Navigon Das iPhone wird zum Navigator

Es hat GPS, Beschleunigungssensoren und einen großen Touchscreen: Das iPhone könnte ein prima Navigationssystem abgeben. Die erste Software, die das Apple-Handy tatsächlich zum Pfadfinder macht, ist erst jetzt erhältlich. SPIEGEL ONLINE hat sie zum Test ausgefahren.

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Auf einmal ging alles ganz schnell: Kaum war das iPhone 3G S auf dem Markt, das neue iPhone OS 3.0 freigegeben, erschien auch schon die erste Navigations-Software im App Store. Das Programm der Hamburger Navigon legte damit einen echten Schnellstart hin und stieß offenbar in eine weit offen klaffende Marktlücke vor: Quasi vom Start weg plazierte sich die Navi-Software auf Platz 1 der Verkaufcharts - obwohl es mit 75 Euro weit teurer ist als die sonst übliche iPhone-Software.

Dass es erst jetzt eine Navigationssoftware für das iPhone gibt, darf man ohne Abstriche Apple anlasten. Das Unternehmen hatte es Software-Herstellern schlicht verboten, sogenannte Turn-by-Turn-Navigations-Software zu entwickeln. Erlaubt war nur, was mit der vorinstallierten Karten-Software möglich war. Die kann schon immer Routen berechnen, nutzt aber weder GPS noch Mobilnetz-Triangulation. Stattdessen muss man an jedem Wegpunkt auf das Display tippen, um die nächste Streckenanweisung zu sehen. Praktisch ist das nicht.

Erst mit der Einführung des iPhone OS 3.0 haben die Apple-Entwickler die Hürde genommen, die echte Navigations-Software erlaubt. Darauf haben nicht nur Anwender, sondern auch Anbieter längst gewartet. Tomtom, so hartnäckige Gerüchte, hatte seine Software schon vergangenes Jahr auf Apples Mobiltelefon portiert, sitzt seither auf dem fast fertigen Produkt. Warum dennoch Navigon als erster Anbieter eine solche Software anbieten kann, ist unklar.

Navi mit Nach-Hause-Knopf

Je nach Umfang des mitgelieferten Kartenmaterials belegt die Navigon-Software durchaus substantielle Mengen des begrenzten iPhone-Speichers. Zum Test stand eine Variante zur Verfügung die Kartenmaterial für Deutschland, Österreich und die Schweiz umfasst, damit rund 380 Megabyte belegt. Im App Store kostet sie 70 Euro. Sinnvoller, aber eben auch speicherintensiver ist die Variante mit Europakarten. Sie kostet nur 30 Euro mehr, enthält dafür aber auch Kartenmaterial für 40 Länder Europas. Dafür muss man allerdings auch 1,65 GB im Speicher freimachen. Dass Apples Handys nicht per Speicherkarte erweiterbar sind, kann da schon weh tun.

Überhaupt nicht schmerzhaft ist dafür der Umgang mit dem Mobilenavigator. Nach dem Programmstart öffnet sich ein simples Menü mit vier großen Tasten. Ziele kann man entweder händisch eingeben, aus dem Adressbuch oder der Datenbank für Sonderziele (Restaurants, Tankstellen, Geldautomaten etc.) auswählen. Sehr schön: Es gibt einen Nach-Hause-Knopf, der den Heimweg sucht, egal, wohin man sich verfahren hat.

Die eigentliche Routenführung funktioniert fast wie erwartet. Gelegentlich hinkt das iPhone-Navi der Realität etwas hinterher, weist etwa auf eine Abbiegestelle hin, wenn man längst in der Kurve ist. Die Kartendarstellung macht dagegen Freude, ist übersichtlich und schnell. Hinweise auf kommende Abzweigungen werden in einem Extrafenster angezeigt, bei komplizierten Straßenverläufen mit mehreren Fahrspuren hilft ein Fahrspurassistent.

Ohne Hardware taugt das nichts

Nett und freundlich ist auch die Stimme der Dame, welche die Routenanweisungen vorliest. Um ihr uneingeschränkt Gehör geben zu können, braucht man allerdings ein leises Auto. Bei schneller Fahrt und steigendem Geräuschpegel haben die winzigen iPhone-Lautsprecher Mühe, sich durchzusetzen. Im Übrigen aber funktioniert das iPhone mit dem Mobilenavigator als Navi so, wie man es sich wünscht.

Verbesserungsmöglichkeiten gibt es trotzdem einige. Das dringlichste Manko: Nicht einmal, wenn man mit Geld droht, kann man bei Navigon eine passende Autohalterung für das iPhone bekommen. Das Unternehmen bietet ein solches Zubehör einfach nicht an. Auf dem freien Markt gibt es allerdings eine breite Auswahl. Zu Preisen knapp über zehn Euro bekommt man brauchbare iPhone-Halterungen, die aber oft auf eine senkrechte Ausrichtung limitiert sind. Wer im Wagen auch den Landscape-Modus der Navi-Software nutzen will, muss für eine drehbare Halterung etwas mehr ausgeben.

Außerdem braucht man zwingend ein Ladekabel, denn der Betrieb als Navigationsgerät schlaucht den iPhone-Akku doch sehr. Im Test erreichte die Ladestandanzeige nach etwa eineinhalb Stunden die kritische Entladungsmarke. Aber das ist bei reinen Navigationsgeräten meist auch nicht besser.

Schmerzlich fällt auch auf, dass die Navigon-Software sich keinerlei Verkehrsdaten bedient. Weder per TMC-Verkehrsfunk noch aus dem Internet besorgt sich das Programm Staumeldungen. Irritierend, aber mit einem iPhone nicht anders machbar, ist auch das Vorgehen bei eingehenden Anrufen. Für die Dauer des Gesprächs wird die Navi-Software beendet, startet automatisch wieder und setzt die Navigation fort, sobald man auflegt. So lange man also telefoniert, kann man sich nicht führen lassen. Das iPhone OS lässt es einfach nicht zu, dass zwei Programme (Navigation und Telefon) gleichzeitig laufen. Zumindest die Sicherheit mag das erhöhen: Während der Fahrt sollte man ja auch nicht telefonieren.

Fährt man mit dem iPhone und der Mobilenavigator-Software also gut? Ja, sofern man ein iPhone 3G oder 3G S hat und eben nur dieses eine Gerät mit sich herumtragen möchte. Ja auch, wenn man bereits eine Autohalterung für das Apple-Handy besitzt. Die gibt es sogar inklusive FM-Transmitter, der Telefonate und Routenanweisungen über die Lautsprecher des Autoradios ausgibt.

Vor dem Kauf sollte man sich allerdings auch bei den herkömmlichen Navigationsgeräten umschauen. Der Versender Pearl etwa bietet einen Navi mit Kartenmaterial für Deutschland schon ab 70 Euro an. Brauchbare Markengeräte, etwa den Tomtom One, bekommt man problemlos ab 130 Euro - inklusive Europakarten, Autohalterung und Ladekabel. Etwa so viel kostet auch die Navigon-Software zuzüglich einer billigen Halterung und eines Ladekabels.



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