Web-Dienste für Handys: Nokias Online-Attacke

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Handys sind längst mobile Mini-PCs. Sie sammeln Adressen, Termine, Filme, Fotos, Musik und mehr. Eine neue Version von Nokias Web-Dienst Ovi soll helfen, diese Daten zu verwalten, zu sichern und zu tauschen - aber ganz auf seine eigenen Fähigkeiten mag sich der Konzern nicht verlassen.

Mit dem erweiterten Dienst Ovi tritt der Handy-Weltmarktführer in direkte Konkurrenz zu Microsoft und Apple. Beide versuchen seit einiger Zeit, Anwender für ihre Online-Dienste zu begeistern. Microsoft mit Windows Live, das in erster Linie Online-Angebote zusammenfasst, die es ohnehin schon gibt. Apple mit MobileMe, dem bisher als .mac bekannten Online-Service, der jüngst umbenannt, um ein paar neue Funktionen erweitert wurde - und mit erheblichen Anlaufproblemen zu kämpfen hatte.

Mit neuen Funktionen hat jetzt auch Nokia seinen Ovi (finnisch für "Tür") genannten Dienst angereichert. Den Kern der Updates bilden Synchonisationsoptionen, mit denen man Handy-Daten via Mobilfunknetz mit Nokia-Servern abgleichen kann. So etwas kennt man schon, beispielweise von Microsofts Unternehmenssoftware Activesync und Apples MobileMe. Beide bieten die Möglichkeit, Kontaktdaten, Termine und ähnliches ohne umständliche Strippenzieherei mit dem PC oder einem Online-Dienst abzugleichen.

Der Unterschied bei Nokia: Hier muss man jeden Synchronisationsvorgang manuell anstoßen. Die Lösungen von Microsoft und Apple hingegen übertragen Änderungen sofort - oder zumindest automatisch. Immerhin aber bietet Nokia mit der neuen Option seinen Kunden eine Möglichkeit an, ihre Daten bequem und ohne Umweg über den PC aktuell zu halten und vor allem vor Verlust zu schützen. Denn selbst wenn das Handy geklaut wird, in eine Pfütze fällt oder einfach den Geist aufgibt bleiben seine Daten sicher auf dem Server oder auf der Festplatte des heimischen PCs gelagert.

Ein halbes Gigabyte Nokia bitte

Ohnehin hat Nokia dem Zusammenspiel seiner Handys mit Computern einiges an Arbeit gewidmet. Offenbar haben die Finnen erkannt, dass sie zwar schon bisher einige tolle PC-Programme hatten, um ihre Handys in Windows einzubinden, wahrscheinlich aber wurden die nur von einem geringen Prozentsatz der vielen Millionen Nokia-Anwender verwendet. Warum auch? Schließlich hätte man sich die Software dafür stückweise bei Nokia zusammenklauben müssen. Diesen Schritt vereinfacht das Unternehmen jetzt mit der Programmsammlung Nokia Ovi Suite, in der alles zusammengefasst ist, was Nokia-Handys und Windows-PCs verbindet.

Das Wagnis, die Ovi Suite auf dem PC zu installieren, bezahlt man allerdings mit knapp einem halben Gigabyte Speicherplatz. An einem langsamen Internet-Anschluss kann schon das Herunterladen der Software zur Geduldsprobe werden. Verwirrend: Nachdem man gerade mühsam die gesamte Software aus dem Netz gezogen und installiert hat, wird schon beim ersten Aufruf gemeldet, man solle doch bitte ein Update laden, weil die installierten Programme total veraltet seien - zumindest teilweise.

Was man sich dann auf den Computer holt, ist letztlich eine komplette Programmsammlung zum Verwalten aller Daten, die man auf seinem Nokia-Handy so mit sich herumträgt. Für Anwender der Nokia-Navigationssoftware Maps geradezu unverzichtbar ist beispielsweise der Nokia Map Loader. Der lädt Nokia-Kartenmaterial über den Internet-Anschluss des PCs auf das Handy, was nicht nur Zeit, sondern vor allem Geld spart. Wer diese Möglichkeit nicht nutzt, muss die Karten über die Online-Verbindung des Handys laden, was ohne Daten-Flatrate und vor allem im Ausland ein teurer Spaß werden kann, denn hier kommen schnell etliche Megabyte zusammen.

