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W-Lan: SPD will freies Funknetz für Berlin

Von und

Drahtloser Internetzugang soll Berlin für Touristen und Investoren attraktiver machen. Zumindest die SPD ist von dieser Idee ganz begeistert. Kostenlose Städtenetze haben aber bislang einen Makel: Gratis gibt es nicht das Internet, sondern nur spezielle Stadtangebote.

Ein milder Sommertag am Lustgarten im Herzen von Berlin: Auf eine Parkbank gesetzt, das Notebook aufgeklappt – schon ist der Tourist drin im weltweiten Netz. Ohne Anmeldeformulare oder Kreditkartennummer, denn ganz Berlin ist mit einem Funknetz abgedeckt. Begrüßt werden die Datenreisenden auf einer Portalseite, die einen Fahr- und Stadtplan bietet. Und weil das Funknetz registriert, wo man gerade ist, zeigt es automatisch allerlei Informationen an: etwa historische Bilder, die zeigen, wie das Stadtschloss aussah, das hier stand, bis es 1954 abgerissen wurde, oder was im Palast der Republik einmal los war, bevor er zum Stahlgerippe wurde. Auch ganz praktische Tipps kommen per Netz: vom öffentlichen Klo bis zur U-Bahn-Station.

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DER SPIEGEL

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So sieht sie aus, die Vision der Hauptstadt-SPD, der "Berlinweite W-Lan-Plan" von Landeschef Michael Müller, der auf eine "Innovationsoffensive" der Hauptstadt drängt. Geht es nach seiner Partei, käme in die einstige Mauermetropole ein Stück Sozialismus zurück, allerdings nur virtuell: Das Netz umsonst und für alle – innerhalb des S-Bahn-Rings – soll Berlins Image als dynamische Stadt verbessern. Die Hartz-IV-Hochburg wirbt zukünftig mit Hightech.

Im Konkurrenzkampf der Städte und Regionen beginnt ein neues Rennen – der digitale Wettbewerb um Touristen, Firmen und Forscher. "Wir sind begeistert von der Idee", so Jens-Peter Redlich, der als Informatikprofessor an der Humboldt-Universität immer wieder beim Aufbau von W-Lan-Netzen hilft.

Die Entdeckung des Datensozialstaats ist keineswegs neu. Seit vielen Jahren schon experimentieren diverse Kommunen mit ähnlichen Projekten – allerdings mit begrenztem Erfolg. Bislang gibt es nur in Heidelberg ein seit 2006 funktionierendes, drahtlos empfangbares Informationsangebot für Touristen. In der gesamten Altstadt können Besucher blitzschnell News über Sehenswürdigkeiten, Hotels, Behörden oder Restaurants abrufen. "Das funktioniert wie eine Art Stadtführer für Fußgänger und ist ortsbezogen", erklärt Thomas Reinhart, Geschäftsführer der Erfinder-Firma "Heidelberg-mobil".

Stadtportal-Informationen, sonst nichts

Ob in einem Lokal am Tisch oder auf einer Parkbank, jederzeit und überall können Besucher schnell in Erfahrung bringen, wo sich die nächste Apotheke befindet oder wo gerade "Happy Hour" ist. Auch der Weg dorthin wird als Karte auf den Bildschirm mitgeliefert. Rund 300 Menschen pro Tag nutzen bereits das drei Quadratkilometer große Netz.

"So etwas braucht künftig jede Stadt, um attraktiv zu sein", schwärmt Reinhart und freut sich über den Exportschlager: "Wir haben bereits ein ganzes Stadtviertel in Peking nach Heidelberger Vorbild drahtlos vernetzt. In Berlin könnten wir das natürlich auch installieren." Bis jetzt ist der Zugang kostenlos, schließlich kann man in Heidelberg derzeit nur die Stadtportal-Informationen abrufen. Wenn über diesen Weg später auch der Zugang zum kompletten Internet freigeschaltet wird, ist Schluss mit der Freifahrt im Netz – dann sollen die Nutzer doch bezahlen.

