Twitternde Steckdose Strompetze ist das grünste Gadget

Tweet-a-Watt ist ein einfacher Bausatz, der den Stromverbrauch an einer Steckdose über den Mikro-Blogging-Dienst Twitter in die sozialen Online-Netzwerke meldet. Das Gerät wurde gerade bei einer Konferenz zum grünsten Gadget des Jahres gekürt.


In New York hat bei der Greener Gadgets Konferenz eine Expertenjury ein Gerät zum Öko-Sieger gekürt, das den individuellen Stromverbrauch an die sozialen Online-Netzwerke meldet.

Grünes Gadget: Tweet-a-Watt überträgt den Stromverbrauch zu Twitter, und stellt damit Ökosünder unter öffentliche Beobachtung

Grünes Gadget: Tweet-a-Watt überträgt den Stromverbrauch zu Twitter, und stellt damit Ökosünder unter öffentliche Beobachtung

Tweet-a-Watt besteht zunächst aus einem kleinen grauen Kasten, dessen Gestaltung offensichtlich nichts mit Design zu tun hat. Das karge Grau-in-Grau-Display erinnert an einen altmodischen Taschenrechner, die fünf Knöpfe an einen billige Fernbedienung. Das Öko-Gadget wird wie eine Zeitschaltuhr zwischen Steckdose und die angeschlossenen elektrischen Geräten geschaltet. Danach misst Tweet-a-Watt permanent den Stromkonsum, um den Tagesverbrauch an der Steckdose zu berechnen.

Dieser Wert wird dann über den Mikro-Blogging-Dienst Twitter in die digitalen Kommunikationsnetze eingespeist. Wer den entsprechenden Twitter-Kanal kennt, kann den täglichen Stromverbrauch am Rechner kontrollieren oder sogar als SMS auf dem Handy empfangen. Sinn und Zweck dieser Übung ist es, den individuellen Energieverbrauch freiwillig der sozialen Kontrolle der Online-Communitys zu unterwerfen.

Twitter
Prinzip
zu Deutsch zwitschern oder schnattern, ermöglicht es, kurze Textnachrichten als Mikroblog per SMS, Instant Messaging oder Web-Oberfläche zu veröffentlichen. Andere Nutzer können diese Meldung beispielsweise mit ihrem Mobiltelefon oder RSS-Reader verfogen. Der Dienst heißt Twitter, die SMS-ähnlichen Nachrichten Tweets. mehr zu Twitter auf der Themenseite
Geschäft
Twitter hat bislang kein Erlösmodell. Im Gespräch sind Werbung oder kostenpflichtige Twitter-Accounts für Unternehmen. Ende 2008 lehnte CEO Evan Williams ein Übernahmeangebot über 500 Millionen Dollar von Facebook ab. Akute Geldsorgen hat die Firma dennoch nicht - 55 Millionen US-Dollar Risikokapital hat das Unternehmen seit Gründung erhalten, zuletzt brachte eine Finanzierungsrunde noch einmal 35 Millionen US-Dollar.
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Damit Tweet-a-Watt eine möglichst große Verbreitung erfährt, ist es als Bausatz auf Basis eines bestehenden Geräts konzipiert: Das Messgerät Kill-a-Watt ist online für 24,99 Dollar zu haben, die benötigten Bauteile zur Aufrüstung gibt es für einen ähnlichen Betrag.

Spaß mit gutem Gewissen

Das grünste Gadget des Jahres wurde im Rahmen der Konferenz Greener Gagdets gekürt, die vom Design-Magazin "Core77" ausgerichtet wird und dieses Jahr zum zweiten Mal stattfand. Dass die Konferenz im Vergleich zu 2008 relativ wenig Beachtung fand, ist offensichtlich dem schnelllebigen Zeitgeist geschuldet - letztes Jahr war ja Green IT auch ein Themenschwerpunktthema der Cebit. Dagegen ist das Anliegen der Greener Gagdets Conference wohl eher ein Langzeitprojekt. Denn grundsätzlich geht es bei der Veranstaltung darum, Lifestyle-Technik und gutes Öko-Gewissen irgendwie miteinander zu versöhnen.

Wie mühsam und langwierig der Weg zu grünem Technikspielzeug noch ist, zeigt sich besonders deutlich beim Design-Wettbewerb. Dieser soll eigentlich zeigen, wie Öko-Gadgets aussehen könnten. Aber genau wie dieses Jahr wurde auch 2008 kein MP3-Player oder ähnliches, sondern ein durch und durch pädagogischer Entwurf prämiert: Der Bausatz EnerJar sieht aus wie ein Haufen E-Schrott im Marmeladenglas und ermöglicht ähnlich wie Tweet-a-Watt die Kontrolle des eigenen Stromverbrauchs.

Grünes Bewusstsein

Der entscheidende Unterschied zwischen EnerJar und Tweet-a-Watt ist natürlich die Vernetzung. Denn während das Gewinnergerät des Vorjahres den Verbrauch nur auf dem Display anzeigt, macht Tweet-a-Watt den Energiekonsum potentiell zu einer öffentlichen Angelegenheit. Die Lehre nach dem Abflauen des grünen Technikbooms lautet demnach wohl: Um das eigene Verhalten wirklich zu ändern, braucht es ein wenig sozialen Druck. Und genau diesen soll die Strompetze erzeugen. Dazu müsste natürlich an jeder genutzten Steckdose im Haushalt eines der Geräte den Verbrauch kontrollieren. Genau das schwebt denn auch den Erfindern Limor Fried und Phillip Torrone vor.

Sollte Tweet-a-Watt tatsächlich eine weitere Verbreitung erfahren, würde allerdings ein äußerst zweifelhaftes Szenario Wirklichkeit. Zum einen würde die Transparenz des Stromverbrauchs den Verlust von Privatsphäre bedeuten - erst Recht angesichts der naheliegenden Möglichkeit, den Verbrauch nicht nur täglich, sondern in kürzeren Intervallen zu melden. Aber auch die Ökobilanz des massenhaften Einsatzes von Tweet-a-Watt ist natürlich durchwachsen. Schließlich würde massenhaft neue Technik installiert, deren Herstellung und Betrieb die Umwelt zunächst einmal nur belasten würde.

Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler

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