SOS Dem Morse-Code droht das Vergessen

Der Urahne aller Codes des Zeitalters der technischen Kommunikation droht endgültig zu einer toten Sprache zu werden: Die Beherrschung des Morsecodes ist künftig für US-Amateurfunker nicht mehr obligatorisch.


Angesichts der Allgegenwart von Mobiltelefonen und Internet scheint die Verständigung per Morsecode schrecklich umständlich, mühsam und langwierig. Trotzdem wird die Urform moderner Fernkommunikation bislang von Funkamateuren am Leben gehalten, für die Zulassung als aktiver Funker ist die Beherrschung der Morsetechnik nämlich immer noch obligatorisch.

Technisches Fossil: Mit solchen Morse-Tastern begann die elektronische Kommunikation
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Technisches Fossil: Mit solchen Morse-Tastern begann die elektronische Kommunikation

Aber auch dieses letzte Morse-Biotop scheint jetzt ernsthaft in Gefahr: Die zuständigen US-Behörden wollen jedenfalls zukünftig auf die Morse-Prüfung für Funkamateure verzichten. In der meist wenig beachteten, aber äußerst vitalen Szene ist daraufhin eine hitzige Diskussion entbrannt, ob das Morsen wirklich überflüssig geworden ist, oder als grundlegende Technik erhalten werden sollte.

Die Fürsprecher des Morsens weisen vor allem darauf hin, dass der Code einfach, universell und vor allem relativ ausfallsicher sei: Kommunikation über große Entfernungen ist per Morsecode beispielsweise auch dann noch möglich, wenn Stromnetze ausgefallen sind, weil sich einfaches Funkequipment auch per Batterie betreiben lässt. Und wenn die Verbindung für Sprachdienste längst zu schwach ist, reicht sie oft noch für die Übermittlung von Morsezeichen.

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Mit der Entscheidung der US-Behörden steht auf jeden Fall der Urahne aller aktuellen Kommunikationstechniken zur Debatte: 1833 konstruierte Samuel Morse den ersten wirklich funktionstüchtigen Telegrafen, 1837 fand der erste öffentliche Testbetrieb des Systems statt, wobei der verwendete Code nur zehn Zeichen umfasste, Text musste daher vor und nach der Übermittlung in einen Zahlencode übersetzt werden.

Der Morse-Mitarbeiter Alfred Lewis Vail entwickelte anschließend den bis heute üblichen Morsecode, bei dem Buchstaben und Zahlen jeweils mit Hilfe von drei Signalen unterschiedlicher Länge (und unterschiedlich langen Pausen) dargestellt werden. Bekanntestes Beispiel ist dabei das Notsignal "SOS", das 1903 als international gültiges Notrufzeichen definiert wurde, weil die Zeichenfolge (drei kurz, drei lang, drei kurz) besonders einfach ist - die mögliche Bedeutung "Save our Souls" wurde erst nachträglich ins Signal interpretiert.

Funkcode wird Fossil

Laut dem Kommunikations-Theoretiker Paul Saffo könnte die Morsetelegrafie jetzt endgültig das gleiche Schicksal ereilen, wie andere tote Sprachen, Morsen würde demnach zum Latein des Zeitalters der technischen Kommunikation.

Dabei hat das Morsealphabet erst vor zwei Jahren das erste Update seit 60 Jahren erfahren: 2004 wurde von der ITU (International Telecommunication Union) die Zeichenfolge Kurz-Lang-Lang-Kurz-Lang-Kurz für das @-Zeichen definiert.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

P.S.: Morsen lernen kann man auch im Web.



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