Die Anfänge der Bewegung für das freie Netz für alle liegen in den Universitätsszenen und im Alternativmilieu von Städten wie Berlin, Amsterdam und San Francisco. Dort gingen in den neunziger Jahren Technikbastler in Wohngemeinschaften oder besetzten Häusern daran, Bürgernetze aufzubauen. Nach ein paar euphorischen Treffen zeigte sich jedoch oft, dass viele das Angebot zwar nutzten, aber nicht selber Arbeit investieren wollten.

Heute propagieren noch Vereine wie "Freifunk" das freie Netz für freie Bürger. Immerhin 5475 Internet-Aktivisten in ganz Deutschland haben ihre persönlichen Funknetze freigeschaltet für die Nutzung durch Dritte in der unmittelbaren Umgebung. Zudem haben über 40 Unis, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf ihrem Campus ein für alle zugängliches Netz installiert.

"Unheimlich wartungsintensiv"

Das ambitionierteste Programm startete vor zwei Jahren der argentinische Netz-Visionär Martin Varsávski mit seiner Firma Fon: Bis 2010 will er das gesamte Ruhrgebiet vernetzen. Tausend Router mit einer Reichweite von etwa hundert Metern hat er bisher unter die Leute gebracht. Die Nutzer erhalten die Router umsonst, im Gegenzug verpflichten sie sich, diese Art Funkstation für Mitbenutzer zu öffnen. Stück für Stück soll das so entstehende Netz immer dichter werden.

Doch Fortschrittsglaube und Technikbegeisterung allein werden nicht ausreichen, um den Traum vom freien Netzzugang zu verwirklichen. "Man darf sich in der Anfangseuphorie nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Projekte unheimlich wartungsintensiv sind", mahnt der Berliner Informatikprofessor Redlich und rät zu Realismus. "Die Wartung verschlingt sehr viel Geld und muss irgendwie gegenfinanziert werden, meist über einen Sponsor oder über Werbung."

Kommerzielle Hotspots sind deshalb derzeit die am weitesten verbreitete Variante – aber sie nerven auch gewaltig. In vielen Hotels, Bahn- und Flughäfen ist die drahtlose Internetnutzung möglich. Doch sind diese Hotspots meist fest in den Händen großer Netzbetreiber und eine teure wie komplizierte Angelegenheit. Umständliche Registrierungen und Bezahlmethoden schrecken die Kunden eher ab.

Dauerkonkurrenz UMTS

Die möglichen Kosten für die Öffentliche Hand sind allerdings nicht das einzige Hindernis für den Ausbau des Netzes – die kommerzielle Konkurrenz beobachtet die Vorhaben misstrauisch. In den USA haben Telefongesellschaften bereits versucht, den Aufbau von öffentlichen W-Lan-Netzen gerichtlich zu unterbinden. Hierzulande läuft das Hauptgeschäft mit den drahtlosen Überallzugängen über die vom Staat vor wenigen Jahren für sagenhafte 90 Milliarden Euro verkauften UMTS-Funklizenzen.

Privates und öffentliches Interesse muss allerdings nicht kollidieren, wie einige Beispiele zeigen. Eines der interessantesten Projekte läuft derzeit in Sankt Gallen in der Schweiz. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung hat eine private Firma große Teile der Universitätsstadt mit einem intelligenten sogenannten "Mesh"-Netz überzogen, bei dem die Daten von einem Nutzer zum nächsten per Funk "weitergereicht" werden, was den Zugang unschlagbar billig macht. "Dass die Daten nur langsam tröpfeln, ist dabei ein erwünschter Nebeneffekt", so Projektleiter Urs Kofmehl. "Denn so können Reisende zwar ihre E-Mails abrufen, zum Missbrauch wie dem gierigen Herunterladen von Filmen dagegen eignet sich unser Netz kaum."

Ob solch ein Zugang auch ein Weg für Berlin wäre, ist noch unklar – schließlich müsste in der Metropole ein relativ großes Netz gespannt werden. Wahrscheinlich wird die neue Netz-Freiheit in der Stadt Schritt für Schritt Einkehr halten – beginnend an zentralen Plätzen.

Auch Initiator Müller hat noch keinen fertigen Plan für ganz Berlin: "Wir geben erst mal die Idee vor", sagt der SPD-Mann. "Schließlich sind wir eine Partei und keine Internetfirma."

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