Ebenfalls im Paket enthalten ist eine Foto-Software, die Schnappschüsse und Videos aus dem Handy lädt und einen Transfer der Bilder beispielsweise zu flickr ermöglicht. Ganz bescheiden und doch ein heimliches Highlight: Nokias Home Media Server, eine Software, die Bilder, Filme und Musik über ein Netzwerk andere Geräte bereitstellen kann, beispielsweise, um Web-Videos per Netzwerk-Receiver auf einem Fernseher anzuschauen.

Was Nokia der Konkurrenz voraus hat, ist zumindest der Dienst "Files on Ovi". Über den bekommt man via Internet Zugriff auf den heimischen PC und dessen Datenbestände. Wer sich fragt, wofür man das am Handy gebrauchen soll, sei beruhigt: Files on Ovi ist auch von einem PC oder Mac aus nutzbar - quasi als Fernsteuerung für den Heimrechner.

Zusätzlich gibt es einen Online-Speicher für Digitalfotos, den Nokia ohne mengenmäßige Limitierung anbietet. Natürlich fehlt hier auch der Gemeinschaftgedanke nicht: Wer mag, kann einen Fotochannel einrichten, über den Freunde stets die neuesten Bilder zu sehen bekommen.

Wer andere Dateien, also etwa Office-Dokumente online ablegen möchte, wird bei Ovi zur Kasse gebeten. 10 Gigabyte Speicherplatz kosten 50 Euro pro Jahr, 30 Gigabyte müssen mit 100 Euro freigeschaltet werden.

Nokia bleibt für alle offen

Wirklich brauchbar ist all das allerdings nur, wenn man auch das passende Nokia-Handy besitzt. Denn - und das ist wohl der größte Schwachpunkt der Ovi Suite - die Software funktioniert nur mit vergleichweise neuen Nokia-Handys. Ganz so eingeschränkt wie Nokia es auf der Ovi-Seite mit nur drei möglichen Modellen anzeigt, ist es aber nicht. Immerhin 16 Modelle, vom n73 bis zum 6210 Navigator, lassen sich damit ansteuern.

Wer keines dieser Modelle hat, muss bei Nokia weiterhin von Hand seine Progrämmchen für den mobilen Datenabgleich zusammensuchen. Geht auch, ist bloß umständlicher. Mac-Anwender, die sich jetzt womöglich zurückgesetzt fühlen, weil Ovi nur auf Windows ausgerichtet ist, sollten sich beruhigt zurücklehnen. Die Finnen haben längst angekündigt, auch eine Mac-Version der Ovi-Suite bereitstellen zu wollen. Einen Termin dafür gibt es zwar noch nicht, aber immerhin die Absichtserklärung.

Ohnehin scheint Nokia mit Ovi primär Privatkunden ansprechen zu wollen. Für Profis setzt das Unternehmen offenbar voll auf die Allmacht von Microsoft. Kurz nachdem die Finnen ihr neues Ovi-Paket vorgestellt hatten, wurden auch schon neue Updates für Microsoft-Kunden veröffentlicht. Allen voran eine Software, die Nokia-Handys zu Endgeräten für Microsofts Exchange Adress- und Terminverwaltung macht. Insgesamt 43 Geräte können damit quasi per Mausklick in Firmennetzwerke eingebunden werden - und fallen damit als Ovi-Kunden aus. Zusätzlich unterstützt Nokia eifrig Microsofts Windows Live, dass sich per Zusatz-Software zumindest on einer kleinen Schar aktueller Handys nutzen lässt.

Dem finnischen Konzern wird das freilich kaum etwas ausmachen. Schließlich hat das Unternehmen so viele Privatkunden, dass es schon ein ambitioniertes Ziel wäre, eine Mehrheit davon für Ovi zu begeistern.

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