Nonsens-Werbung Dicker Handy-Dealer soll Telekom-Image richten

Wer ist dieser Mann? Ein runder Herr singt in einem Werbespot der Telekom herzergreifend Opernarien. Der Brite verkauft sonst Mobiltelefone - nun soll er in Deutschland das Telekom-Image aufbessern.


Die Deutsche Telekom hat angesichts von Service-Problemen und Spitzelaffären dringend eine Image-Politur nötig. Entsprechend groß ist auch das Media-Budget des neuen TV-Spots geraten, mit dem der Konzern derzeit seinen neuen, konzernübergreifenden Claim "Erleben, was verbindet" einführt: Der mit eineinhalb Minuten außergewöhnlich lange Spot läuft seit einigen Tagen auf fast allen Kanälen.

Youtube-Star: Paul Potts sang im britischen Fernsehen - und wurde zum Liebling der Web-Nutzer

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Das Filmchen zeigt eine Talent-Show, in der ein korpulenter Mann mit schiefem Gebiss Jury und Publikum gleichermaßen verblüfft. Denn wenn der Kandidat zu Beginn die Bühne betritt, ewarten offensichtlich alle Anwesenden eine ausgemachte Peinlichkeit - aber dann rührt die plumpe Gestalt mit der Arie "Nessun dorma" aus Giacomo Puccinis Oper "Turandot" sogar die hartgesottenen Juroren zu Tränen.

Die wirklich außergewöhnliche Szene aus der TV-Talentshow wurde allerdings nicht eigens für den Telekom-Spot erdacht und gefilmt. Sie stammt aus der britischen TV-Show "UK sucht das Supertalent", und zeigt den Auftritt des Handy-Verkäufers Paul Potts. Der Auftritt des Walisers avancierte im vorigen Jahr zu einem Hit auf YouTube, Potts gewann den Talentwettbewerb und seine erste Platte schoss prompt auf Platz Eins der britischen Charts.

"Der Paul-Potts-Clip illustriert die Wirkung dieses singenden Handy-Verkäufers auf die Gefühle und Gedanken der Menschen," erklärt Gordon Craig von der TV-Produktionsfirma FremantleMedia die Qualität des Materials der Zeitung " The Guardian". Für den Telekom-Spot wurde das Material aus "UK sucht das Supertalent" jetzt einfach durch eine Reihe von Szenen ergänzt, die Zuschauer aller möglicher TV-Kanäle zeigen. Diese verfolgen Potts' Auftritt sowohl vor der klassischen Glotze als auch am Rechner und via Handy.

Das Telekom-Filmchen ( Youtube-Clip) läuft nicht nur im Fernsehen, es wird auch auf YouTube schon wieder eifrig geklickt und diskutiert. Ob der Konzern die gewünschte Wirkung erzielt, ist allerdings noch unklar. Denn auch wenn in den Foren Einigkeit über die Qualitäten des Protagonisten Potts herrscht, klappt die Image-Übertragung nicht ganz so reibungslos: "Ich mochte das YouTube-Video, hasse die Werbung aber. Ich weiß nicht, inwiefern der Gesang etwas mit Telekom zu tun haben sollte", bringt etwa "KingNauz" die Skepsis vieler Nutzer auf den Punkt.

Zudem die Montage des britischen Materials mit Zuschauern vor den TV-Schirmen nur auf den ersten Blick schlüssig ist. Denn der verbindende Moment, von dem hier erzählt wird, findet in der Realität ja schon längst nicht mehr im Fernsehprogramm statt.

Zum Allgemeingut werden bemerkenswerte TV-Szenen ( Youtube-Clip) heute schließlich durch YouTube und Co. Womit die Videos eben nicht mehr gleichzeitig, sondern zeitversetzt gesehen werden. Und zuletzt dürfte den aufgeklärten Zusehern nach einigen Wiederholungen auch klar werden, dass nicht einmal das Ausgangsmaterial einen "authentischen" Moment zeigt. Denn FremantleMedia ist mit Formaten wie "Popstar" ("DSDS") Europas größte TV-Produktionsfirma, und der Auftritt Paul Potts' natürlich von Anfang an nach Drehbuch durchinszeniert.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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