigen Nachrichtenmedium.


Krieg im Zeitalter der modernen Massenkommunikation: Die Libanesen sind passionierte Telefonierer, jeder Vierte besitzt ein Mobiltelefon, und während der Kämpfe der vergangenen Wochen wuchs den kleinen Geräten unversehens eine wichtige Rolle zu. Bei jeder Bombenwelle lief das Mobilnetz heiß.

Jeder ein Reporter: Ein junger Mann fotografiert mit seinem Handy einen brennenden Polizeiwagen
REUTERS

Jeder ein Reporter: Ein junger Mann fotografiert mit seinem Handy einen brennenden Polizeiwagen

Freund und Gegner nutzten die Handy-Kommunikation: Geflohene Familien hielten damit den Kontakt zu ihren Angehörigen und konnten teilweise "live" Angriffe auf ihre Wohnorte miterleben. Israel wiederum nutzte die Handys für die psychologische Kriegführung: Die Armee schickte Propaganda-Botschaften an die Libanesen.

Trotz schwerer Zerstörungen während der wochenlangen Bombardements sind im Libanon die Mobilfunknetze nicht zusammengebrochen. "Im Vergleich zu den anderen Kriegen konnten wir dieses Mal auf dem Laufenden bleiben", sagt Mahmud, nachdem er zu seinem Haus in Al Kharayeb, 30 Kilometer südlich der Stadt Sidon, zurückgekehrt ist.

Die Fenster sind zerstört, ansonsten ist das Gebäude aber intakt. Aber das wusste Mahmud schon, der mit seiner Familie nach Sidon geflüchtet war. "Die Leute aus dem Dorf haben uns durchgegeben, dass es nicht getroffen wurde."

Der Libanese Manal berichtet, wie er über das Handy von Beirut aus den Angriff israelischer Hubschrauber auf Baalbek in der im Osten gelegenen Bekaa-Ebene miterlebt hat. "Ich sprach gerade mit einem Freund vor Ort. Er erzählte mir, was er sah, und ich hörte die Bomben im Hintergrund fallen."

Israel nutzte die Handys seinerseits für Propaganda. Dabei wurden nicht nur massenhaft SMS-Botschaften verschickt, auch Sprachmitteilungen erreichten Libanesen regelmäßig zeitgleich mit den über dem Land abgeworfenen Flugblättern, in denen die Hisbollah und ihr Führer Hassan Nasrallah von Israel attackiert wurden.

"Ich habe den ersten Anruf bekommen, als ich im Fahrstuhl war", sagt Manal. "Eine ziemlich unangenehme Stimme sagte in hervorragendem Arabisch: 'An das libanesische Volk! Hassan, die Schlange, wird Euer Land zerstören.'" Er sei "wie gelähmt" gewesen, sagt Manal. "Im Spiegel habe ich meinen Kopf gesehen, meine Augen waren weit aufgerissen."

Auch May hat diese Botschaften bekommen. "Die erste hat mich wie der Blitz getroffen", sagt sie. "Die anderen sechs habe ich abgebrochen." Die aufgezeichneten Mitteilungen wurden offenbar wahllos ins libanesische Telefonnetz geschickt - ob an Christen oder an Moslems, an Handys oder an Festnetztelefone, mitten in der Nacht oder tagsüber.

Für den Netzbetreiber Alpha waren die Mobiltelefone auch eine Möglichkeit, Spendenaufrufe zu Gunsten des Roten Kreuzes weiterzugeben. "Durch eine SMS konnten unsere Abonnenten einen Dollar mehr auf ihren Monatsbetrag zahlen", sagt Sprecher Aline Karam. Die Spende wurde dann an die Organisation weitergeleitet.

Mitten im Krieg nutzten die Libanesen das Telefon aber auch, um etwas Druck abzulassen und ließen per SMS ihrem Galgenhumor freien Lauf, etwa über die israelischen Angriffe auf Hisbollah-Hochburgen am Rande von Beirut: "Warum macht die Hisbollah in den Vorstädten das V als Siegeszeichnen?", wurde da etwa gefragt. Antwort: "Um zu zeigen, dass nur noch zwei Häuser stehen geblieben sind".

Anne Chaon, AFP



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